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Lage in Fukushima 1 "äußerst angespannt" Tepco entschuldigt sich für die "Mühe"

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Das deutsche Einsatzgerät ist vor Ort. Mit dem Kran wird Wasser in den Reaktor gelassen.

(Foto: AP)

War die Katastrophe unabdingbar? Zwar ist die Havarie des AKW Fukushima eine unmittelbare Folge von Erdbeben und Tsunami, doch immer klarer wird, dass der Betreiber schon lange davor einfach schlecht gearbeitet hat.

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Auch am Dienstag stiegen wieder Dampf- oder Rauchwolken über Fukushima 1 auf.

(Foto: AP)

Der Energiekonzern Tokyo Electric Power Company (Tepco) hat sich bei Flüchtlingen aus dem Gebiet um das Unglückskraftwerk Fukushima für die Atom-Katastrophe entschuldigt. Norio Tsuzumi, ein Mitglied der Unternehmensspitze, sagte bei einem Besuch in einem Notlager: "Es tut uns leid, dass wir Ihnen so viel Mühe bereitet haben." Das meldete die japanische Nachrichtenagentur Kyodo. Das havarierte AKW Fukushima 1 wird von Tepco betrieben.

Alle Meiler haben jetzt eine Verbindung zum Strom. Ob damit auch die Kühlpumpen wieder funktionieren, ist unklar. Die Lage bleibt ernst: Rauch und Dampf steigen weiter auf und behindern die Techniker. Die Reaktoren müssen weiter durch zusätzliche Wassergaben gekühlt werden. Die Lage in Fukushima bleibt "äußerst angespannt", wie Industrieminister Banri Kaieda erklärte. "Es ist nach meinem Gefühl schwierig, von Fortschritten zu sprechen", fügte der auch für die Atomaufsicht zuständige Minister laut Kyodo hinzu.

Evakuierungszone bleibt bei 20 Kilometern

Tsuzumi besuchte eine Schule in der Stadt Tamura in der Präfektur Fukushima. Dorthin waren Menschen geflüchtet, die direkt neben dem havarierten Atomkraftwerk in Okuma lebten. Tamura liegt etwa 40 Kilometer vom Kraftwerk Fukushima 1 entfernt. Die Regierung hatte angeordnet, dass sich alle Einwohner in einem Radius von 20 Kilometern um das AKW in Sicherheit bringen sollten.

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Auch weit außerhalb der Evakuierungszone hat die IAEA stark verstrahlte Lebensmittel gefunden.

(Foto: dpa)

Eine Ausweitung der Zone sei bislang nicht geplant, sagte Regierungssprecher Yukio Edano. Es sei noch zu früh, die Auswirkungen der Verstrahlung auf Meereslebewesen zu beurteilen, sagte Edano, obwohl eine starke radioaktive Belastung des Meerwassers festgestellt worden war. Bei Jod-131 sei ein Wert gemessen worden, der das gesetzliche Maximum um den Faktor 126,7 übersteige, berichtete der Fernsehsender NHK. Bei Cäsium-134 sei die Verstrahlung 24,8 Mal, bei Cäsium-137 16,5 Mal so hoch wie zulässig. Nach Auswertung der Probe von einem Standort 100 Meter südlich des havarierten Kraftwerks kündigte die Tepco weitere Tests vor der Ostküste der japanischen Hauptinsel Honshu an.

Die Strahlungswerte in Fukushima sind nach Informationen der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA sogar außerhalb der Evakuierungszone hoch. Nach Messwerten von Sonntag, auf die sich die IAEA beruft, lagen die Werte außerhalb der 20-Kilometer-Zone teils erheblich über der natürlichen Strahlung. "Da muss man sich etwas überlegen", sagte ein hochrangiger IAEA-Beamter auf die Frage, ob eine Erweiterung der Evakuierungszone notwendig sei.

