Leben

Lebensfrohes "Afrika! Afrika!" Mit dem Zirkus aus der Armut

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Abenteuer, Traum und Chance - "Afrika! Afrika!" bedient die Emotionen.

(Foto: Nilz Boehme)

Die Show "Afrika! Afrika!"begeistert mit ihrem positiven Blick auf den Kontinent. Viele Artisten der Show stammen aus Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba. Für sie ist der Zirkus alles gleichzeitig: Abenteuer, Traum und Chance.

Die Gegend ist nicht die beste, gleichwohl typisch für Äthiopiens Viereinhalb-Millionen-Hauptstadt Addis Abeba. Auf der staubigen Splitt-Straße, die steil den Hügel hinaufführt, um schließlich am Mount Entoto, der höchsten Erhebung der ohnehin auf fast 3000 Metern sehr hoch gelegenen Metropole zu enden, herrscht samstagvormittägliches Treiben. Ungefähr alle 50 Meter bietet ein Schlachter von der Decke baumelnde Tierhälften an, statt Supermärkten gibt es überall winzige Läden mit Essenziellem wie Abseitigem, viele Männer schrauben - gern in Gruppen - an baufälligen Karren herum. Wer jedoch von der geschäftigen Hauptstraße in ein kleines Gässchen einbiegt, kommt nach wenigen Metern auf einen Innenhof, alles ist plötzlich ruhig, aufgeräumt, behaglich. Hier lebt Abrham Woldehawaryat, ein 24-jähriger Jongleur und einer der Äthiopier, die bei der diesjährigen Tournee von "Afrika! Afrika" mit einer Solonummer im Programm sind.

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Abrham Woldehawaryat

(Foto: Nilz Boehme)

Abrham zeigt uns sein Zimmer. An der Wand hängen Bilder von Bob Marley und der Gottesmutter, in der Ecke steht eine kleine Harfe aus Holz und Tierfell, ordentlich in einer Schachtel verpackt seine weißen Silikonbällchen, das Arbeitswerkzeug, mit der er "neue Geheimtricks" einstudiert, wie er lachend erzählt. Woldehawaryat lebt mit Vater, Mutter und Schwester zusammen, im Wohnzimmer hängt eine Siegerurkunde des Jongleur-Wettbewerbs im chinesischen Puyang, auch ein Foto von einem Jugendzirkusfestival in Moskau, Abrham ist bereits gut herumgekommen in der Welt. "Meine Eltern waren erst skeptisch", sagt er, "weil Jongleur für sie kein richtiger Beruf ist. Aber dann fing ich an, in den USA, Europa und China aufzutreten und Geld zu verdienen. Jetzt finden beide toll, was ich mache, und sind stolz."

Mit 12 begann er zu jonglieren, zunächst im Jugendzentrum die Straße runter, bald schon in der "AAC Zirkusschule". Dort wurde Winston Ruddle auf Abrham aufmerksam und nahm ihn nach eingehender Beobachtung unter Vertrag. Ruddle ist der Talentscout von "Afrika! Afrika!", zusammen mit dem Produzenten Hubert Schober, einem drahtigen Endfünfziger aus der Oberpfalz, begleitet er die Journalisten während der drei, vier Tage in Addis Abeba. Der Mann ist ein Weltbürger. Geboren in Simbabwe leitet Winston Ruddle, der seine Karriere als Drahtseiltänzer und Clown begann, eine Zirkusschule in Daressalam, der Hauptstadt Tansanias, auch in Australien hat er eine Wohnung. Die meiste Zeit verbringt er jedoch seit 15 Jahren in Köln ("Die Stadt ist meine Heimat geworden"), wo er mit seiner aus der Mongolei stammenden Freundin lebt, die deutsche Staatsbürgerschaft hat Ruddle inzwischen auch. "Talent erkenne ich sehr schnell", behauptet er. "Entscheidend sind für mich Körperbeherrschung, der Blick und die Ausdrucksstärke." Fehler und Nervosität hingegen, so der Scout, der auch für andere Produktionen arbeitet und außerdem als Manager einiger Artisten tätig ist, ließen sich durch Üben ausmerzen.   

Mehr Zirkus dank Youtube?

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Der nicht ganz echte Dumbo.

