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Von ewiger Sehnsucht getrieben: Joachim Witt.
Von ewiger Sehnsucht getrieben: Joachim Witt.
Montag, 01. Oktober 2012

"Manche empfinden mich als Bedrohung": Im "Dom" des Joachim Witt

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Hey, hey, hey, er war der goldene Reiter. Doch dann fiel er ab. Joachim Witt ist durch alle Höhen und Tiefen gegangen. Jetzt will er es noch einmal wissen - mit einem wuchtigen musikalischen "Dom". Im n-tv.de Interview spricht Witt über sein neues Album, aber auch über "Die Flut", Religion, Peitschen, Sehnsucht und den "Horror", den er erlebt hat. In das Album können Sie im Player am Textrand kostenlos reinhören.

n-tv.de: Ihre Plattenfirma nennt Sie einen "unverzichtbaren Dickkopf". Hat sie recht? Sind Sie ein Dickkopf?

Joachim Witt: Ja, im Bezug auf meine Arbeit schon. Das, was ich mir vorgenommen und in den Kopf gesetzt habe, möchte ich in jedem Fall auch umsetzen. Trotzdem glaube ich, dass ich nach wie vor auch kritikfähig bin.

Zum Dickkopf passt so ein wuchtiger Titel wie der Ihres neuen Albums "Dom" ganz gut. Sie haben in dem Zusammenhang von einer "Kathedrale der Popmusik" gesprochen. Was haben Sie damit gemeint?

In meinen Texten geht es ja in erster Linie um Emotionsschichten, die man normalerweise nicht in Liedern vorfindet. "Kathedrale der Popmusik" ist für mich eine wunderbare Wendung, um die Inhalte zu beschreiben. Der Gedanke ist natürlich dem religiösen Zusammenhang entnommen, steht bei mir aber für Spiritualität. Es gibt sozusagen ein "Dach der Spiritualität". Und das hat sehr viel mit dem Miteinander und der Nächstenliebe zu tun.

Sie verwenden die Begriffe also metaphorisch. Wann waren Sie denn zuletzt in einem richtigen Dom?

Zuletzt war ich in einer Dorfkirche. Das ist ein paar Wochen her. Ab und zu versuche ich ganz bewusst, bei einem Gang durchs Dorf Ruhe zu finden oder eine Art meditativen Zustand zu erreichen.

Sie sagen, für Sie gehe es um Spiritualität und nicht um Religion. Gleichwohl spielen Sie ja mit religiösen Symbolen, zum Beispiel auch im Video zu dem Song "Gloria". Warum?

Mir geht es darum, dass man sich auf seine eigenen Ressourcen an Energien konzentrieren und nicht nur auf Gott und die Religion verlassen sollte. Die Kraft aus sich selbst zu schöpfen, ist die gesündeste Kraft. Jeder ist für sich selbst verantwortlich - und man sollte das nicht auf etwas anderes schieben. Wir sehen jetzt wie schon in der Vergangenheit, dass Religion eher Schrecken über die Menschen bringt als umgekehrt. Ich halte religiöse Bindungen für unheimlich problematisch - sowohl mit Blick auf die Menschheitsgeschichte als auch hinsichtlich der Interaktion der Interessen.

In dem Video treten Sie als Priester auf. Das ist auch provokativ …

Ja, zumal der Prozessionszug am Ende im Fluss verschwindet und sich damit selbst auslöscht. Aber diese Spitzfindigkeit liest kaum jemand heraus.

Im Zusammenhang mit Ihrem neuen Album wird von einer Trilogie gesprochen - von Ihrem 81er Hit "Goldener Reiter" über das Duett "Die Flut" mit Peter Heppner 1998 bis eben hin zu "Gloria" jetzt. Sehen Sie das auch so?

Das muss sich natürlich erst noch herausstellen. Von einer Trilogie des Erfolges zu sprechen, wäre sicher zu früh …

Und künstlerisch gesehen?

Ja, insofern, dass ich "Dom" neben "Silberblick" und Bayreuth I" (die Alben, auf denen sich "Goldener Reiter" beziehungsweise "Die Flut" befanden, Anm. d. Red.) für mein stärkstes Album halte - wenn nicht sogar für mein stärkstes überhaupt.

Egal, was danach kam und kommen wird - der Ausgangspunkt, mit dem Sie immer verbunden sind und sein werden, ist "Goldener Reiter". Empfinden Sie das als Fluch oder Segen?