Nach IAEA-Informationen wurden beispielsweise 58 Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt eine Strahlung von 5,7 Mikrosievert pro Stunde gemessen. Der von der IAEA empfohlene Strahlengrenzwert für einen normalen Erwachsenen liegt bei 1 Millisievert (1000 Mikrosievert) pro Jahr. Demnach könnten sich die Menschen, die 58 Kilometer von den Reaktoren entfernt leben, rund sieben Tage dort aufhalten, ohne langfristig gesundheitliche Schäden wie Krebs zu riskieren.

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Salat und Kohlgemüse im Umkreis von Fukushima gilt als strahlenbelastet.

(Foto: dpa)

Die Radioaktivität aus Fukushima belastet zunehmend die Landwirtschaft in der Umgebung. In mehr als 100 Kilometer Entfernung wurde in Spinat radioaktives Jod gemessen, dessen Menge den Grenzwert um das 27-fache übersteigt. Auch bei Milch aus der Umgebung von Fukushima wurde eine überhöhte Strahlenbelastung festgestellt. In der Präfektur Tokio und in weiteren Regionen wurde eine geringe Belastung des Trinkwassers mit radioaktivem Jod festgestellt. Die Behörden haben die betroffenen Gemeinden aufgerufen, verstrahlte Lebensmittel nicht in den Handel zu bringen.

Keiner weiß, ob die Kühlpumpen funktionieren

Die Betreiberfirma Tepco arbeitet seit Tagen daran, die Kühlung des Kraftwerks zu reparieren und eine drohende Kernschmelze zu verhindern. Das ist bisher nur ungenügend gelungen, immer noch tritt unkontrolliert radioaktive Strahlung aus. Es ist auch weiter unklar, inwieweit die Meiler nach dem Netzanschluss durch eine neu verlegte Starkstromleitung wieder normal gekühlt werden können: Keiner weiß genau, wie groß die Schäden an den Kühlpumpen sind und ob die Pumpen überhaupt anspringen.

Die japanische Armee soll nun täglich über das AKW fliegen, um in der Anlage die Temperatur zu messen, wie Verteidigungsminister Toshimi Kitazawa ankündigte. Bisher hätten die Mess-Flüge zweimal in der Woche stattgefunden.

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Mobile Strahlen-Erfassungsteams überprüfen die Bevölkerung auf erhöhte Radioaktivität.

(Foto: AP)

Inzwischen hilft auch eine Betonpumpe aus Deutschland bei der Kühlung. Die Pumpe sprühe nun Wasser auf den Reaktor 4 der Anlage, berichtete Kyodo. Die Pumpe und zwei dazugehörige Fahrzeuge seien in Deutschland gebaut worden. Die Pumpe habe einen rund 50 Meter langen Arm, durch den sie flüssigen Beton oder Wasser leiten könne. Die Fahrzeuge seien von einer Baufirma in der Präfektur Mie südwestlich von Tokio bereitgestellt worden. Ein ähnliches Modell war nach Angaben der Firma in Mie bereits beim Atomunglück in Tschernobyl in der Ukraine vor rund 25 Jahren eingesetzt worden.

Tsunami war in Fukushima 14 Meter hoch

Die zwei beschädigten Atomkraftwerke Fukushima 1 und 2 waren nach Angaben Tepcos am 11. März von einer 14 Meter hohen Flutwelle getroffen worden. Das sei mehr als doppelt so hoch, wie Experten bei der Planung der Anlagen erwartet hatten, berichtete NHK. Das Unternehmen hatte die Wände der AKW am Montag untersucht.

Nach Angaben von Tepco ist die Anlage Fukushima 1auf einen Tsunami von 5,70 Metern ausgelegt worden, Nummer 2 für eine Höhe von 5,20 Metern. Die Gebäude mit den Reaktoren und Turbinen wurden nach NHK-Angaben 10 bis 13 Meter über den Meeresspiegel errichtet. Bei der Katastrophe wurden sie teilweise überschwemmt. Tepco hatte bereits zugegeben, dass die Kraftwerke nur für ein Beben der Stärke 8,0 bis 8,3 ausgelegt worden waren. Das Erdbeben am 11. März hatte aber die Stärke 9.

Schlamperei bei Tepco

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Vizepräsident Takashi Fujimoto (l) und andere Offizielle von Tepco bitten um Verzeihung.

