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Die Rückseite des LG G6 sieht aus wie glänzendes Metall, ist aber aus Glas.
Die Rückseite des LG G6 sieht aus wie glänzendes Metall, ist aber aus Glas.(Foto: kwe)
Donnerstag, 09. März 2017

Ein hervorragendes Smartphone: LG G6 ist der heimliche Champion

Von Klaus Wedekind

Das LG G6 erhält nicht die Aufmerksamkeit, die es verdient. Das Smartphone kann zwar nicht mit spektakulären Innovationen protzen, hat aber andere Qualitäten, die vielen Nutzern wahrscheinlich wichtiger sind.

Nachdem LG mit dem modularen G5 im vergangenen Jahr eine grandiose Schlappe erlitt, haben sich die Südkoreaner beim Nachfolger darauf konzentriert, ein Highend-Gerät zu entwickeln, dass sich so weit wie möglich an den Anforderungen ganz normaler Nutzer orientiert. Das Ergebnis ist nicht so spektakulär wie das Vorjahresmodell, aber das G6 ist ein hervorragendes Smartphone geworden, auch wenn ihm in Barcelona vom Huawei P10 und den Nokia-Handys letztendlich die Show gestohlen wurde.

LG hat definitiv ein Image-Problem. Zum einen wird es als Smartphone-Hersteller insgesamt nicht so deutlich wahrgenommen wie Samsung oder Huawei. Zum anderen haben sich die Koreaner den Ruf durch das G5 ruiniert, das zunächst als innovatives Meisterstück gefeiert wurde, dann in der Umsetzung aber kläglich scheiterte. Das passiert beim G6 garantiert nicht.

Wasserdicht, robust und gut gekühlt

Der Akku ist sicher gelagert, hat extra dicke Isolierungen und wird von einer Heatpipe gekühlt.
Der Akku ist sicher gelagert, hat extra dicke Isolierungen und wird von einer Heatpipe gekühlt.(Foto: kwe)

Das neue LG-Flaggschiff ist ein grundsolides und sehr zuverlässiges Smartphone. Es ist wasser- und staubdicht und der Akku wird durch eine Flüssigkühlung (Heatpipe) und ein wärmeableitendes Alu-Skelett geschützt. Außerdem haben die Bauteile genügend Luft, um Stauhitze zu vermeiden und Erschütterungen besser wegstecken zu können. Und: LG hat die Display-Ecken abgerundet, um die Chancen des Bildschirms zu erhöhen, Stürze unbeschadet zu überstehen.

Das Design des G6 hat unter den Sicherheitsmaßnahmen nicht gelitten. Im Gegenteil: Das Smartphone sieht mit seinem matten Aluminiumrahmen und der Rückseite aus kratzfestem Gorilla Glass 5 klasse aus und fühlt sich sehr hochwertig an.

Handlich im neuen Format

Obwohl das Display 5,7 Zoll groß ist, ist das G6 noch sehr handlich. Das liegt zu einem guten Teil an dem sehr schmalen Rahmen ums Display, das fast die gesamte Front einnimmt. Und weil LG wie bei den Vorgängermodellen den Fingerabdrucksensor auf der Rückseite platziert hat, ist das G6 kaum größer als das Huawei P10, dessen Bildschirm nur 5,1 Zoll misst. Ein wichtiger Grund für die Handlichkeit des Smartphones ist aber auch das außergewöhnliche Seitenverhältnis des Bildschirms von 18:9 beziehungsweise 2:1. Er ist schmaler als die üblichen 16:9-Displays und lässt sich so viel besser mit einer Hand bedienen.

LG G6: Technische Daten
  • System: Android 7
  • Display: 5,7 Zoll, LCD, QHD (2880 x 1440 Pixel, 562 ppi)
  • Prozessor: Snapdragon 821, max. 2,2 GHz
  • Arbeitsspeicher: 4 GB
  • Interner Speicher: 32 GB + microSD
  • Kamera: 13 MP f/1.8, OIS + 13 MP Weitwinkel, f/2.2
  • Frontkamera: 5 MP, f/2.2
  • WLAN ac, LTE-A 3 Band CA
  • Bluetooth 4.2 BLE
  • USB 2.0, USB-C
  • Akku: 3300 mAh
  • Maße: 148,9 x 71,9 x 7,9  mm
  • Gewicht: 163 g

Das Seitenverhältnis hat aber auch noch andere Vorteile. So nutzt LG beispielsweise den zusätzlichen Platz an der Seite in der Foto-App, um eine Echtzeit-Vorschau der geschossenen Fotos anzuzeigen. Bei quadratischen Bildern für Instagram sieht man die Ergebnisse am exakt in zwei Hälften geteilten Display. In den Einstellungen bietet LG an, Apps an das ungewohnte Seitenverhältnis anzupassen. Doch viele Anwendungen unterstützen 18:9 wahrscheinlich ohnehin schon bald, denn auch das kommende Galaxy S8 wird ein Display in diesem Verhältnis haben.

Prächtiges Display, starker Akku

Auch technisch ist der G6-Bildschirm ein Prachtstück. Mit einer Pixeldichte von 562 ppi ist er superscharf, kann sehr hell leuchten und bietet knackige, aber natürliche Farben und Kontraste. Auch im spitzen Winkel betrachtet ist er kaum dunkler und zeigt keinen Farbstich. Neben Sonys Xperia XZ Premium ist das G6 das erste Smartphone, das HDR10 und Dolby Vision unterstützt.

Ein QHD-Display benötigt viel Strom und man könnte befürchten, dass dem G6 schnell die Puste ausgeht. Irrtum. Der 3300 Milliamperestunden starke Akku bringt das Gerät auch bei starker Beanspruchung locker über den Tag und es bleiben sogar noch Reserven. Im Test war die Batterie nach 13 Stunden noch zu 40 Prozent geladen, wobei das Display rund drei Stunden aktiv war. Das ist sehr gut.

