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Das erste mit Android 6.0: HTC One A9 mehr als ein iPhone-Klon

Von Johannes Wallat

Das One A9 ist ein schickes Smartphone mit Metallgehäuse, Fingerabdruck-Scanner, guter Ausstattung und Android Marshmallow. Es sieht aus wie das iPhone 6s - doch das ist nicht sein eigentliches Problem.

Hat das HTC One A9 genug eigene Pfunde, um sich durchzusetzen, oder bleibt es auf ewig der iPhone-6-Klon, mit dem HTC ein Stück seiner Identität und seiner unverkennbaren Handschrift aufgegeben hat? Diese Frage liegt unweigerlich auf der Hand, wenn man sich mit dem A9 beschäftigt. Letztere Annahme liegt erst einmal näher, denn der Vorwurf ist kaum von der Hand zu weisen: HTC hat sich beim Design des A9 arg von Apples aktuellen iPhones inspirieren lassen.

Das One A9 stellt das iPhone 6s nicht in den Schatten, ist aber auch keine bloße Kopie.
Das One A9 stellt das iPhone 6s nicht in den Schatten, ist aber auch keine bloße Kopie.(Foto: jwa)

Das war schon klar, als die ersten Bilder auftauchten, und ernsthaft leugnen kann und will es auch bei HTC niemand. Im Gegenteil: Das A9 wird laut "Focus Taiwan" auch intern klar als iPhone-Alternative positioniert. Das Argument, Apple habe zuerst abgeschaut und sich für seine iPhones von HTC inspirieren lassen, wiegt dabei kaum. Denn kein potenzieller Käufer wird daran denken, wenn er das A9 neben dem iPhone 6s sieht.

HTC muss sich die Frage gefallen lassen, warum der Hersteller nach drei One-M-Modellen von der Design-Sprache abweicht, die auch die günstigeren Desire-Modelle prägte und die beim One M9 noch als unverkennbare Handschrift gepriesen wurde. Ist es der fehlende wirtschaftliche Erfolg? Die Kritik am M9, dessen Verkaufszahlen hinter den Erwartungen zurückblieben? Jedenfalls scheint beim angeschlagenen Hersteller eine Frischzellenkur nötig.

A9 schaut über den Tellerrand

Das Display des One A9 hat bei 5 Zoll Full-HD-Auflösung.
Das Display des One A9 hat bei 5 Zoll Full-HD-Auflösung.(Foto: jwa)

Das A9 verkörpert das neue Denken der Taiwaner, in dem "über den Tellerrand schauen" erlaubt ist. Es bringt die gewohnt hohe Verarbeitungsqualität und ein Aluminium-Gehäuse, kombiniert mit einem schnellen und treffsicheren Fingerabdruck-Sensor, der wie beim OnePlus 2 unterhalb des Displays sitzt. Die Rückseite gleicht mit den Antennenstreifen aus Kunststoff und der leicht herausstehenden Kamera stark dem iPhone 6 oder 6s. Das Display ist an den Rändern leicht gewölbt, die Seiten aber weniger stark abgerundet und mit einer deutlich spürbaren Kante am Übergang vom Display zum Gehäuse.

Die wichtigsten technischen Daten
  • System: Android 6.0 Marshmallow, Sense 7
  • Display: 5 Zoll, AMOLED, Full HD (1920 x 1080 Pixel), ~ 440 ppi
  • Prozessor: Qualcomm Snapdragon 617, Octa-Core, 1,5 GHz
  • Arbeitsspeicher: 2 GB/3 GB
  • Interner Speicher: 16 GB/32 GB + Micro-SD-Steckplatz
  • Kamera: 13 MP, OIS
  • Frontkamera: 4 MP Ultrapixel
  • Fingerabdruck-Scanner
  • LTE Cat.6, WLAN ac, Bluetooth 4.1
  • Akku: 2150 mAh, Quick Charge 3.0
  • Maße: 145,75 x 70,8 x 7,26 mm
  • Gewicht: 143 g

Der gute Eindruck, den das 7 Millimeter flache und leichte 5-Zoll-Gerät in der Hand macht, setzt sich beim Display fort. HTC setzt zum ersten Mal bei einem One-Modell einen AMOLED-Bildschirm ein und macht damit alles richtig: Die Farben sind satt, Kontraste kräftig, Schwarztöne wirklich schwarz und die Darstellung aus allen Blickwinkeln stabil. Ein leichter AMOLED-typischer Grünstich ist im direkten Vergleich mit dem LCD des iPhone 6s zwar sichtbar, stört aber kaum.