Grundsätzlich ist man doch froh, wenn man überhaupt auf etwas angesprochen wird. (lacht) Von daher sehe ich "Goldener Reiter" eigentlich als absolutes Highlight. Man wird ja positiv darauf angesprochen und immer wieder daran erinnert, wie viele Menschen ihre Jugend mit diesem Titel verbracht haben. Das ist doch eine wunderschöne Sache.

"Absolutes Highlight": Die Single "Goldener Reiter" stürmte 1981 die Charts.
"Absolutes Highlight": Die Single "Goldener Reiter" stürmte 1981 die Charts.(Foto: Warner Music)

Sie galten stets als Teil der "Neuen Deutschen Welle" (NDW). Allerdings hatten Sie zu dieser Zeit schon eine längere musikalische Vergangenheit hinter sich und waren im Vergleich zu anderen NDW-Künstlern bereits relativ alt. Sahen und sehen Sie sich überhaupt als Teil der NDW?

Musikgeschichtlich bin ich natürlich schon ein Teil dieser Bewegung. Aber anfangs war mir das gar nicht klar. Die Anfänge der "Neuen Deutschen Welle" entwickelten sich ja im Underground. Das war ein Aufbruch von Künstlern, die sich in der deutschen Sprache artikulieren und dabei zugleich mit dem Gewohnten brechen wollten. Bis zu der Zeit war ja eigentlich Udo Lindenberg der Einzige, der dieses Experiment gewagt hatte. Aber durch den Punk und die New-Wave-Bewegung in England lag es in der Luft, dass die Zeit für einen neuen Abschnitt in der Musikgeschichte reif war. Dass nicht nur ich das gespürt habe, ist natürlich nicht verwunderlich. Erkannt habe ich das allerdings erst später.

Wenn Sie - Ihre eigenen Platten mal ausgenommen - heute eine NDW-Platte kaufen würden, welche wäre das?

(überlegt) Wahrscheinlich eine von Falco. Aber die meisten von ihm habe ich schon. (lacht)

Eine, die als Sängerin von Ideal auch mit der "Neuen Deutschen Welle" berühmt wurde, ist Annette Humpe. Sie hat 2011 einen Echo für ihr Lebenswerk bekommen. Würden Sie sich eine derartige Anerkennung für sich auch mal wünschen?

Ich habe ja schon mal einen Echo bekommen, vor 50 Jahren oder so. (lacht) Da hieß es noch Deutscher Schallplattenpreis. Wir bekamen den Nachwuchspreis für meine damalige Band Duesenberg. Aus dem professionellen Blickwinkel heraus würde ich sagen, dass ich vielleicht irgendwann auch für so einen Preis für das Lebenswerk in Frage komme. Aber diese Entscheidung überlasse ich anderen. Ich habe den Anspruch nicht.

2013 feiert der Sänger sein 40-jähriges Bühnenjubiläum.
2013 feiert der Sänger sein 40-jähriges Bühnenjubiläum.

Ich frage das auch, weil es ja insbesondere nach Ihren NDW-Erfolgen auch eine Zeit gab, in der Ihnen Anerkennung verwehrt blieb. Und das scheint Ihnen sehr nahegegangen zu sein …

Ja, das ist es. Es ist schon bitter, wenn man aus dem Hochgefühl des Erfolges heraus plötzlich in eine Situation gerät, in der man sich von den Medien abgelehnt fühlt, weil man Teil dieser NDW-Bewegung war. Man ist ja praktisch seines Berufes enthoben. Da stellen sich dann auch ökonomische Fragen. Insofern entpuppte sich die Öffnung der Grenzen damals für mich auch als persönlicher Glücksfall. Mit Peter Schilling und Markus zusammen habe ich die neuen Bundesländer bereist. Weil wir dort zu DDR-Zeiten nie hatten auftreten können, gab es dort einen ungeheuren Nachholbedarf. Das hat mich eine ganze Zeit lang gerettet und war zudem eine sehr positive menschliche Erfahrung.

Wenn man Ihre Aussagen gegenüber der "Bild"-Zeitung zugrunde legt, dann kennen Sie aus der Zeit nach Ihrem ersten großen Erfolg von Alkohol über Depressionen, Panikattacken und Albträumen bis hin zu einem Leben von Stütze das volle Programm …

Ja, ich habe so ziemlich alles durchgehabt. Trotzdem hat mein hypochondrischer Spirit mich immer vor dem Schlimmsten bewahrt. Ich habe immer irgendwie noch die Kurve gekriegt. Sonst würde ich wahrscheinlich auch nicht mehr hier sitzen.

