Leben

Das Salz des Internets Wollen wir Freunde sein? Ja, nein, vielleicht.

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So stellt man sich das doch vor - mit seinen besten Freunden einen Milchshake schlürfen.

(Foto: imago images/Mary Evans)

Unsere Autorin fragt sich in ihrer aktuellen Kolumne, wie man im Erwachsenenalter echte Freunde findet. Kann man wahre Freundschaften nur im echten Leben haben oder geht das vielleicht auch über das Internet?

Im Internet ist gerade nicht viel los, außer dem üblichen Gemecker. Alle posten entweder Fotos vom Pool oder regen sich über Poolfotos vom Balkon aus auf. Da wir zurzeit knietief im Sommerloch stecken, dachte ich mir, ich beschäftige mich diesen Monat in meiner Kolumne mit einem Thema, das mich schon seit Langem bewegt. Online und offline. Bis jetzt habe ich mich nur selten getraut, darüber zu reden, weil es mir irgendwie peinlich ist. Es fühlt sich wie scheitern an. Darüber zu schreiben ist also der konsequente nächste Schritt auf meinem Weg zur Lösung dieses Problems. Es geht um das Thema Freundschaft und wie man als Erwachsener dazu kommt.

Manchmal können "Ziemlich beste Freunde" sehr gute Freunde werden, wie im Film.

Auch "Ziemlich beste Freunde" können sehr gute Freunde werden, wie im Film.

(Foto: picture alliance / dpa)

Nein, das ist kein Scherz. Als besonders schüchterner Mensch frage ich mich schon länger, wie andere Leute das eigentlich so machen. Wie genau findet man Freunde? In allen Hollywoodstreifen gibt es den Charakter der verrückten besten Freundin oder des zerstreuten, aber liebenswerten besten Freundes. Die sind schon immer an der Seite der Protagonisten und helfen am Ende kräftig mit, alle Probleme, die während des Films entstanden sind, in Wohlgefallen aufzulösen. Leider erzählen diese Filme nie, wie sich die Figuren kennen und lieben gelernt haben, damit sie diese ganzen Abenteuer miteinander erleben können. Wir gehen davon aus, dass alle Menschen immer Freunde haben, mit denen sie durch dick und dünn gehen. Das kommt mir irgendwie seltsam vor. Schließlich passiert nichts einfach aus heiterem Himmel.

Natürlich weiß ich, dass man Freundschaften pflegen muss und dass die meisten Menschen alte Freunde aus der Schulzeit, dem Studium oder dem Rhönradverein haben. Aber machen wir uns nichts vor: Irgendwann kommt der Punkt, an dem wir uns alle mal fragen, ob wir noch genug gemeinsam haben mit dem Kumpel, der uns im Matheunterricht geduldig hat abschreiben lassen. Oder mit der Freundin, die man in der Schule eigentlich immer schon ein bisschen langweilig fand, die aber in der großen Pause jedes Mal die besten Pausenbrote dabeihatte und stets bereit war, gegen die eigenen lahmen Salami-Stullen zu tauschen. Man trifft sich vielleicht heute noch auf ein Weinchen, aber redet im Grunde immer nur über die alten Zeiten und tauscht aus, wer seit dem letzten Treffen mehr Urlaub gemacht und ein neues Auto gekauft hat. Und derjenige gewinnt dann die Zusammenkunft.

Nein, unter einer echten Freundschaft stelle ich mir etwas anderes vor. Tiefer, würde ich sagen. Auch Arbeitskollegen werden oft mit echten Freunden verwechselt. Nur weil ich einen Großteil meines Tages damit verbringe, mit Menschen Excel-Tabellen und Kaffeetassen zu teilen, müssen die noch lange nicht meine Freunde sein. Das klingt für mich eher nach Stockholm-Syndrom, ehrlich gesagt. Genau wie in der Schule ist man gezwungen, mit einer bunten Mischung aus Menschen den Tag zu verbringen, bis man anfängt zu glauben, man möge die wirklich. Gruselig.

StayFriends? Nein: FindFriends!

