Wie viel Kommerz verträgt das Internet?Wer Ordnung sät, wird Stillstand ernten

Die Enquete-Kommission des Bundestages hat Experten zur Netzneutralität befragt. Schnelle Informationen im Internet nur noch gegen bare Münze? Das würde das Web revolutionieren. Und sein Potenzial vernichten.
Netzbetreiber haben Angst, dass die Infrastruktur des Internets mit der stetig wachsenden Datenmenge nicht mehr klar kommt. Ihre Antwort: Künstliche Verknappung. Noch werden verkabelte Kunden mit immer größeren Bandbreiten geködert. Wie viel soll es sein - 1, 2, 5 oder gar 10 Mbit pro Sekunde? Trotz der Angebote sind die Datendurchsätze bereits heute nicht garantiert. Hängen zu viele Kunden in einer Verteilerstelle, wird die Übertragungsrate gütlich verteilt. Gleiche Voraussetzungen für alle.
Die Idee der Telekom: Unterschiedliche Bezahlung für unterschiedliche Inhalte. Ihre Hoffnung: Bessere Auslastung der Netze, Ordnung im unübersichtlichen Datendickicht.
Folgendes Szenario könnte also Realität werden: Der Kunde mietet einen Porsche (Bandbreite), hat aber kein Geld mehr für die entsprechende Leistung (Priorisierung). Er tuckert also auf der rechten Spur der Datenautobahn dahin.
Nicht verwerflich, aber zynisch
"Vor allem Videoanbieter wie Youtube" sind für den immer dichteren Verkehr verantwortlich, maulte der Geschäftsführer Deutscher Kabelnetzbetreiber unlängst – und stellte sich damit auf die Seite der Telekom. Zugegeben, in Wohngegenden sitzt man - je nach Anbieter - zwischen 18 und 20 Uhr manchmal etwas länger vor dem Rechner. Aber deswegen die Struktur des Internets untergraben?
Nicht ohne Grund wird die demokratische Struktur des weltweiten Netzes als entscheidend für dessen Erfolg gesehen. Dass die Telekom sich für eine Priorisierung unterschiedlicher Datentypen ausspricht und dabei behauptet, sie stelle sich auf die Seite des Kunden, ist als Unternehmen zwar nicht verwerflich, aber zynisch. Eine berechenbarere und vor allem profitablere Nutzung vorhandener Kapazitäten ist wohl eher der Hintergrund.
Die Grundfrage ist: Sollen online alle Menschen gleich behandelt werden? Ja, lautet die einzige gesellschaftlich verantwortungsvolle Antwort. Wenn schon die Bundesregierung die Kosten für einen Internetzugang in die Berechnung der Hartz-IV-Sätze einbezieht (und Alkohol sowie Zigaretten herausnimmt), sollte die Bedeutung eines Zugangs klar sein. Die Warnung der Telekom, höhere Gebühren für das Internet kämen so oder so, ist dagegen pure Angstmacherei.
Ende der Erfolgsgeschichten
Wenn eine Ein-Mann-Grafikagentur plötzlich für die Übertragung von Videoformaten mehr Geld auf den Tisch legen soll, ist eventuell ihre geschäftliche Existenz gefährdet. Erfolgsgeschichten wie die von Youtube, Myspace oder Facebook gäbe es in ihrer heutigen Form wohl nicht.
Eine Daten-Maut für bestimmte Inhalte – auf Kunden- sowie Anbieterseite - würde Initiativen zerstören, kleine Unternehmen signifikant benachteiligen und die Machtverhältnisse im Online-Bereich verfestigen. Die EU-Kommission hat das offenbar erkannt. Die Telekom noch nicht.