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Das Apple-Logo am Louvre in Paris.
Das Apple-Logo am Louvre in Paris.(Foto: dapd)

Unternehmenskritik als Blasphemie: Wenn Apple eine Sekte wäre

Von Fabian Maysenhölder

Apple gilt derzeit als der erfolgreichste Wirtschaftskonzern der Welt. Mit geschickten Strategien, etwa dem System der Verknappung, bindet das Unternehmen Kunden emotional an sich. Die Folge: Apple gleicht einer Sekte, die nicht kritisiert wird. Das kann gefährlich werden. Das Ziel des Unternehmens sollte jedem klar sein.

Der angebissene Apfel ist derzeit eines der bekanntesten Firmenlogos der Welt. In leuchtendem Weiß erstrahlt er auf der Oberfläche eines jeden iMac, iPod, iPad und iPhone. Doch die Silhouette ist mehr als ein Firmenlogo. Sie symbolisiert, ähnlich dem angeklebten Fisch auf der Heckklappe eines Familienvans, die Zugehörigkeit zu einer Religion. Der Apple-Religion.

Im vergangenen Jahr fanden Hirnforscher heraus, dass Apple-Produkte die gleichen Hirnregionen anregen wie religiöse Symbole. Und in der vergangenen Woche sagte Kirsten Bell, Anthropologin an der University of British Columbia, dass Apple die "Definition einer Religion" erfülle. Doch wie wird der Begriff "Religion" definiert? Ein schwieriges Feld. Zumindest kann die Forscherin behaupten, dass Apple ihre eigene Definition von Religion erfüllt.

Immer noch allgegenwärtig: "iGod" Steve Jobs.
Immer noch allgegenwärtig: "iGod" Steve Jobs.(Foto: REUTERS)

Doch in der Tat ist es nicht besonders abwegig, Apple als religiös geprägtes Phänomen zu betrachten. Denn schaut man sich einmal an, welche Funktionen Religionen in einer Gesellschaft erfüllen, so fallen schnell Parallelen auf. Diese Feststellung ist nicht problematisch, wie auch Religionen nicht per se zu verurteilen sind. Problematisch ist der folgende Schritt. Auf funktionaler Ebene fallen Apple nicht nur religiöse, sondern sogar sektenhafte Züge zu.

Der iGod und seine Jünger

Beispiel Steve Jobs: Der Gründer des kalifornischen Unternehmens ist nicht weit von einem Gott-Status entfernt, falls er ihn nicht in einigen Kreisen schon erreicht hat. Wahlweise wurde und wird er als "Seher", "IT-Messias", "Prophet des Internetzeitalters", "Apple-Guru" oder "iGod" bezeichnet. Er wusste, was die Menschen brauchen, und er gab es ihnen zur rechten Zeit. Die Person Steve Jobs darf dabei nicht hinterfragt werden. Und auch die Frage, mit welchen Methoden Jobs seinen Konzern führte, stellt man besser nicht.

Die Produktpräsentation des ersten iPhones gleicht einem Gottesdienst mit dem Messias persönlich; Jeans, Rollkragenpullover und Turnschuhe, das liturgische Gewand des Steve Jobs, mit dem er zur Ikone wurde. Der Apfel statt des Kreuzes auf dem digitalen Leinwand-Altar, samt Heiligenschein vor dem verlorenen Schwarz der Unendlichkeit. Die Schar der Apple-Jünger klatscht, jubelt und pfeift, als Jobs seine Heilsbotschaft verkündet und das revolutionäre iPhone enthüllt. Was als Veranstaltung fundamentaler Christen oder Moslems befremdlich und gefährlich wirken würde, wird bei Apple als geniale Marketingstrategie gelobt.

