Leben

Moderator wird Notfallsanitäter Tobias Schlegl im "Schockraum"

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Nicht immer können die Sanitäter Leben retten.

(Foto: imago stock&people)

Vor vier Jahren entschied sich Tobias Schlegl zu einem ungewöhnlichen Schritt: Mit dem Wunsch, etwas gesellschaftlich Relevantes zu tun, kündigte er seinen Moderatorenjob und machte eine Ausbildung zum Notfallsanitäter. Sein erster Roman "Schockraum" spiegelt seine Erfahrungen wider.

Es gibt einen Rettungswagen-Einsatz, den Tobias Schlegl so schnell nicht vergessen wird. "Ungefähr nach der Hälfte meiner Ausbildung musste ein junger Mann auf der Straße reanimiert werden", erzählt der 42-Jährige ntv.de. "Als es ihm wieder besser ging, hat er explizit darum gebeten, die Leute kennenzulernen, die ihn gerettet haben. Ich muss nicht von jedem Patienten ein Dankeschön hören, denn das ist ja unser Job. Trotzdem war es ein sehr besonderer Moment. Danach war mir klar: Ich ziehe das auf jeden Fall durch." Es ist der erste Einsatz, den Schlegl in seinem Debütroman "Schockraum" beschreibt - ein Buch, das Einblicke in diesen so wichtigen Beruf gibt. Es geht um den Wachenalltag und Einsätze, aber auch Ängste und Schwierigkeiten.

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Schlegl wollte etwas gesellschaftlich Relevantes tun.

(Foto: Thomas Leidig)

Eigentlich ist Tobias Schlegl als TV-Moderator bekannt. Im Alter von 17 Jahren wurde er von dem Musik-TV-Sender Viva aus 4000 Bewerbern ausgewählt. Später moderierte er unter anderem die Sendung "Absolut Schlegl" auf Prosieben, das Satiremagazin "extra 3" im NDR und zuletzt die ZDF-Sendung "Aspekte". "Bei Viva war ich der Jüngste und alle haben immer gesagt, ich solle es genießen, weil es schnell wieder vorbei sein kann. Es war aber nie vorbei, sondern es kam immer die nächste Stufe und wurde jedes Mal anspruchsvoller. Da hatte ich wirklich Glück", so Schlegl. "Doch nach 20 Jahren habe ich irgendwann gedacht: In meinen Interviews präsentiere ich ständig tolle Leute, aber was leiste ich eigentlich?"

Mit dem Wunsch, etwas gesellschaftlich Relevantes zu tun, hängte Schlegl seinen TV-Job im Juli 2016 deshalb an den Nagel und begann die Ausbildung zum Notfallsanitäter. "Dieser Wunsch war schon länger da, er ist nur einfach immer mehr gewachsen. Kurz vor meinem 40. Geburtstag dachte ich dann: Wenn ich es jetzt nicht mache, fehlt mir später vielleicht der Mut", sagt er. Eine Entscheidung, die nicht alle in seinem Umfeld nachvollziehen konnten. "Teilweise haben die Leute mich schon für verrückt erklärt und ich musste viel erklären. Unser System ist ja nicht dafür gemacht, dass man in der Lebensmitte noch mal komplett von vorne anfängt, sich zum Lehrling macht und mit 800 bis 900 Euro brutto im Monat klarkommt. Das ging auch nur, weil ich mir vorher einen Puffer angespart hatte, um diese drei Jahre durchzustehen."

Nicht immer geht es gut aus

Wobei es nicht nur in finanzieller Hinsicht einiges "durchzustehen" gab. Kurz vor dem eingangs erwähnten Einsatz hatte Tobias Schlegl eine Art Zusammenbruch. Über einen Zeitraum von ein paar Tagen ballten sich mehrere Einsätze, die nicht gut ausgingen, darunter ein Herz-Kreislauf-Stillstand, bei dem der Patient im Rettungswagen starb. "Danach konnte ich nicht mehr schlafen und fühlte mich taub. Mir ging es wirklich schlecht. Ein Kollege hat das zum Glück erkannt und das Kriseninterventionsteam alarmiert, das sich dann mit mir unterhalten hat. Das hat mir sehr geholfen", erinnert er sich.

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"Ich habe aber schnell erkannt, dass mir das alleine nicht reicht, um es zu verarbeiten, also fing ich an, meine Erfahrungen aufzuschreiben. Für mich wurde das eine Therapieform." Irgendwann kam Schlegl schließlich die Idee, das Ganze in Buchform zu bringen. "Allerdings wollte ich die düstere Variante durchspielen. Bei mir ist alles gutgegangen, aber bei vielen anderen ist das leider nicht so. Wie wäre es gewesen, wenn mir keiner geholfen hätte?"

Das Ergebnis ist der Leidensweg des Protagonisten Kim, den Schlegl in "Schockraum" beschreibt. Nach einem heftigen Einsatz als Sanitäter entwickelt er eine posttraumatische Belastungsstörung, die ihn innerlich auffrisst. Bald geht deshalb auch seine Beziehung in die Brüche. Doch als sein bester Freund Benny ihn auf einen Ausflug ans Meer mitnimmt, bietet sich Kim ein unverhoffter Ausweg.

Debatte über das Helfen

Schlegls Hoffnung ist, dass er mit seinem Roman eine Debatte anstößt, damit sich die Arbeitsbedingungen im Rettungsdienst ändern. "Die zwei großen Schrauben, an denen die Politik drehen muss, sind fairere Löhne und weniger Arbeitsstunden. Wenn man eine Vollzeitstelle hat, sind das 200 Stunden im Monat - das ist einfach zu viel. Zumal noch viele Überstunden dazukommen, weil die Personalnot genau wie in der Pflege im Rettungsdienst groß ist", so Schlegl. "Obendrauf kommt die psychologische Belastung. Wir müssen den Job attraktiver machen, damit die Leute länger durchhalten und nicht nach ein paar Jahren wieder verschwinden. Wie gerne würde ich diesen Job jungen Menschen vorbehaltlos empfehlen - denn eigentlich ist es ein toller Beruf."

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Deswegen will Schlegl ihn auch weiter ausüben. Nach Ende seiner Ausbildung hat er sich zunächst eine Auszeit für die Fertigstellung seines Romans genommen, doch inzwischen arbeitet er zur Hälfte als Moderator und zur Hälfte als Notfallsanitäter. "Beides in Kombination macht mich echt glücklich. Der mediale Job bringt mir jetzt, wo ich ihn reduziert habe, wieder total viel Spaß und im Rettungsdienst ist eine geringere Stundenzahl sowieso die einzige Chance, um alt zu werden. Von daher mache ich erstmal so weiter", sagt er.

"Die letzten drei Jahre haben mich wirklich extrem geformt. Im Alltag sieht man ja nur die funktionierenden Menschen. Die Kranken oder Kaputten sieht man nicht. Manchmal habe ich das Gefühl, dass das in unserer Gesellschaft verdrängt wird. Generell das Thema Tod. Ich habe gelernt, damit umzugehen. Und ich habe gemerkt, wie viel Einsamkeit es in der Welt gibt. Man öffnet so viele Türen und taucht in so viele Lebenswelten ein, von der Prunkvilla bis zur Sozialwohnung sieht man alle Gesellschaftsschichten und Menschentypen. Das macht etwas mit einem. Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich während der Ausbildung zum Notfallsanitäter so viel gelernt habe wie manche vielleicht in einem Menschenleben nicht."

Quelle: ntv.de