Auch die Leistung überzeugt. Der eingebaute Snapdragon 617 ist nicht ganz so kräftig wie sein High-End-Bruder 810, doch im Alltagseinsatz sind Leistungseinbußen kaum spürbar. Die Software reagiert schnell und ruckelfrei, Apps starten zügig, Fotoaufnahmen gelingen auch im HDR-Modus nur mit minimaler Verzögerung. Die verbauten 2 Gigabyte Arbeitsspeicher sind genug, um mit den allermeisten Anforderungen zurecht zu kommen. Auch hier scheint HTC zu Apple hinüber zu schielen, die schon länger beweisen, dass es bei Prozessor und Arbeitsspeicher nicht auf Superlativen ankommt.

Premiere mit Marshmallow

Die Kamera wurde im Vergleich zum M9 gesundgeschrumpft und macht jetzt nur noch Bilder mit 13 Megapixeln (maximal 10 MP im 16:9-Format). Fotos sehen gut aus, Schärfe, Belichtung und Weißabgleich stimmen, HDR-Bilder holen wichtige Details heraus, ohne zu übertreiben. Bei Gegenlicht werden Aufnahmen aber schnell etwas blass. Die Frontkamera neigt zu glattgebügelten Aufnahmen, hier kommt ein Ultrapixel-Sensor mit 4 Megapixeln zum Einsatz. Für mehr Details in schwachem Licht oder bei hohen Kontrasten gibt es auch hier einen HDR-Modus, der allerdings sehr stark ins Bild eingreift und dunkle Stellen aggressiv aufhellt.

Das One A9 macht ordentliche Fotos, neigt aber bei Gegenlicht zu etwas blassen Farben.
Das One A9 macht ordentliche Fotos, neigt aber bei Gegenlicht zu etwas blassen Farben.(Foto: jwa)

Die Kamera-App ist aufgeräumt und bietet gute Funktionen, unter anderem einen komplett manuellen Modus mit der Möglichkeit, RAW-Aufnahmen (DNG) zu schießen und diese direkt im Smartphone weiter zu verarbeiten. Videos können zudem in Zeitlupe oder im Zeitraffer-Modus gedreht werden. Leider lassen sich eigene Foto-Voreinstellungen aber offenbar nicht mehr als eigener Aufnahmemodus speichern.

Die Software-Ausstattung verdient beim One A9 besondere Erwähnung: Es ist das erste neue Smartphone außerhalb der Nexus-Reihe mit Android 6.0 Marshmallow. Darüber liegt wie gewohnt HTCs Benutzeroberfläche Sense, die das Erscheinungsbild bestimmt. Die Neuerungen von Marshmallow werden vor allem im neu angeordneten Einstellungsmenü und den Abfragen sichtbar, die immer dann erscheinen, wenn eine App zum ersten Mal eine bestimmte Berechtigung einfordert.

Akku ist kein Sorgenkind

Andere Funktionen wie "Google Now on Tap", das bei einem langen Druck auf die virtuelle Home-Taste weiterführende Informationen zum aktuellen Bildschirminhalt anzeigt, sind nützlich, stehen aber zunächst nur zur Verfügung, wenn die Systemsprache auf Englisch gestellt wird. Praktisch sind auch die zahlreichen Anpassungsmöglichkeiten für die Benutzeroberfläche, die Nutzer etwa nach einem ausgewählten Foto selbst gestalten können. Viele System-Apps hat HTC ausgelagert und als einzelne Apps in den Play Store gestellt. Das hat zum Vorteil, dass sie einfacher und schneller Updates bekommen können.  

Ein Grund zur Sorge war für Kritiker der Akku, der mit 2150 Milliamperestunden offenbar nur wenig Reserven hat. Doch im Test erscheint diese Sorge unbegründet, die Laufzeit pendelt sich bei normaler Benutzung bei rund einem Tag ein und liegt damit im Durchschnitt. Bei niedrigem Akkustand schaltet sich ein Energiesparmodus dazu, Googles mit Android 6 eingeführte "Doze"-Funktion scheint ihre Wirkung zu tun: Die Aktivität des Smartphones und zum Beispiel Serveranfragen von Apps werden auf ein Minimum reduziert, wenn das Gerät nicht genutzt wird, zum Beispiel nachts.

Damit sind die größten technischen Kritikpunkte entkräftet. Das One A9 hat tatsächlich seine eigenen Stärken, kaum Schwächen und beweist genug Eigenständigkeit. Das iPhone 6 wird gelobt für sein Design, ähnlich wie das One M7 seinerzeit - daran kann man sich getrost orientieren, auch wenn HTC hier für viele zu weit geht. Das Design soll, berichtet "Gforgames", in Zukunft auch auf die M- und die Desire-Serie übertragen werden. Ob das A9 ein durchschlagender Erfolg wird, ist indes offen: Die Preisempfehlung von rund 600 Euro scheint sehr hochgegriffen. Als Startpreis für die USA wurden ursprünglich 399 Dollar genannt, das ist schon realistischer. Geht HTC auch in Deutschland mit dem Preis deutlich herunter, könnte sich das A9 tatsächlich als gute, weil technisch ebenbürtige und deutlich günstigere iPhone-Alternative durchsetzen.      

Quelle: n-tv.de

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