Kino

Der beste Sommer von allen "Tschick" will in die Walachei

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Maik und Tschick durchpflügen auf dem Weg in die Walachei so manches Feld.

(Foto: Studiocanal)

Wer "Tschick" gelesen hat (und das Buch hatte Millionen Leser), fragt sich bestimmt: Was hat Fatih Akin für einen Film daraus gemacht? Kann er die coole Sprache des Buches, seine Lässigkeit, seinen Wortwitz auf die Leinwand übertragen? Er kann.

Wolfgang Herrndorfs "Tschick" ist das, was man gemeinhin einen Jugendroman nennt. Ein außerordentlich erfolgreicher dazu: Seitdem das Buch im September 2010 erschienen ist, wurde es mehr als zwei Millionen Mal verkauft. Es bekam diverse Literaturpreise, wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt und hat auch die Bühne erobert: "Tschick" wurde in der Spielzeit 2014/15 am häufigsten inszeniert, ganze 52 Mal an deutschen Theatern.

Ein "Jugendroman" also nicht nur für die Jugend - die Geschichte über eine ungewöhnliche Freundschaft und ihre lässige Sprache hat ihre Fans durchaus auch bei älteren Lesern. Das schreit geradezu nach einer Verfilmung - die hat Fatih Akin ("The Cut", "Soul Kitchen", "Gegen die Wand") übernommen. Ein gewagtes Unterfangen - bei so vielen begeisterten Lesern werden die Erwartungen an den Film hoch sein. Aber um die Filmrechte haben sich Produzenten und Regisseure geradezu gerissen, "vom Oscar-Preisträger bis zum interessanten Newcomer", so Michael Töteberg von Rowohlt, wo das Buch erschien.

Die Figuren und das Thema erinnern sehr an den anderen Jungs-Ferienfilm dieses Sommers: "Mikro & Sprit". Hier wie da: zwei 14-Jährige, die in den Sommerferien eine wilde Auto-Tour unternehmen, (natürlich) ohne dass die Eltern davon wissen - einmal ist das Gefährt selbst gebaut, einmal "geliehen". Mikro hat lange Haare und wird deswegen als "Mädchen" gehänselt; Maik (Tristan Göbel, "Westen") hat lange Haare, ist ein Einzelgänger und wird in seiner Klasse "Psycho" gerufen; bei beiden kommt ein Neuer in die Klasse, ebenso Außenseiter wie sie selbst - das verbindet; nach anfänglichen Kabbeleien freunden sie sich an. Bei Maik ist das der Russlanddeutsche Andrej Tschichatschow (Anand Batbileg) - weil das keiner aussprechen kann, kurz Tschick.

Außenseitersein verbindet

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Tschick und Maik tauchen uneingeladen auf Tatjanas Party auf.

(Foto: Studiocanal)

Anders als bei Mikro und Sprit stammen Maik und Tschick jedoch aus komplett unterschiedlichen Milieus: Mikes Familie wohnt in einer Villa mit Pool, Tschick kommt aus einem Hochhaus in der Plattenbausiedlung Berlin-Marzahn - und ursprünglich aus dem tiefsten Russland. Ein sogenannter Spätaussiedler. Als er als Neuer in der Klasse steht, mit kaputten Schuhen, stinkend nach ungewaschen und nach Alkohol, nichts weiter dabei als eine Plastiktüte mit einer Flasche Wodka drin, stößt er bei allen Mitschülern auf naserümpfende Ablehnung. Einschließlich Maik, neben den Tschick gesetzt wird und dem die Fahne bekannt vorkommt - denn seine Mutter trinkt. Aber "auch mit einer Flasche Wodka intus hat sie noch die Vereinsmeisterschaften gewonnen". Und sie steht ihm viel näher als sein liebloser Vater.

Ihr Außenseiter-Dasein verbindet aber doch irgendwie und so finden sie nach anfänglicher Ablehnung dank Tschicks hartnäckigen Kontaktversuchen ("Geile Jacke! Kann ich dir abkaufen?") doch zusammen. Spätestens als Tschick mit einem Lada Niva vor Maiks Haus vorfährt ("Hast du den geklaut? Nee, nur geliehen!"), kann der nicht mehr widerstehen. Das Abenteuer lockt. Die Eltern sind nicht da, Mutter auf Entziehungskur, Vater auf "Geschäftsreise" mit der jungen Geliebten. Und dann ist da die Party von Tatjana, Maiks heimlicher und unerwiderter Liebe. Als Einzige in der Klasse sind beide nicht eingeladen, sie rauschen trotzdem - oder erst recht - dort rein, hinterlassen einen bleibenden Eindruck und offene Münder.

Zum Onkel in die Walachei

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Wie bestimmt man eigentlich mit der Uhr die Himmelsrichtung? Irgendwas mit Zeiger zur Sonne und so.

