Ein GedankenexperimentEine utopische Provokation oder eine provokante Utopie?

Deutschland altert. Die Zahl der Rentner steigt, die Zahl der Beitragszahler sinkt. Schon heute überweist der Bund jährlich weit über 100 Milliarden Euro aus Steuermitteln an die Rentenkasse – Tendenz steigend. Die Debatte darüber dreht sich seit Jahren um dieselben Stellschrauben: höheres Renteneintrittsalter, steigende Beiträge oder sinkendes Rentenniveau. Doch was, wenn die eigentliche Frage eine ganz andere ist?
Was wäre, wenn der Staat die Altersvorsorge nicht länger primär über Arbeit finanzieren würde – sondern über Zeit?
Was folgt, ist kein politischer Vorschlag, sondern ein Gedankenexperiment. Eine utopische Provokation – oder vielleicht eine provokante Utopie.
Stellen wir uns vor, jedes in Deutschland geborene Kind erhielte vom Staat einmalig 100.000 Euro. Das Geld wäre streng zweckgebunden und würde automatisch in breit gestreute Aktienfonds investiert. Nicht zur freien Verfügung, nicht für Konsum, sondern ausschließlich für den langfristigen Vermögensaufbau.
Kritiker werden sofort einwenden: Das ist unbezahlbar. Tatsächlich würde ein solcher Schritt bei rund 600.000 Geburten pro Jahr anfänglich etwa 60 Milliarden Euro kosten. Viel Geld. Doch im Verhältnis zu den heutigen und künftig weiter steigenden Rentenzuschüssen des Bundes erscheint diese Summe plötzlich weniger absurd.
Nehmen wir an, das Kapital erwirtschaftet langfristig eine durchschnittliche Rendite von fünf Prozent pro Jahr – eine Annahme, die historisch keineswegs unrealistisch ist. Aus den 100.000 Euro würden bis zum 18. Geburtstag rund 240.000 Euro entstehen. Mit Erreichen der Volljährigkeit zahlt der junge Erwachsene das ursprünglich eingesetzte Kapital an den Staat zurück – verzinst mit drei Prozent. Der Staat erhält dadurch rund 172.000 Euro zurück. Dem Bürger verbleibt ein Vermögen von etwa 69.000 Euro.
Dieses Kapital bleibt investiert und arbeitet weitere 47 Jahre bis zum Renteneintritt. Mit 65 Jahren stünde so ein Vermögen von knapp 700.000 Euro zur Verfügung. Bei einer vorsichtigen Entnahmerate von 3,5 bis 4 Prozent ergäbe sich daraus eine lebenslange Zusatzrente von rund 2.000 bis 2.300 Euro pro Monat – ohne das Kapital selbst anzugreifen.
Die eigentliche Provokation beginnt jedoch erst hier.
Denn wenn der Kapitalstock auch im Alter erhalten bleibt und im Durchschnitt mit 90 Jahren an den Staat zurückfällt, entstünde ein völlig neues Finanzierungsmodell. Je nach Entwicklung der Kapitalmärkte könnte der Staat aus den Vermögen verstorbener Bürger jährlich Hunderte Milliarden Euro erhalten – nicht als Steuer, nicht als Beitrag, sondern als Rückfluss früherer Investitionen.
Damit verändert sich die Perspektive grundlegend. Die Diskussion dreht sich plötzlich nicht mehr nur um Renten. Sie betrifft die Finanzierung des Staates insgesamt. Infrastruktur, Bildung, Verteidigung oder Klimaschutz könnten langfristig nicht mehr ausschließlich aus Steuern finanziert werden, sondern teilweise aus den Erträgen eines generationenübergreifenden Vermögenssystems.
Natürlich hat diese Idee Schwächen. Kapitalmärkte schwanken. Politiker könnten versucht sein, auf die Vermögen zuzugreifen. Die Übergangsphase wäre teuer und komplex. Und vermutlich würde ein solcher Vorschlag im politischen Betrieb schnell zerredet, relativiert oder verwaltet werden.
Doch Gedankenexperimente haben nicht die Aufgabe, sofort umgesetzt zu werden. Ihre Aufgabe ist es, Denkgrenzen zu verschieben.
Vielleicht ist die eigentliche Frage daher nicht, ob sich ein solcher Staat finanzieren ließe. Sondern ob sich ein alternder Staat dauerhaft leisten kann, den mächtigsten Verbündeten des Kapitalismus ungenutzt zu lassen: die Zeit.
Denn möglicherweise leidet unser Rentensystem nicht an Geldmangel – sondern daran, dass es die Zeit nicht für sich arbeiten lässt.