Der TagUnsterblich durch Tumorzellen: Späte Ehre für Henrietta Lacks
Henrietta Lacks war verheiratet, bekam fünf Kinder, doch dann setzte ein aggressiver Krebs ihrem Leben ein frühes Ende. Die US-Amerikanerin starb 1951, mit 31 Jahren. Und hat der Welt ein beispielloses Geschenk gemacht: "Sie hat unsterbliche Zellen hinterlassen, die die Welt verändert haben", sagt ihr Enkel, Alfred Carter. Letzte Woche ehrte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Lacks, 70 Jahre nach ihrem Tod. Denn Millionen Menschen verdanken Henrietta Lacks ihr Leben.
Eine Gewebeprobe, die Lacks entnommen worden war, wurde zur medizinischen Sensation: Der Zellbiologe George Gey und seine Frau Margaret legten wie üblich eine Kultur an, doch anders als bis dahin starben die Zellen nicht nach kurzer Zeit ab. Lacks' Krebs war so aggressiv, dass die Zellen sich alle 24 Stunden verdoppelten. Die HeLa-Zelllinie - benannt nach den ersten Buchstaben von Lacks Vor- und Nachnamen - wurde zu einem Grundpfeiler der modernen Medizin. Mehr als 75.000 Studien basierten auf der Forschung an HeLa-Zellen.. Mit ihnen seien der Polioimpfstoff entwickelt worden, jede Menge Medikamente gegen Krebs, HIV und Aids, Leukämie und Parkinson. Auch bei der Entwicklung der Impfstoffe gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 spielten HeLa-Zellen eine wichtige Rolle. Firmen haben sich bestimmte Verwendungsweisen der Zellen patentieren lassen und damit viel Geld verdient. Der deutsche Krebsforscher Harald zur Hausen fand darin die humanen Papillomviren HPV16 und HPV18, die zur Entwicklung des HPV-Impfstoffs führten. Er bekam den Nobelpreis dafür.
Bei all dem wurde von Lacks oder ihrer Familie nicht gesprochen. Bis zur der Ehrenzeremonie für Henrietta Lacks bei der WHO dauerte es 70 Jahre. "Worte können nicht beschreiben, wie viel mir das bedeutet", so ihr Sohn Lawrence Lacks in Genf bewegt. Enkel und Urenkel feierten den Moment, aber die Familie ist enttäuscht. Bekanntheit erreicht Lacks eigentlich erst durch den Bestseller "Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks" der US-Wissenschaftsjournalistin Rebecca Skloot 2010: "Auf der einen Seite sind die Zellen Henriettas, die so viel für die Menschheit getan haben und mit denen einige Firmen sehr viel Geld verdienten, und auf der anderen Seite sie selbst, denen bis heute das Geld fehlt, zum Arzt zu gehen." Rassismus habe eine Rolle gespielt: Die Afroamerikanerin Lacks war arm, Menschen wie sie wurden damals übergangen, ignoriert und nicht respektiert. Die Familie hat nun die HeLa100-Initiative ins Leben gerufen: "Wir wollen Gleichbehandlung in der Gesundheit für alle und soziale Gerechtigkeit", so ihre Urenkelin Victoria Baptiste. Die Familie hat Anfang Oktober eine erste Klage gegen eine Biotech-Firma eingereicht. Sie wirft ihr vor, Geschäfte mit Zellen zu machen, die Henrietta Lacks in einem rassistischen medizinischen System ohne Zustimmung entnommen worden waren.