Sie haben auch gesagt, Sie hätten sich sogar von Frauen auspeitschen lassen, um noch etwas zu spüren. Das ist schon harter Tobak …

Na, Pferde werden doch auch ausgepeitscht. Das ist halt eine Art Dressurakt. (lacht)

Sentimental und melancholisch - diese Seite hatte Witt schon immer.
Sentimental und melancholisch - diese Seite hatte Witt schon immer.

Von harten Geständnissen zu harter Musik - als Sie in den 90ern mit "Die Flut" und Ihren "Bayreuth"-Alben ins Rampenlicht zurückkehrten, zählte man Sie statt zur "Neuen Deutschen Welle" auf einmal zur "Neuen Deutschen Härte" (NDH) in einer Reihe mit Bands wie Rammstein. Haben Sie das nachvollzogen?

Das ist doch dieses ewige journalistische Spiel, für etwas, hinter dem man eine gemeinschaftliche Musikrichtung oder Strömung vermutet, einen Oberbegriff zu finden. Grundsätzlich habe ich kein Problem damit. In diesem Fall fand ich es aber doch problematisch, da ich nicht wollte, dass sich mit der NDH die Geschichte der NDW wiederholt. Dann wäre ich wieder in derselben Schleife gelandet. Davor hatte ich einen Horror. Gott sei Dank ist das nicht so passiert. Die Bands aus dieser Zeit haben mittlerweile ein klares Profil und sind heute genauso populär wie damals.

Erstaunlich war damals Ihr äußerer Wandel. Aus der NDW-Zeit waren Sie doch als eher schrill in Erinnerung. In den 90ern erschienen Sie dann fast gegenteilig ernst. Ich habe mich gefragt: Spielt er eine Rolle? Hat er während der NDW eine Rolle gespielt? Oder hat er sich wirklich so entwickelt?

Stimmt, das hat natürlich etwas von einem Chamäleon. Aber es ist schon auch in der Vielfalt meiner seelischen Beschaffenheit begründet. Ich habe eine Seite, die sentimental und sehr melancholisch ist. Die wurde in den 90ern sicher mehr bedient. Das entsprach meinem damaligen Lebensgefühl. In meinen frühen Werken kommt das auch zum Ausdruck, es wurde nur musikalisch nicht so vordergründig formuliert - inhaltlich aber schon.

"Die Flut" wurde zu Ihrem erfolgreichsten Hit überhaupt. Das Zusammenspiel zwischen Ihnen und Peter Heppner hat bei dem Lied ja wunderbar funktioniert. Haben Sie nie darüber nachgedacht, eventuell mehr miteinander zu machen?

Direkt danach nicht, aber der Gedanke liegt schon seit einiger Zeit in der Luft. Ich könnte mir so eine Zusammenarbeit in nächster Zukunft noch einmal neu vorstellen.

"Ich würde das Rad nicht zurückdrehen wollen."
"Ich würde das Rad nicht zurückdrehen wollen."

Auf den erneut großen Erfolg in den 90ern und um die Jahrtausendwende folgte wieder eine Zeit, in der es stiller um Sie wurde. Haben Sie noch einmal ähnliche Abstürze erlebt wie nach "Goldener Reiter"?

Nein, Abstürze in dieser Art nicht mehr. Ich habe viel aus meinen Erfahrungen gelernt. Und ich war in dieser Zeit sehr gut abgefedert, nicht zuletzt durch meine Beziehung. In welcher Kondition meine persönlichen Beziehungen sind, spielt für mich immer eine ganz entscheidende Rolle. Dadurch konnte ich auch die Misserfolge besser auffangen.

Ihre Musik polarisiert seit jeher. Das wird bei Ihrem neuen Album wohl nicht anders sein. Die einen finden die Musik romantisch und schön, für die anderen ist sie Kitsch. Wie gehen Sie damit um?