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Die Inszenierung solcher Veranstaltungen ist nur ein Faktor unter vielen. Apple sorgt geschickt dafür, dass die Kunden möglichst komplett auf Produkte des US-Konzerns umstellen. Ein iPod oder iPhone kann nur über iTunes mit Daten versorgt werden, und am Besten funktioniert das ganze mit einem iMac. Eine geschickte Strategie, die Kunden komplett an sich zu binden: Wer in den vollen Genuss der Apple-Vorteile kommen will, braucht mehr als nur ein iPhone. Er braucht das gesamte Paket, um perfekt vernetzt zu sein.

In der Sekten-Checkliste der Eltern- und Betroffeneninitiative gegen psychische Abhängigkeit Sachsen lautet ein Punkt: "Die Gruppe will, dass du alle alten Beziehungen abbrichst, weil sie deine Entwicklung behindern." Auf technischer Ebene trifft das bei Apple ins Schwarze. Freilich, auch anderen Konzernen wäre es am liebsten, wenn Kunden komplett auf die jeweils eigenen Produkte umsteigen würden. Das liegt in der Natur der Sache. Doch niemand fordert seinen Absolutheitsanspruch mit einer solchen Vehemenz ein wie Apple.

Wer Apple kritisiert, betreibt Blasphemie

Man könnte die Liste noch erweitern. So verwundert, warum viele Menschen die Kritik an einem Konzern, so sie denn geäußert wird, als persönlichen Angriff werten. Wer Apple kritisiert, kritisiert nicht nur ein Wirtschaftsunternehmen. Er verletzt viele Menschen offenbar auf einer intimen Ebene. Es besteht eine emotionale Bindung. Man ist nicht nur einfach Kunde; Apple wird Teil der eigenen Lebenswelt, der eigenen Identität. Nur so ist erklärbar, warum die Diskussion um ein Unternehmen, dessen einziges Ziel es immer noch ist, Geld zu verdienen, geradezu zu einem Glaubensstreit ausarten kann. Wer Apple kritisiert, betreibt Blasphemie.

Diese Intensität mag eine gelungene Marketingstrategie sein, Heiligenschein und Messias inklusive. Doch letztlich führt eine solche psychische, emotionale Abhängigkeit wie auch bei sektenartigen Glaubensgemeinschaften zur Kritikunfähigkeit. Das ist vor allem gefährlich, wenn man sich die Ziele desjenigen verdeutlicht, der nicht kritisiert werden darf. Bei Apple liegt dies auf der Hand: Das Ziel ist der Inhalt des Kundengeldbeutels.

Die Kritikunfähigkeit im System Apple ist offenkundig: Kaum einer fragt, warum der Zuschlag für ein paar Gigabyte beim iPhone mehr als hundert Euro beträgt, obwohl der Großhandelspreis nur bei ein paar Euro liegt. Es wird schweigend hingenommen. Kaum einer fragt mehr nach den Produktionsbedingungen der Apple-Fabrikate. Auch das wird hingenommen. Leider scheint eine solche Kritikunfähigkeit auch bei vielen Medien vorzuherrschen; der Glanz der Apple-Produkte erleuchtet nicht nur die eigenen Anhänger, sondern er strahlt darüber hinaus. Für diese Werbung muss der Konzern nicht zahlen. Sie kommt von ganz alleine.

Angenommen, Apple wäre tatsächlich kein Wirtschaftskonzern, sondern eine kultische Glaubensgemeinschaft, die den Menschen eine beliebige Heilsbotschaft vermittelt. Wie laut wäre der Aufschrei, wie eindringlich die Warnungen aufgrund der Macht, die Apple besitzt? Solche Hinweise verhallen, falls vorhanden, ungehört. Der Apfel strahlt weiter. Nicht nur als Symbol für ein erfolgreiches Unternehmen, sondern auch als Zeichen der besonderen Verbundenheit. Als Bekenntnis und Credo zugleich. Doch wer in einen Apfel beißt, sollte sich zumindest fragen dürfen, ob da nicht vielleicht der Wurm drin ist.

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Quelle: n-tv.de

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