Leben

Masturbation - Hilfe, erwischt! Wenn Selbstbefriedigung zur Falle wird

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Masturbation ist selbst in der Sexualforschung ein Tabu.

(Foto: imago/Panthermedia)

Masturbation ist gesundheitsfördernd und - normal. Doch wehe, man wird dabei erwischt. Unsere Autorin über ein gesellschaftliches Tabu, das selbst der Sexualforschung die Arbeit erschwert. Haben Sie sich heute schon selbst befriedigt?

In der E-Mail steht: "Hallo, die Kamera deines Computers wurde gehackt. Ich habe gesehen, wie du sexuelle Handlungen an dir selbst durchgeführt hast. Zahle Bitcoins oder ich veröffentliche das Video, in dem man sieht, dass du masturbierst, und leite es an all deine Kontakte weiter."

Das ist - natürlich - eine dieser sogenannten Phishing-Mails, mit denen Unbekannte versuchen, Menschen mit haltlosen Drohungen zu erpressen. Manchmal steht in diesen Mails zusätzlich etwas Persönliches, womöglich eine Adresse oder eine Handynummer. Das erhöht zusätzlich den Glauben, es könnte sich tatsächlich um einen Hacker handeln, der sich Zugang zum eigenen Rechner verschafft hat. Die Empfänger geraten nicht selten unter Druck, einige überweisen sogar den angeforderten Betrag, aus Angst, sie würden sonst öffentlich an den Pranger gestellt. Eine perfide, niederträchtige Masche, die mit der Scham von Menschen spielt und versucht, damit Geld zu machen.

Das Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz sagte bereits im Jahre 2018, dass es sich bei diesen Spam-Mails um "einen Massenversand an beliebig ausgewählte Adressaten" handelt. Verhindern lassen sich die Drohungen allerdings nicht. Man könne nur warnen, sich nicht einschüchtern zu lassen. In gar keinem Falle solle man einer Zahlungsaufforderung nachkommen.

Der "peinliche Fehler" des Jeffrey Toobin

Szenenwechsel. Schauen wir über den großen Teich, wo kürzlich ein Vorfall bei einer Videokonferenz des US-Magazins "New Yorker" für Wirbel und internationales Gelächter sorgte. Der Autor Jeffrey Toobin, der auch für CNN journalistisch tätig ist (oder besser: war), nahm an einem Videochat teil. Während einer Pause, bei der er fälschlicherweise davon ausging, dass die Kameras der Chat-Teilnehmer ausgeschaltet seien, entblößte er sich und befriedigte sich selbst. Es sei ein "peinlicher und dummer Fehler" gewesen, wie der Ertappte später einräumen wird.

Halten wir fest: Da ist ein Mensch, der sich vor seinem Rechner Befriedigung verschafft. Einige Kollegen sehen das. Doch anstatt ihm kollegial den Tipp zu geben: "Hey, Jeffrey, Achtung, Kamera und Mikro sind noch an, man kann dich sehen!", schauen sie ihm weiter zu, um ihn später anzuschwärzen und eiskalt auflaufen zu lassen. Der Journalist wurde suspendiert und gab zuvor ein Statement ab, in dem er sich bei seiner Frau und seinen Kindern entschuldigte, weil er - masturbierte! Zugegeben: Die Nummer ist blöd gelaufen. Aber hier wird jemand öffentlich für etwas denunziert, das etwas ganz Natürliches sein sollte. Die ganze Welt lacht über den Vorfall, das Renommee des Journalisten ist mehr als angekratzt. Nicht etwa, weil er schlecht arbeitete oder falsch recherchierte - nein, weil er in einer Sekunde der Unaufmerksamkeit und des Glaubens, allein zu sein, masturbiert hat.

Man möchte all jene, die sich an der Indiskretion dieses Mannes jetzt laben, am liebsten fragen: Masturbiert ihr nicht? Hätte euch das nicht passieren können? Und dies ist das Ärgerliche: dass Masturbation in unserer modernen, aufgeklärten Gesellschaft nach wie vor eines der größten Tabus ist. (Fast) alle machen es, aber wehe, jemand spricht es offen an oder noch schlimmer - wird dabei erwischt.

Masturbation: in der Sexualforschung ein Tabu

Das fühlt sich fast ein wenig so an, als würde die Masturbation kriminalisiert werden - als würde man in irgendeiner dunklen Gasse einen durchblasen, frei nach dem Motto: Ist okay, wenn du Dope rauchst und Hasch verhökerst, aber lass dich bloß nicht dabei erwischen! War die Aktion peinlich, naiv und unsensibel? Mit Sicherheit. Muss man sich fürs Masturbieren bei seiner Frau und seinen Kindern entschuldigen? Nein.

Die ganze Welt erlebt aktuell eine Pandemie. Viele arbeiten im Homeoffice. Natürlich sollte man während der Arbeitszeiten nicht masturbieren und schon gar nicht während eines geschäftlichen Videocalls. Aber Selbstbefriedigung ist nichts, wofür man sich schämen muss, geschweige denn, wofür man suspendiert oder entlassen werden sollte.

Dieser Vorfall zeigt die Heuchelei unserer Gesellschaft. Man muss sich allein nur mal vorstellen, wie gehemmt es auch heute noch in der Sexualforschung zugeht. Wissenschaftler stehen vor immer neuen Hürden. Diese beginnen bereits in der Grundlagenforschung. So schreibt die US-amerikanische Autorin Mary Roach in ihrem Buch "BONK: Alles über Sex - von der Wissenschaft erforscht", dass die Finanzierung von Studien, die nach "pharmazeutischen Lösungen suchen, um das sexuelle Verlangen anzukurbeln (Stichwort Viagra)" kein Problem sei.

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Studien jedoch, die sich mit Masturbation beschäftigen, erhalten so gut wie keine Finanzierung. Warum? Ganz einfach. Sex geistert durch sämtliche Medien, wir sind umgeben von Sex, aber dennoch ist es bis zu einem gewissen Grad immer noch ein Tabuthema. So sagte beispielsweise ein Wissenschaftler von der University of Chicago, dass es "nahezu unmöglich" sei, "eine Förderung für eine Studie zu bekommen, die das Wort 'Masturbation' im Titel trägt". Um trotzdem forschen zu können, sind die Wissenschaftler deshalb auf die Finanzierung ihrer Studien durch Hersteller von Sexspielzeug angewiesen.

Fakt ist: Masturbation ist gesundheitsfördernd, auch wenn die manuelle Stimulation der eigenen Geschlechtsorgane gesellschaftlich weiterhin geächtet ist. Gelinde gesagt, ist dieser Zustand mehr als bedauerlich, genauso wie mit dem Finger auf einen Mann zu zeigen, der sich nicht gerade geschickt angestellt hat und beim Masturbieren erwischt worden ist. Selbst Ärzte raten, öfter zu masturbieren. Onanie ist nichts, wofür man sich schämen sollte.

Quelle: ntv.de