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Die Erde braucht die Menschheit nicht, auch das ist eine Botschaft in "Metro Last Light".
Die Erde braucht die Menschheit nicht, auch das ist eine Botschaft in "Metro Last Light".(Foto: Deep Silver / 4A Games)

Autor von "Metro Last Light" im n-tv.de-Interview: "Frieden ist für Menschen unnatürlich"

Der Shooter "Metro Last Light" ist eines der besten Spiele des Jahres. Autor der packenden Geschichte um einen Atomkrieg, die Überreste der menschlichen Zivilisation und ihres Existenzkampfes ist Dmitri Gluchowski. Im Interview mit n-tv.de bezeichnet der Russe sein Land als "Korruptionspyramide", als Schauspiel politischer Marionetten des Präsidenten Wladimir Putin - und lobt Nordkoreas Diktator Kim Jong Un.

n-tv.de: Herr Gluchowsky, mit Ihrem ersten Metro-Buch haben Sie einen langen Weg zurücklegen müssen. Sie wurden von Verlagen zurückgewiesen, dann haben Sie Ihr Werk einfach online gestellt – und am Ende wurde es doch gedruckt und ein Bestseller. Warum?

Dmitri Gluchowsky: Die meisten bezeichnen "Metro 2033" als einen Sci-Fi-Roman. Das ist es jedoch nicht. Im Goethe'schen Sinne ist es ein Bildungsbuch – die Geschichte eines Jungen, der sein Zuhause verlässt und sich in ein Abenteuer aufmacht, um am Ende ein Mann zu werden. Er versucht seinen Platz in der Welt zu finden, ob es für ihn und die Menschheit noch eine Aufgabe gibt. An welche Ideologien und Religionen er glauben soll. Das ist die psychologische Triebkraft meiner Geschichte. Deshalb ist es besonders ansprechend für und erfolgreich bei jüngeren Lesern. Ein weiterer Grund für den Erfolg ist natürlich die Metro selbst – ein perfekter Platz für einen postapokalyptischen Roman, voller Geheimnisse und auf ihre Art ein eigener Charakter.

Ist das auf das Spiel übertragbar?

Dmitri Gluchowski ist Journalist und Autor. Der 33-jährige Russe lebt in Moskau.
Dmitri Gluchowski ist Journalist und Autor. Der 33-jährige Russe lebt in Moskau.(Foto: Promo)

Wir müssen uns bei Kim Jong Un bedanken. Offenbar hat er einen Deal mit dem Kreml, mit seinen Drohungen gratis für "Metro Last Light" zu werben. Denn der Atomkrieg findet in meiner Geschichte tatsächlich im Jahr 2013 statt, 30 Jahre zuvor. Nukleare Paranoia ist ein Hauptgrund für die Popularität meiner Romane. Menschen versuchen sich die Zeit danach vorzustellen. Eine durch Menschen verursachte Apokalypse ist viel wahrscheinlicher als etwa ein Asteroid, der auf der Erde einschlägt und uns vernichtet.

Die Geschichte einer menschlichen Zivilisation, die trotz drohender Auslöschung und auch nach einem verheerenden Atomkrieg weiterhin gegeneinander kämpft, ist auch als Sozialkritik lesbar. Was genau ist Ihre Absicht dahinter?

Das erste Buch beschreibt Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Und die plötzliche Freiheit, jede Ideologie wählen zu können. Es gibt eine kommunistische Fraktion, die sich an die Vergangenheit klammert und auch Neonazis. Ich werde häufig gefragt, was die im Moskauer Untergrund zu suchen haben. Es gibt eine starke Nazi-Bewegung in Russland derzeit. Das ist widersprüchlich, denn auf der einen Seite betonen sie die ethnische Überlegenheit der Russen, auf der anderen tendieren sie in ihrer Ästhetik sehr zu den deutschen Nazis – inklusive der Sprache und dem gotischen Schreibstil. Was natürlich paradox ist, denn ihre Großväter sind womöglich im Krieg gegen Deutschland gefallen. Verschiedene Ideologien kämpfen um Einfluss, und die Sozialkritik ist mehr eine Beschreibung der Gesellschaft, wie sie vor zehn Jahren war.

Was hat sich seither verändert?

Inzwischen ist die politische Landschaft eine andere. Politisch stagniert das Land, weil Wladmimir Putin seit einer Dekade alles dominiert. Es gibt kein öffentliches politisches Leben. Alles ist simuliert. Wir haben nur Marionetten, die vorgeben, Kommunisten, Nationalisten, Demokraten oder Konservative zu sein. Tatsächlich sind alle nur Puppen. Denn noch immer muss diese Farce veranstaltet werden, die sich Wahl nennt. Wahlen sind ein Rattenrennen. Und egal, welche zuerst ankommt – sie gehört dem Kreml.

Sie sprechen über die Personen, die derzeit an der Macht sind, also Putin und Medwedjew?

Bilderserie

Medwedjew ist nicht an der Macht. Er ist im Grunde auch eine Marionette. Ich spreche über Putin und sein Umfeld. Er hat die politische Macht und er steuert die Finanzelite. Ich spreche über Leute, die von ihm abhängig sind, die ihn aus seiner Kindheit und Jugend kennen, Köpfe aus dem Geheimdienst KGB, mit denen er eine politische Kaste erschaffen hat, die ihn unterstützt. Das ist das russische Regime. Die Elite.

Welche Regierungsform wird in Russland derzeit praktiziert?

Zwar keine echte Diktatur, aber eine Korruptionspyramide, die das echte demokratische System ersetzt hat. Alle demokratischen Institutionen, das Parlament, konkurrierende politische Parteien, die Exekutive, die Gerichte, die Presse – alle sind ersetzt worden durch Simulationen, durch Imitationen. Die reale Regierungsform ist diese Pyramide der Korruption.

