Leben

Esther Schweins und Martin Mücke Seltenen Krankheiten auf der Spur

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Esther Schweins und der Mediziner Martin Mücke im Gespräch - das ist wie True Crime, denn es geht um den Feind in deinem Körper!

(Foto: Ralf Bauer)

Sie haben Summen im Kopf, Schmerzen in der Hand, Krämpfe nach dem Essen, obwohl keine Allergien oder Unverträglichkeiten vorliegen? Und Sie werden langsam wahnsinnig? Dann hören Sie Dr. Martin Mücke und Esther Schweins zu, die haben eventuell eine Lösung für Sie im Arztkittelärmel. In ihrem neuen Podcast"" sprechen der Mediziner und die Schauspielerin darüber, wie Patienten mit seltenen Krankheiten doch oft geholfen werden kann. Und wo sie hingehen sollten.

ntv.de: Krankheiten, von denen man fast gar nichts weiß, die nicht erkannt werden - ich stelle mir vor, dass man sich sehr einsam fühlt mit seinem Leiden, das manchmal vielleicht nicht einmal ernst genommen wird.

Esther Schweins: Stimmt. PODs - Patienten ohne Diagnose - befinden sich im freien Fall. Denn ohne Diagnose fällt man in unserem Gesundheitssystem aus dem Rahmen: aus dem sozialen Rahmen von Unterstützung. Aus dem der Gesellschaft oder der Familie ganz zu schweigen. Dann bedeutet eine Diagnose alles. Weil man mit einer Diagnose wieder in eine Systematik zurückkommt. Und vor allem kann dann endlich ein Heilungsprozess starten.

Und wenn es keine Heilung gibt?

Dann ist eine Diagnose, und sei sie noch so schwer, für die meisten Menschen immer noch besser, als nicht zu wissen, was los ist. Mein Podcastpartner Martin Mücke sagt, dass eine Diagnose Erleichterung verschafft, weil eine Prognose gestellt werden kann, und mit einer Prognose können Menschen umgehen. Menschen sind stark. Manchmal entwickeln sie sogar Selbstheilungskräfte, die es ohne eine Diagnose gar nicht geben kann.

Warum werden Krankheiten denn heutzutage, mit all unseren Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, oftmals gar nicht oder nur schwer erkannt?

Weil es in einem normalen Betrieb nicht die Zeit dafür gibt. Aber zum Glück gibt es Zentren für seltene Erkrankungen, die sich dieser Fälle ganz anders annehmen können. Die sind ausschließlich dafür da, die haben die Zeit und die Möglichkeiten.

Ihr Podcast mit Dr. Martin Mücke - wie kam es dazu?

Wir wurden quasi verkuppelt, von einem befreundeten Produzenten und Autor, der von meinem Interesse für Medizin wusste. Und auch meinem Hang zu Themen wie eben "Seltene Krankheiten". Außerdem würde ich lügen, wenn ich behaupten würde, dass das narrative Element mich daran nicht auch gereizt hat.

Wir wissen jetzt ja besser denn je - siehe Corona - dass es Leute braucht, die komplizierte Sachverhalte möglichst allgemeinverständlich vermitteln können. Schon Denzel Washington fragte in "Philadelphia": "Erklären Sie es mir, als wäre ich fünf Jahre alt."

(lacht) Genau, Fachsimpelei bringt uns oft nicht weiter, wenn wir etwas verständlich erklären wollen. Ich habe gelernt, dass man gar keine wirklich dummen Fragen stellen kann, denn es gibt immer eine Antwort, die einen noch ein Stück weiterbringt.

Und was hat Sie für die Medizin so begeistert? Wollten Sie eigentlich immer Ärztin werden und dann kam das Fernsehen dazwischen?

Tatsächlich wurde mein Interesse an Kräuterheilkunde schon früh geweckt. Wir könnten bessere Vorsorger sein, wenn wir auf den großen Fundus an naturheilkundlichem Wissen zurückgreifen würden. Kräuterheilkunde und Medizin ergänzen sich meiner Meinung nach gut. Ich glaube ja, da schlummert ein Schatz, der wieder gehoben werden muss.

Sie und Dr. Mücke wollen auch mit Gesundheitsmythen aufräumen in Ihrem Podcast - welchen Mythen sitzen wir denn am ehesten auf?