(überlegt) Ich möchte die Menschen, die meine Musik nicht verstehen, nicht als gefühlsarm bezeichnen. Aber ich glaube doch, dass die Menschen ein sehr gestörtes Verhältnis zu ihrer Innenwelt haben. Es fällt ihnen schwer, zu ihren Gefühlen zu stehen. Ich tauche in andere Schichten ein, als man es normalerweise gewohnt ist. Manche empfinden das womöglich als eine Art Bedrohung, weil sie sich mit ihrer Gefühlswelt gar nicht so extrem befassen wollen. Sie könnten ja auf unangenehme Dinge stoßen - an ihnen selbst oder an ihrer Beziehung zur Umwelt. Ich glaube aber, dass wir auf der Welt sind, um an uns zu arbeiten und uns weiterzuentwickeln. Darin sehe ich den Sinn des Lebens.

Steckt darin auch die "Sehnsucht nach einer besseren Welt", die man Ihnen attestiert?

Ja, das steht über allem.

Derart romantische Sichtweisen gelten als eher konservativ. Über Sie indes sagt man, sie seien ein politisch Linker. Wie geht das zusammen?

Ich finde, romantische Gefühle sollten das Motto der Zukunft sein. Das empfinde ich alles andere als konservativ. Man darf es nicht mit der historischen Zeit der Romantik verwechseln. Für mich geht es darum, auf dieser Welt nicht immer nur negative, sondern positive Energien auszusenden - andere Menschen nicht niederzumachen, sondern aufzubauen. Das ist Zukunft und nicht konservativ.

Das Album "Dom" ist ab sofort erhältlich.
Das Album "Dom" ist ab sofort erhältlich.(Foto: Sony Music)

Sehen Sie sich selbst als politisch links?

Ich weiß gar nicht so genau, was links und rechts ist, ehrlich gesagt. Ich weiß nur, was mir gefällt und was nicht. Ich gehe auch politische Dinge eher aus einem Bauchgefühl heraus an. Grundsätzlich stehe ich wohl schon eher in der Tradition linken Gedankenguts, denn das steht für Gerechtigkeit, Fairness und das Soziale im Allgemeinen. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen sich darauf mehr besinnen würden. Das bedeutet jetzt aber nicht zwangsläufig, dass ich irgendeiner Partei anhinge.

Die Kritik von manchen, dass seine Musik Kitsch sei, muss auch der Graf von Unheilig aushalten. Deswegen werden Sie auch gerne mit ihm verglichen …

Ich habe keine Angst davor. Er kommt aus der gleichen musikalischen Tradition der 90er wie ich. Es gibt da sicherlich Erfindungsparallelen. Er ist auch jemand, der sehr stark Gefühle anspricht. Das finde ich immer sehr positiv. Wenn jemand es schafft, mit so einer Einstellung so viele Menschen zu begeistern, ist das eine gute Botschaft. Insofern ist seine Arbeit doch eine wunderbare Sache.

Sie wurden bei den Arbeiten zu Ihrem neuen Album von sehr vielen Menschen unterstützt, darunter viele deutlich jüngere als Sie - zum Beispiel Felix Räuber von Polarkreis 18, Nicola Rost von den Newcomern Laing oder "Aggro Berlin"-Mitbegründer Specter, der das "Gloria"-Video gedreht hat. Woher kommt Ihr guter Draht zu jüngeren Generationen?

Wirklich erklären kann ich das nicht. Ein Grund könnte allerdings sein, dass ich innerlich immer auf der Höhe der Zeit empfinde. Das überträgt sich auf andere. Und das führt zwangsläufig dazu, dass ich meistens mit jüngeren Menschen zu tun habe. Ich will damit nicht sagen, dass alle anderen in meinem Alter verknöchert sind, sondern dass ich eine besondere Antenne für das Hier und Jetzt habe.

Sie sind heute 63. Haben Sie auch eine Sehnsucht nach Jugend?

(überlegt) Ich hänge sehr am Leben. Wenn es um die körperliche Frische der Jugendlichkeit geht, hätte ich das sicher gerne wieder. Aber einen klaren Gegenpol dazu, der für mich noch größeres Gewicht hat, bildet die Erfahrung. Das bedingt, dass ich mein jetziges Leben auch in meinem Alter positiver empfinde als mein Leben früher. Ich würde das Rad nicht zurückdrehen wollen. Unter dem Aspekt, was ich in jüngeren Jahren erlebt habe, kann ich die Frage nur einfach mit Nein beantworten.

Mit Joachim Witt sprach Volker Probst

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Quelle: n-tv.de