Das Display nimmt fast 80 Prozent der Front ein.
Das Display nimmt fast 80 Prozent der Front ein.(Foto: kwe)

In anderen Tests schnitt der G6-Akku eher durchschnittlich ab, was möglicherweise daran liegt, dass die Software noch nicht final ist. LG wies in Barcelona ausdrücklich darauf hin, dass die ausgegebenen Smartphones Vorserien-Geräte sind. Bis zum Marktstart soll es noch ein oder zwei Updates geben. Schade ist, dass der Akku nicht mehr wie bei den Vorgängern wechselbar ist, aber das schicke, wasserdichte Design hat dies nicht mehr gestattet. Völlig unverständlich ist allerdings, dass das G6 nur in den USA kabellos geladen werden kann. LG begründet dies mit fehlender Nachfrage und hohen Kosten, aber das erscheint wenig plausibel. Immerhin ist er via Qualcomms Quick Charge 3 schnell wieder geladen, wobei die Elektronik darüber wacht, dass der Akku nicht wärmer als 45 Grad wird.

Gelungene Kamera

Weil die Firmware noch nicht aktuell ist, sind auch Aussagen zur Kamera-Leistung als vorläufig zu betrachten. Bisher macht das neue Doppel auf der Rückseite aber einen prima Eindruck. Beide Linsen nutzen einen 13-Megapixel-Sensor, wobei die eine Bilder mit Standard-Brennweite, die andere im Weitwinkel (125 Grad) aufnimmt. Optisch stabilisiert ist nur die Normal-Kamera, die auch eine größere Blende (f/1.8) bietet. Weitwinkel-Aufnahmen werden aber ohnehin häufiger bei Tageslicht gemacht. Auch die 5-Megapixel-Frontkamera hat ein Weitwinkelobjektiv (100 Grad).

Der Berliner Reichstag mit Normal- und Weitwinkel-Kamera fotografiert.
Der Berliner Reichstag mit Normal- und Weitwinkel-Kamera fotografiert.(Foto: kwe)

Die Qualität der Fotos ist im Tageslicht hervorragend, beide Kameras zeigen hier viele Details, fokussieren schnell und machen gut ausgeleuchtete Bilder mit schönen Farben und Kontrasten. Das Gleiche gilt für Videoaufnahmen, wo auch der Wechsel zwischen den beiden Linsen einigermaßen flüssig gelingt. Bei schwachem Licht rauscht die Weitwinkel-Kamera erwartungsgemäß schnell ab, die Standard-Knipse liefert dann aber immer noch sehr passable Ergebnisse. Insgesamt hat LG bei der Doppel-Kamera zwar keinen großen Schritt nach vorne gemacht. Das Konzept ist aber nach wie vor prima und bei der Bildqualität kann das G6 mit dem Huawei P10 oder anderen Oberklasse-Smartphones mithalten.

Nicht der neueste Prozessor

Auf Augenhöhe mit der Android-Konkurrenz ist das G6 vorerst auch noch bei der Prozessor-Leistung. Denn um das Gerät noch im März oder April auf den Markt zu bringen, mussten sich alle Hersteller ohne eigenen Chip entscheiden, ob sie auf Qualcomms Snapdragon 835 warten oder mit dem 821 Vorlieb nehmen. LG hat sich für den älteren Prozessor entschieden, was grundsätzlich kein Problem für den Nutzer ist. Der Chip ist top und im Antutu-Benchmark erreichte das G6 im Test fast genau die gleiche Punktzahl wie das Huawei P10. Zusammen mit 4 Gigabyte Arbeitsspeicher ist der Snapdragon 821 auch so stark, dass er jede Aufgabe ohne jede Verzögerung angeht. Der interne Speicher ist in Deutschland auf 32 Gigabyte beschränkt, kann aber mit microSD-Karten erweitert werden.

Trotzdem hat Samsung zumindest einen großen PR-Vorteil, wenn es das Galaxy S8 im April mit dem neuesten Qualcomm-Chip ins Rennen schicken kann. In Deutschland wird es aber keinen direkten Vergleich geben, hier verkauft Samsung die Smartphones mit den eigenen Exynos-Prozessoren.

Google-Assistent an Bord

Bei der Software hat sich LG angenehm zurückgehalten und verschandelt Android 7 (Nougat) nicht mit zu viel Schnickschnack. Apps wie die Wartungs-Software "Smart Cleaning" oder Bildschirm-Notizen via "Capture+" sind nützliche Werkzeuge und Nutzer haben die Wahl, ob sie Apps über die Homescreens verteilen oder in einer Sammlung aufbewahren möchten. Auch Googles Assistent ist schon ab Werk an Bord! Nicht so schön: Die Apps von Facebook und Evernote lassen sich nicht deinstallieren, sondern nur deaktivieren. Das ist lästig und unnötig.

Alles in allem ist das LG G6 ein richtig gut gelungenes Top-Smartphone, das zu Recht von vielen Fachmedien zum besten Smartphones des MWC 2017 gewählt wurde. LG muss aber langsam aus der Deckung kommen und Preise und Termine für den Marktstart nennen. Denn das P10 ist bereits zu haben, das Galaxy S8 steht in den Startlöchern und Sony und vielleicht auch Nokia werden im Juni ein Snapdragon-835-Handy in den Handel bringen. Denn nur wenn auch die Käufer mitbekommen, dass LG ein tolles Top-Smartphone zu bieten hat, wird aus dem heimlichen ein erfolgreicher Champion.

Quelle: n-tv.de

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