Wir haben versucht, für die ersten Folgen den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden. Und da dachten wir zum Beispiel an: "Bei Nasenbluten Kopf in den Nacken!" (lacht) Bitte machen Sie das nicht! Aber der kalte Waschlappen, der ist gut, und dann unterhalb des Nasenbeins einfach die Nase zusammendrücken, damit die Gefäße sich schließen können.

Das mache ich sogar intuitiv. Macht man nicht öfter intuitiv etwas richtig, als man denkt?

Intuition ist immer wieder Thema bei vielen der seltenen Krankheiten, weil es ja oft nur einen Arzt bräuchte, der seiner Intuition folgt. Durch eine intuitive Eingebung ist schon der ein oder andere Experte auf die richtige Spur gebracht worden, das sollte man nicht unterschätzen.

Intuition ist das eine, Empathie das andere, beides ist nicht unwichtig im Arztberuf. Aber es bleibt wahrscheinlich oft schlicht keine Zeit.

Das ist leider tatsächlich so. Und diese sogenannten "Götter in Weiß" sind schließlich auch nur Menschen. Menschen, die wissen, dass sie einen Heilauftrag haben und aus diesem Grund ein Medizinstudium begonnen haben. Ein Arzt wie Dr. Mücke, der an einem Zentrum für seltene Krankheiten arbeitet, hat immerhin den Luxus, seinen Beruf wirklich ausüben zu können. Er kann ein Anamnese-Gespräch führen, das diesen Namen auch verdient hat. Er kann, wenn er eine Lösung gefunden hat, an der Heilung des Patienten teilhaben. Der Patient ist nicht nur ein reines Fallbeispiel. Das führt natürlich zu einer gewissen Befriedigung, die jeder gerne in seinem Beruf spüren möchte. Das ist ein nicht zu unterschätzender Energie-Faktor.

Es muss frustrierend sein, wenn man gefangen ist in der Systematik des Gesundheitswesens ...

Mir hat ein Arzt neulich gesagt, sein größtes Geschenk sei es, mit Kindern arbeiten zu dürfen, denn die wollen aktiv gesund werden. Erwachsene vergessen immer, dass Ärzte und Ärztinnen keine Magier sind, und dass ein Patient vieles eben auch selbst tun muss für seine Heilung.

Wenig Patienten, seltene Krankheit, das bedeutet meist auch: wenig Forschung, weil wenig Profit, oder?

Immer! Profit ist der Faktor, der dem ganzen wie eine Monstranz vorausgeht. Dies ist der Moment, in dem man für Medizinerinnen und Mediziner, genauso wie für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wirklich mal eine Brücke schlagen muss: Wie viel sie selbst übernehmen, wenn es darum geht, Licht ins Dunkel zu bringen, wie sie Forschungsgelder besorgen - da ziehe ich meinen Hut vor.

Wenn Dr. Mücke, nach einer Odyssee, die viele Patienten hinter sich haben, nun mit einem Podcast auf dem Markt ist - wird er nicht total überrannt werden? Und ebenfalls keine Zeit mehr haben?

Es gibt ja nicht nur das Universitätsklinikum für seltene Krankheiten der Stadt Bonn, sondern auch andere überall in der Republik, und das Ziel sollte natürlich sein, dass es noch viel mehr dieser Anlaufstellen gibt. Wünschenswert wäre es, wenn ein niedergelassener Arzt einen typischen "Drehtürpatienten" dann an ein Zentrum weiterleitet.

Letzte Frage: Warum sollten wir uns den Podcast von Ihnen und Dr. Mücke anhören?

(lacht) Weil diese Geschichten wie Krimis sind, oder besser gesagt, wie Detektiv-Geschichten: auf der Suche nach einem heimtückischen Keim. Auf der Spur des Virus'. Finde den Feind in deinem Körper! Weil es Sie selbst eines Tages betreffen könnte. Weil es Geschichten von Menschen sind, die oftmals dachten, alles verloren zu haben, und dann ihr Leben wieder gewannen.

Mit Esther Schweins sprach Sabine Oelmann

Start des Podcasts "Unglaublich krank - Patienten ohne Diagnose" am 10. September auf allen gängigen Podcast-Plattformen.

Quelle: ntv.de

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