(Foto: AP)

Zuvor war schon bekannt geworden, dass Tepco schon vor dem verheerenden Erdbeben geschlampt haben soll. Die japanische Atomsicherheitsbehörde NISA warf Tepco einige Tage vor der Katastrophe vom 11. März Mängel bei der Inspektion vor. Das hatte die japanische Nachrichtenagentur Kyodo schon Ende Februar berichtet. Im Atomkraftwerk Fukushima 1 seien insgesamt 33 Geräte und Maschinen nicht ordnungsgemäß überprüft worden. Ähnliche Mängel habe es auch in zwei weiteren Anlagen gegeben: Betroffen seien außerdem das Atomkraftwerk Fukushima 2 und das Kraftwerk Kashiwazaki-Kariwa an der Westküste Japans.

Insgesamt seien in allen drei Anlagen mehr als 400 Geräte und Maschinen nicht wie vorgeschrieben inspiziert worden, hieß es bereits Ende Februar in einem Bericht von Tepco an die Aufsichtsbehörde. Die meisten Mängel wurden laut Kyodo im Kraftwerk Kashiwazaki-Kariwa in der Präfektur Niigata festgestellt. Unter den schlecht gewarteten Geräten befanden sich danach auch ein Dieselgenerator zur Notstromversorgung.

Berichte jahrelang gefälscht

Als Grund für die Mängel bei der Überprüfung nannte Tepco unter anderem Versäumnisse der Verantwortlichen. Außerdem sei die Inspektionsliste sehr umfangreich. In einer Anlage müssten einige Zehntausend Maschinen und Geräte überprüft werden. Das solle in Zukunft systematischer erfolgen, zitierte Kyodo den Betreiber. Tepco musste sich auch schon früher gegen Vorwürfe verteidigen. So räumte die Firma ein, Berichte über Schäden jahrelang gefälscht zu haben.

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Kontrollraum von Reaktor 3 im September 2010. Tepco werden Versäumnisse bei Inspektionen vorgeworfen.

(Foto: AP)

Vorwürfe bekommt auch Industrie- und Wirtschaftsminister Kaieda zu hören. Er soll Feuerwehrmänner aus Tokio gezwungen haben, stundenlang Wasser auf die radioaktiv strahlenden Reaktoren zu sprühen. Kaieda soll den Männern eine Strafe angedroht haben, falls sie die Aufgabe nicht "sofort" ausführten, wie Kyodo berichtete. "Er wusste nicht einmal, wie die Lage vor Ort für die Arbeiter war und welche Kapazitäten sie hatten", sagte der Gouverneur von Tokio, Shintaro Ishihara. Er habe sich darüber bei Regierungschef Naoto Kan. Dieser habe sich bei ihm für das Verhalten des Ministers entschuldigt. "Es tat ihm sehr leid."

Der Wirtschaftsminister sagte daraufhin auf einer Pressekonferenz: "Wenn meine Bemerkungen Feuerwehrmänner verletzt haben, (...) möchte ich mich in diesem Punkt entschuldigen." Er ging allerdings nicht näher darauf ein, ob die Vorwürfe gerechtfertigt seien, schrieb Kyodo.

Vermutlich über 20.000 Tote

Bei dem verheerenden Erdbeben und Tsunami vom 11. März wurden nach jüngsten offiziellen Angaben 9079 Menschen in den Tod gerissen. Die Zahl der Vermissten lag bei 12.645 in sechs Präfekturen. Fast 320.000 Menschen seien in Notunterkünften untergebracht, berichtete die Agentur Jiji Press.

Die Behörden warnten inzwischen vor weiteren schweren Nachbeben in der Krisenregion im Nordosten Japans. Die Erdstöße könnten die Stärke 7 oder mehr haben, berichtete die japanische Wetterbehörde am Dienstag nach Angaben des Senders NHK. Die Beben könnten bereits beschädigte Gebäude zum Einsturz bringen oder einen weiteren Tsunami auslösen. Bis zum späten Montag hatten die Seismologen der Wetteragentur mehr als 60 stärkere Nachbeben gemessen.

Quelle: ntv.de, dpa/rts/AFP

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