(Foto: Studiocanal)

"Das war geil!" Blut geleckt, gleich weiterfahren. Wohin? Tschick, der "jüdische Zigeuner", hat einen Onkel in der Walachei, sagt er. Klingt gut als Ziel. Also los, ohne Karte, ohne Navi, einfach immer nach Süden. Aber wo ist Süden, verdammt? Wie war das noch gleich mit der Uhr und dem Zeiger zur Sonne? Egal. Egal auch, dass sie zwar Konservendosen und Tiefkühlpizza eingepackt haben, aber keinen Dosenöffner und natürlich auch keinen Backofen. Und egal auch, dass es nur eine Musikkassette im Auto gibt, ausgerechnet mit der "Ballade pour Adeline", gespielt von Richard Clayderman ... Hauptsache Freiheit, unterm Sternenhimmel schlafen, "besser als Fernsehen".

Ganz und gar nicht egal dagegen wird bald, dass der Sprit zu Ende geht - und mit 14 kann man nicht einfach in die Tankstelle einreiten, auch mit angeklebtem Kevin-Kuranyi-Bart sieht Tschick nicht wie ein erwachsener Mann aus. Also bleibt nur: diese Tour endet hier oder Sprit klauen. Hier aufhören ist für beide keine Option, ein Schlauch muss her für  die Überführung von Tank zu Tank. Die Schlauchsuche auf einem nahen Müllplatz beschert ihnen die Bekanntschaft der wilden Isa, einer stinkenden Aussteigerin mit schönen Augen. Sie beschimpft sie zwar ununterbrochen mit übelsten Vokabeln, hilft ihnen aber und fährt dann kurzerhand mit ihnen mit. Nach dem Schubs in den See riecht sie auch besser - und Tschick stellt fest: "Gegen Isa ist Tatjana ne taube Nuss!"

Alles könnte so schön sein, aber wir sind ja hier nicht beim "Traumschiff" - ein fieser Schweinefahrer versaut ihnen die Tour, aber so richtig. Doch selbst in dieser beschissensten aller Situationen bewahren die Jungs Haltung. Und als das neue Schuljahr beginnt, ist alles ganz anders.

Großartiger Soundtrack mit großartigen deutschen Bands

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"Tschick" startet am 15. September 2016 in den deutschen Kinos.

(Foto: Studiocanal)

Wie bei Fatih Akin nicht anders zu erwarten, wird der wilde Roadtrip begleitet von einem großartigen Soundtrack; Musik hat in seinen Filmen immer einen besonders großen Stellenwert - man denke nur an "Gegen die Wand" oder natürlich "Soulkitchen". K.I.Z. sind dabei mit Henning May von AnnenMayKantereit, Seeed und Beginner. Und natürlich ertönt immer wieder Claydermans schmalziger Klavierhit "Ballade pour Adeline" als ironischer Bruch. Die Score-Titel sind vom britischen Komponisten Vince Pope, der Leadtrack kommt von den Beatsteaks - sie covern mit Dirk von Lowtzow von Tocotronic den Song "French Disco" von Stereolab. Akin erklärt dazu: "Ich bin Herrndorf-Fan, die Beatsteaks sind Herrndorf-Fans, Dirk von Lowtzow ist Herrndorf-Fan. Und jeder von uns interpretiert das Buch anders. Hier war der Moment, anderen Künstlern einen Freiraum zu geben. Wir haben die Beatsteaks gefragt, die hatten dann die Idee, Stereolab zu covern - mit dem deutschen Text von Dirk."

So eine erfolgreiche Buchvorlage wie "Tschick" ist Segen und Fluch zugleich - einerseits sind die begeisterten Leser oft begierig darauf, den Stoff nochmal im Film zu erleben und strömen in Massen ins Kino, andererseits sind sie auch besonders anspruchsvoll und voller Erwartungen. Gelingt es Akin, das Buch auf die Leinwand zu übertragen, seine Sprache, seine Lässigkeit, seinen Wortwitz? Es gelingt ihm. Der Film ist unterhaltsam, witzig, amüsant, cool - und an den richtigen Stellen auch ernst. Die beiden Hauptdarsteller passen "wie Arsch auf Eimer" und sind wie gemacht für ihre Rollen - ich habe kürzlich erst das Buch gelesen und beim Film nicht eine Sekunde gedacht: "Den hätte ich mir aber gaaanz anders vorgestellt!" (Außer bei Maiks Klassenliebe Tatjana - da hatte ich mehr Wow erwartet, aber Schönheit ist Geschmacksache.)

Wunderbar auch Anja Schneider ("Als wir träumten") als Maiks Mutter, zwar immer leicht schwankend und mit schwerer Zunge, aber liebevoll und witzig. Und das Schlurfende, wenig Zackige passt ja eh ganz gut zum Teenager-Habitus. Großartig, wie lässig sie die Möbel in den Pool wirft. Der Gegenpol zu Maiks genervtem Vater (Uwe Bohm, "Tatort"). Udo Samel ("Alles auf Zucker!") gibt den liebevoll-strengen Lehrer, auch in anderen Nebenrollen glänzen gestandene Schauspieler - aber sie lassen in dem Roadmovie natürlich der Jugend den Vortritt. Geile Jacke, geiler Pool, geiler Film.

"Tschick" startet am 15. September 2016 in den deutschen Kinos.

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Quelle: n-tv.de

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