Leben

Zeitreise nach 1975 Modellbundesbahn ist begehbare Geschichte

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Diese Modelleisenbahn ist auch klein, aber im großen Maßstab.

(Foto: dpa)

Eine Modelleisenbahn war früher oft der Klassiker in vielen Kinderzimmern. In Brakel im Kreis Höxter gibt es so ein Modell auch, allerdings erheblich größer. Die Modellbundesbahn mit Nachbauten von Landschaften und Technik aus dem Jahr 1975 füllt eine ganze Halle.

Karl Fischer ist Modellbauer und ein Perfektionist. Wenn der 48-Jährige Details für seinen Landschaftsnachbau des Jahres 1975 zeigen will, muss auch die noch so kleinste Info stimmen. Wie teuer war ein Glas Mineralwasser Mitte der 70er-Jahre? Auf der nachgebauten kleinen Werbetafel im Maßstab 1:87 muss schon der für die damalige Zeit richtige Preis stehen. Oder am Traktor: Gab es 1975 schon grüne Nummernschilder? Die steuerbefreiten für die Landwirtschaft? Ja, die gab es. Jetzt hat nicht nur der Nachbau des Traktors im Modell eines und die Recherche hat viel Zeit gekostet.

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Eine Reise nach Ottbergen ist hier möglich.

(Foto: dpa)

Fischer ist pingelig. Seine Modellbundesbahn in Brakel in Ostwestfalen ist Geschichtsunterricht am Modell. Er hat mit seinen Unterstützern und Angestellten das typische Weserbergland mit den Bahnhöfen Ottbergen und Bad Driburg nachgebaut.

Auf einer Fläche von rund 100 Quadratmetern in einer 45 mal 15 Meter großen Halle zählen diese Nachbauten zu den vollendeten Bauabschnitten. Ottbergen und sein Bahnbetriebswerk gilt unter Kennern als klassische Dienststelle der Dampflokzeit. Hier im Mittelgebirge wurden die 169 Tonnen schweren Güterzuglokomotiven der Baureihe 044 noch richtig gefordert. Zum Fahrplanwechsel 1976 war an dieser Stelle damit Schluss.

Steinerne Überführungen

Jetzt hat sich das Team drei neue Bauabschnitte vorgenommen. Der erste heißt Teutoburger Wald. Das Modell mit rund 50 Quadratmetern zeigt Ausschnitte der Strecke von Paderborn nach Altenbeken. Höhepunkt sind ein großes und ein kleines Eisenbahn-Viadukt.

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Es müssen die richtigen Loks sein.

(Foto: dpa)

Wo früher die schwarzen Dampfloks durch das Eggegebirge stampften, fahren heute ICE-Züge der Bahn zwischen Kassel und Dortmund. Die beiden steinernen Überführungen bei Altenbeken (groß) und Neuenbeken (klein) sind die Hingucker im Modell - aber natürlich ohne die neuen ICE-Flitzer.

Das Hermannsdenkmal als Wahrzeichen des Teutoburger Waldes ist natürlich auch zu sehen. An dieser Stelle vermischen die Modellbauer derzeit alte mit neuer Geschichte. Hermann hat als Mahnung an die Corona-Pandemie einen orangefarbenen Mundschutz bekommen. "Der Mundschutz beim Hermann bleibt, bis in Deutschland ein großer Teil der Pandemie hoffentlich gut überstanden ist. Wenn wir wieder von der Maske befreit werden, werden wir Hermann auch demaskieren", sagt Fischer. "Die Maske hatten wir übrigens mit dem Lasercutter aus Malerkrepp geschnitten. Die helle weiße Farbe fiel den Gästen anfangs kaum auf, daher ist die Maske jetzt mit dem orangen Ton etwas auffälliger."

Fischer pocht auf Detailtreue. Schilder für die Straßenverkehrsordnung müssen so aussehen wie 1975 und Bäume müssen aussehen wie Bäume. Da baut der Experte in den Niederlanden dann an 1000 Fichten schon einmal drei Jahre. "Jeder Baum ist ein kleines Wunder. Der Niederländer Jos Geurts macht sie für uns. Alles Einzelstücke aus Bündel von dünnen Drähten und Filterwatte aus dem Aquaristikbedarf", sagt Fischer. Da steht kein gekaufter Industriebaum auf der Anlage.

Pandemie-Pause genutzt

Von der Corona-Pandemie wurde Fischer ausgebremst. Eigentlich wollte er im Frühjahr der Öffentlichkeit die Anlage neu präsentieren. Daraus wird derzeit nichts. Seit November ist die Modellbundesbahn wie andere Museen oder Theater - wegen des Infektionsschutzes - geschlossen. Fischer und seine Leute hoffen auf Juni, wenn die Infektionszahlen im Kreis Höxter mitspielen.

Fischer betont, dass sein Projekt anders sei als andere Modelleisenbahnen. "Keine Modelleisenbahn, sondern Geschichte und eine echte Eisenbahn im Modell", sagt der studierte Betriebswirt, der sich vor ein paar Jahren aus dem Beruf bei einer größeren Unternehmensberatung zurückgezogen hat, um sich seinen Traum in der Halle in Brakel zu erfüllen.

2001 hatte Fischer die ersten Ideen. Fertig sein will er, wenn er 60 wird. Zweifel sind angebracht, denn bei den schon länger vollendeten Teilen beginnt die Arbeit wieder von vorne. Das Wasser in Bachläufen muss von der Ansicht aufgefrischt werden, an einem Wehr wird die Gischt erneuert. Alles hat Patina angesetzt. "Das Wasser soll so klar sein wie vor 16 Jahren", sagt Fischer. Zum Team gehören außerdem Techniker Norbert Sickmann (49), der technische Zeichner aus der Schweiz, Bernard Huguenin (67), Chefbauer Michael Butkay (64) und Betriebselektriker Uwe Rottermund (58).

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Die zum Teil weniger als 20 Millimeter kleinen Figuren werden in der Regel von einem Hersteller eingekauft, sämtliche Hochbauten oder Ausstattungsdetails, wie der Paderborner Schlauchwagen 2000 für einen Feuerwehreinsatz, entstehen dagegen im 3D-Drucker. Bis ins kleinste Detail sollen die Fakten stimmen, wenn Menschen in ihrem Gemüsegarten stehen und Werkzeug in der Hand haben. Und wenn mal ein für das Jahr 1975 falsches Auto ins Modell gerät? "Dann bekommen wir einen Hinweis von unseren Besuchern", erzählt Fischer.

Die einzelnen Abschnitte in der Halle sind begehbar. Die Besucher können die Landschaften durchwandern und in Augenschein nehmen. "Das ist wie ein komprimierter Spaziergang." Als Gäste begrüßt Fischer Fachleute, Modellbahn- oder Eisenbahnfans oder einfache Tagestouristen. Für einen extra angereisten Japaner hat er die Tür einmal geöffnet, obwohl der außerhalb der Öffnungszeiten nach Brakel gekommen war.

Quelle: ntv.de, Carsten Linnhoff, dpa

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