(Foto: Nilz Boehme)

"Afrika! Afrika!" ist längst eine bestens etablierte Marke. André Heller hat das bunt schillernde Spektakel rund um die afrikanischen Artisten, Tänzer, Musiker sowie den nicht ganz echten Elefanten Dumbo 2005 ins Leben gerufen, nach zwischenzeitlicher Insolvenz und erfolgreichem Neustart im vergangenen Jahr wird die Show inzwischen von George Momboye verantwortet. Winston Ruddle war damals wie heute dabei und hat miterlebt, wie rasant sich die Zirkuskultur in afrikanischen Ländern wie Kenia oder Marokko, und ganz speziell in Äthiopien, entwickelt hat. Warum? Vor allem dank Youtube und anderen Social-Media-Anbietern. "Die Kids schauen sich im Internet die Tricks an und probieren selbst aus, was sie sehen." Allein in Addis gibt es mittlerweile etwa 15 Zirkusschulen, die Kinder kommen nach der regulären Schule hierher und üben, sie sind auch Treffpunkt, allerdings kein klassisches Sozialprojekt. Der Unterricht in den oft von ehemaligen Artisten gegründeten Schulen ist zwar kostenlos, schafft es einer der Teenager jedoch später, in der Showbranche Fuß zu fassen, werden Anteile vom Honorar fällig. "Der Zirkus ist ein relativ einfacher Weg aus der Armut heraus", erklärt Winston Ruddle.

Auf Kreuzfahrtschiffen, zunehmend in China und Macau, in Las Vegas und eben für Shows wie "Afrika! Afrika!" werden ständig neue Acts nachgefragt. Jugendliche wie Hikma, ein schüchternes Mädchen, das wir in der "ADC Zirkusschule" kennenlernen, und das mit ihrem Cyr Wheel (einem Rhönrad mit nur einem Reifen) erstmals bei "Afrika! Afrika!" dabei sein wird. Für die junge Artistin ist die Tournee Abenteuer, Traum und Chance. Für manch anderen freilich kann eine europäische Zirkusshow auch Sprungbrett ganz anderer Art sein. Produzent Schober weiß von einem kompletten afrikanischen Ensemble zu berichten, das sich während einer Tournee in den Niederlanden absetzte. "Manche siehst du nie wieder", sagt er. "Aber wir vertrauen unseren Artisten und den Schulen, die sie ausbilden." Die Cleveren, so Ruddle, würden ihre Einkünfte in Äthiopien investieren. Zumal ein Spaziergang durch die Hauptstadt keinen Zweifel lässt: Hier entsteht etwas. Baukräne an jeder Ecke, und in einigen Vierteln wähnt man sich bereits eher in einer südeuropäischen Metropole als in der Dritten Welt.

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Die Lebensfreude soll betont werden, 100-prozentige Perfektion ist nicht unbedingt erforderlich.

(Foto: Nilz Boehme)

Was aber ist das Einzigartige an Zirkuskunst aus Afrika? Wir besuchen die "Lambert Circus Ethopia School", die Schüler dort haben eine gut einstündige Show einstudiert, es gibt Jongleure, Bodenturner, Menschenpyramiden, Ikarische Spiele (großer Junge fußjongliert mit kleinem Jungen) und einen Seilartisten. Nicht alles klappt, aber alle sind mit Freude und Zähigkeit dabei. "Auch Afrikaner erfinden den Zirkus nicht neu", sagt Winston Ruddle. "Aber verglichen etwa mit den Chinesen, bei denen alles immer perfekt ist, sind die Shows nicht so langweilig. Die Afrikaner haben einfach Charisma und sehen auf der Bühne einfach gut aus." Die Kritik, dass Shows wie "Afrika! Afrika!" ernste Probleme des Kontinents - etwa Armut, Kriminalität, Korruption, Krankheiten - ausblenden, weist Ruddle von sich. "Natürlich ist nicht alles gut. Doch die Menschen sind großartig. Wir stehen jedenfalls dazu, dass wir in "Afrika! Afrika!" die Lebensfreude betonen und die positiven Seiten Afrikas hervorheben."

"Afrika! Afrika!" tourt bis zum 25. Mai durch Deutschland, Österreich und die Schweiz, hier geht es zur Übersicht und den Karten

Quelle: n-tv.de