Wie geht das bloß - Freunde finden? Wenn man jemanden trifft, den man mag, dann kann man ja nicht einfach fragen: Wollen wir jetzt Freunde sein? Anscheinend braucht es Mut, Kreativität und Überwindungskraft. Um mehr darüber zu erfahren, habe ich gemacht, was ich immer tue, wenn ich ratlos bin: Erst mal das Internet anschmeißen! Um meinem Ruf alle Ehre zu machen und mich weniger allein mit dieser Frage zu fühlen, habe ich auf Twitter und Instagram meine Follower anonym danach gefragt, wo sie wahre Freunde finden oder gefunden haben, die nicht zufällig alte Schulfreunde, Kollegen oder Sportsfreunde sind.

Die am häufigsten gegebene Antwort hat mich dann auch glatt aus der bequemen Freizeithose gehauen. Nicht etwa Chor, Volkshochschulkurs oder Selbsthilfegruppe, nein. Die Top-Antworten auf meine Frage waren: "Das wüsste ich auch gerne. Wenn du was darüber in Erfahrung bringst, sag mir Bescheid!" und: "Ich glaube nicht, dass man im Erwachsenenalter noch Freunde findet, ab einem bestimmten Zeitpunkt ist der Zug einfach abgefahren." Verrückt, oder? Also nicht nur der Fakt, dass ich Äonen lang dachte, ich sei die Einzige, die an der Suche nach Freunden scheitert, sondern auch, dass die meisten auf die Frage nach neuen, bedeutungsvollen Freundschaften einfach aufgegeben haben. Eh zu spät. Wer jetzt niemanden hat, der findet auch niemanden mehr. Tschüssi, macht's gut!

Das war wirklich ein filmreifer Plot-Twist, von dem ich mich erst mal erholen musste, indem ich mir alle Filme über Freundschaften reingezogen habe, die ich finden konnte. Nachdem ich dann von "Tschick", über "Ziemlich beste Freunde" bis "The Breakfast Club" alle Stereotypen zum Thema Freundschaft bestaunen konnte (ein bisschen geheult habe ich auch), habe ich entschieden, die Suche nicht aufzugeben. Denn das, was diese Blockbuster vielleicht ein bisschen zu überspitzt zeigen, ist eigentlich sehr erstrebenswert. Eine komplexe, zwischenmenschliche Beziehung, die auf Zuneigung beruht und sich durch Sympathie und Vertrauen auszeichnet. So schwer kann das doch nun auch wieder nicht sein. Kleiner Scherz.

In den übrigen Antworten auf meine Frage habe ich, auf den zweiten Blick, dann doch noch einige hilfreiche Tipps gefunden, mithilfe derer man vielleicht wenigstens seine Chancen auf eine neue Freundschaft erhöhen kann, ohne gleich in einen Chor eintreten zu müssen. Wir wollen ja auch nur neue Freunde finden und nicht gleich die Genfer Menschenrechtskonventionen mit unserem Gesang verletzen.

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Endlich kann man das Internet mal sinnvoll nutzen! Spezielle Webseiten bieten nämlich genau das an: Freundschaftsgesuche, die ohne unangenehme Dating-Gefühle auskommen. Einfach die eigenen Interessen und Vorlieben angeben und aussuchen, ob und mit wem man befreundet sein will. Meine Quellen berichten sogar, dass beim Bäcker schon über die gemeinsame Lieblingszimtschnecke beste Freundschaften geknüpft wurden. Auch die sozialen Medien scheinen für manche statt eines fortwährenden Ärgernisses ein nicht versiegender Quell neuer Freundschaften zu sein, so unwahrscheinlich das auch klingen mag. Vielleicht ist es einen Versuch wert.

Natürlich ist nichts dabei, über gemeinsame Interessen, die Arbeit oder den Kleingartenverein neue Freunde zu finden. Ich unke doch nur, weil ich mich hier sehr schwertue. Wichtig ist, vor allem nicht die Hoffnung aufzugeben und sich nicht damit zufriedenzugeben, dass man eben keine Freunde findet. Der Mensch ist nun mal ein soziales Wesen und die Lebensqualität steigt, wenn wir an zwischenmenschlichen Kontakten teilhaben. Abgesehen davon ist es einfach schön, Gedanken, Interessen und auch Unangenehmes zu teilen. So wie ich gerade: Ich hab mich nicht getraut, mit Ihnen zu teilen, dass ich mich frage, wie man als Erwachsener Freunde findet. Ich habe es trotzdem gemacht und das verbindet uns nun. Jetzt können wir eigentlich Freunde sein. Falls nicht, bleibt mir immer noch der Rhönradverein. Vielleicht mag mich da jemand.

Quelle: ntv.de