Der Tag

Fünf Jahre "Wir schaffen das" Werner Patzelt: "Wir haben vieles nicht geschafft"

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(Foto: picture alliance / dpa)

Nie hat Kanzlerin Merkel gesagt, was genau "wir schaffen" würden. Das war geschickt, denn so lässt sich im Nachhinein auch nicht feststellen, was wirklich vom damals selbstgewiss Verheißenen geschafft wäre. Also kann jetzt jeder genau den Tunnelblick pflegen, dessen Blickfeld ihm behagt.

Geschafft haben wir erst die Aufnahme und Versorgung von vielen Hunderttausenden an Migranten, darunter viel weniger als die Hälfte weiblich, alt oder schwach, dann die Drosselung der Zuwanderung; und gelungen ist die Hervorbringung eines kollektiven Hochgefühls ethischer Überlegenheit - teils gegenüber anderen Ländern, teils gegenüber Andersdenkenden im eigenen Land.

Nicht geschafft haben wir die Integration der meisten Zugewanderten, die Ausreise der Nichtbleibeberechtigten, den Übergang zu einer stimmigen beziehungsweise nachhaltigen Zuwanderungs- und Integrationspolitik sowie einen tatsachenorientierten öffentlichen Diskurs über wünschenswerte und weniger wünschenswerte Wandlungsprozesse unserer multikulturellen Gesellschaft.

Zu den von vornherein absehbaren und wirklich "geschafften" Kollateralschäden gehören die unversöhnliche Spaltung unseres Landes in - je nach Selbst- oder Fremdsicht - "Anständige" und "Rassisten", der unser Parteisystem umgestaltende Rechtspopulismus sowie die dauerhafte Belastung unseres Sozialstaates durch eine neue, schwer in den Arbeitsmarkt integrierbare Unterschicht.

Werner Patzelt ist Politikwissenschaftler. Bis zu seiner Emeritierung 2019 lehrte er an der TU Dresden.

Quelle: ntv.de