Warum akzeptieren das die Menschen, obwohl sie nach dem Zusammenbruch der UdSSR so viel Freiheit hatten?

Es ist eine Schattenwirtschaft. Jeder nimmt und muss Bestechungsgelder annehmen – und sie mit seinen Vorgesetzten teilen. Es ist vergleichbar mit dem katholischen Glauben: Jeder ist schuldig geboren, denn dieser Apfel wurde gegessen. Die Verwaltung Russlands funktioniert ähnlich: Wenn man sich nicht bestechen lässt, kommt man nicht ins System hinein.

Wie wirkt sich das aus?

Zunächst kreiert es politische und persönliche Loyalität. Nur das macht dieses chaotische System beherrschbar. Vor zehn Jahren war das anders. Momentan schreibe ich an "Metro 2035". Und darin beschreibe ich diese neue Realität.

Wie transportieren Sie diese Zustände ins Spiel, in "Metro Last Light"?

Es gibt nicht so viel Platz für Geschichtenerzählung, oder um philosophische und soziale Angelegenheiten zu erklären. In Metro Last Light gibt es einen beginnenden Bürgerkrieg zwischen den verschiedenen Fraktionen: die Kommunisten, die Nazis, die Demokraten und andere unabhängige Parteien. Sie wollen alle die Kontrolle über ein neu entdecktes unterirdisches Gewölbe. Alle vermuten dort riesige Mengen Nahrung, Medizin oder Waffen.

Was ist die Folge?

Menschliches Leben gibt es im Jahr 2033 nur im Untergrund.
Menschliches Leben gibt es im Jahr 2033 nur im Untergrund.

Der 4. Weltkrieg. Denn alles was von der Welt übrig ist, befindet sich in der Moskauer Metro. Der Krieg wird die Menschheit vernichten. Das Spiel handelt davon, dass die Menschen nicht aus ihren Fehlern der Vergangenheit lernen. Obwohl diese bereits die Apokalypse verursacht hatten. Sie machen einfach weiter. Für einen Shooter ist die Geschichte des Spiels ziemlich komplex. Ich habe versucht sie ernsthaft, reif und kontrovers zu gestalten. Wie einen Roman.

Der Vorgänger "Metro 2033" basierte auf Ihrem gleichnamigen Buch. Für Last Light haben Sie eine eigene Geschichte geschrieben. Was haben Sie daran als größte Herausforderung empfunden?

Die meisten Spiele sind von Idioten geschrieben. Designer behandeln Spieler wie Jugendliche mit einer starken Libido. Sie denken, sie können Spieler mit viel Blut befriedigen, mit Rennen, Verstecken, Schießen und ein paar weiblichen Charakteren, bei denen zumindest Teile der Brüste zu sehen sind. Ja, diese Spieler waren wir – aber das ist 20 Jahre her. Wir sind älter geworden, wir haben andere Aspekte des Lebens entdeckt. Inzwischen haben wir eigene Kinder und werden mit dem Tod geliebter Menschen konfrontiert. Deshalb habe ich die Geschichte wie ein Filmskript, ein Drehbuch geschrieben.

Und die Struktur?

Es gibt drei Akte – wie in einem Hollywoodfilm oder einem griechischem Drama. Game Designer haben die Geschichte dann an die Spielmechanik angepasst. Ich habe es absichtlich nicht an Spielekonventionen angepasst. Stattdessen habe ich Dinge beschrieben, die für mich relevant sind, die ich kontrovers finde, interessant, gewitzt, störend, die mich emotional berühren. Wir sollten nicht davon ausgehen, dass Spieler primitiv sind.

Warum haben Sie nicht ein Storytelling Game á la "The Walking Dead" geschrieben? Das wäre viel näher an einem Roman gewesen.

"Metro Last Light" ist eins der vier Spiele, die es in dem Metro-Universum derzeit gibt. Es gibt zusätzlich ein Mobile Game, ein Massive Multiplayer Game und ein Social Network Game, die vor allem in Russland bekannt sind. Ich würde mir jeden Vorschlag anhören und dann mit dem Entwickler zusammenarbeiten, um den Geist zu erhalten. "Last Light" ist das größte Projekt bis jetzt, größer als ein Film. Darin stecken drei Jahre Arbeit eines Teams von 70 Personen. Ich bin offen für alles. Es gibt so viele Möglichkeiten, Literatur mehr zu verwandeln als bloß Text auf Papier. Und das sollten wir nutzen.

Warum sind die Menschen von apokalyptischen Szenarios so fasziniert?

Derzeit durchleben wir die längste Periode des Friedens in Europa überhaupt. Menschen sind an Krieg gewöhnt, Frieden ist langweilig. Fußball hilft uns und lenkt ab. Aber postapokalyptische Geschichten sind Reinkarnationen von dunklen Märchen. Mutanten ersetzen Drachen, Ritter in polierten Rüstungen sind Kämpfer mit Kalaschnikows. Es ist aber glaubhafter.

Was ist die Rolle des Lesers oder Spielers darin?

Die Welt ist wieder gefährlich. Sie muss erkundet werden, weil Mobiltelefone und Google Maps in einem solchen Szenario nicht mehr funktionieren. Wir müssen Helden sein, die ums Überleben kämpfen. So werden wir geboren. Frieden ist für Menschen unnatürlich. Wir sind eigentlich Tiere, die Millionen Jahre jede Sekunde für ihre Existenz gestritten haben. Und dafür sind unsere Instinkte ausgelegt.

Mit Autor Dmitri Gluchowski sprach Roland Peters

 

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Quelle: n-tv.de

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