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Sonntag, 03. Juni 2018

Unfall von Eschede vor 20 Jahren: Die Todesfahrt des ICE 884

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Eschede im Frühsommer 2018. Eine beschauliche Gemeinde in Niedersachsen, durch die die Bahnstrecke Hannover-Hamburg führt. Vor 20 Jahren sieht es hier anders aus. Denn die Gemeinde wird zum grausamen Schauplatz ... (Foto: picture alliance / Holger Hollem)

Eschede im Frühsommer 2018. Eine beschauliche Gemeinde in Niedersachsen, durch die die Bahnstrecke Hannover-Hamburg führt. Vor 20 Jahren sieht es hier anders aus. Denn die Gemeinde wird zum grausamen Schauplatz ...

Eschede im Frühsommer 2018. Eine beschauliche Gemeinde in Niedersachsen, durch die die Bahnstrecke Hannover-Hamburg führt. Vor 20 Jahren sieht es hier anders aus. Denn die Gemeinde wird zum grausamen Schauplatz ...

... des schwersten Zugunglücks in der Geschichte der Bundesrepublik. Am Vormittag des 3. Juni 1998 verunglückt hier der ICE 884 mit dem Namen "Wilhelm Conrad Röntgen".

Unter den Trümmern einer Brücke türmen sich die Überreste des weiß-roten Zuges.

101 Menschen verlieren bei dem Unfall ihr Leben.

105 Menschen werden zum Teil schwer verletzt.

Viele der Überlebenden, aber auch der Helfer sind bis heute traumatisiert, können das Erlebte nicht vergessen.

Der ICE ist das Prestigeobjekt der Deutschen Bahn. Bis dato gilt der Hochgeschwindigkeitszug nicht nur als besonders schnell und komfortabel, sondern auch als sehr sicher. Wie kann es also zu dieser Katastrophe kommen?

An diesem warmen Sommertag startet der ICE 884 am Morgen in München. Fahrtziel ist Hamburg. Haltestellen sind unter anderem Fulda, Kassel und Hannover.

Doch in Hamburg wird der Zug nie eintreffen. Etwa sechs Kilometer vor Eschede kommt es zum Auslöser des Unglücks: ...

... Um 10.57 Uhr bricht am ersten Wagen nach dem Triebwagen ein Radreifen.

Im Innenraum ist der Knall deutlich zu hören. Da der Zug jedoch unbeirrt mit 200 km/h weiterfährt, setzen sich aufgeschreckte Fahrgäste schnell wieder auf ihre Plätze.

Außen wird der zersprungene Metallring jedoch über die Gleise geschleift, Funken sprühen.

Radreifen sind 1998 bei Hochgeschwindigkeitszügen noch nicht lange im Einsatz: Die Bahn wollte die zuvor eingesetzten Vollräder jedoch dringend ersetzen. Denn ...

... diese sorgen für Vibrationen im Innenraum. Räder mit Radreifen dämpfen die Bewegung von der Schiene indes. Das Resultat: Der Fahrkomfort für die Passagiere ist höher.

Das Problem bei der Umrüstung ist jedoch: Die neuen Reifen werden nicht hinreichend getestet. Und: Feine Risse an den innenliegenden Reifen sind mit dem bloßen Auge nicht erkennbar.

Am Unglückstag fährt der ICE 884 trotz gebrochenem Radreifen noch zwei Minuten ungebremst weiter. Doch 200 Meter vor der Brücke in Eschede passiert der Zug eine Weiche. Der ramponierte Reifen hebt ein Weichenteil aus der Verankerung. Der Zug beginnt zu schlingern, der ICE entgleist.

Die hinteren Wagen reißen ab, die vorderen fahren noch unter der Brücke hindurch. Dann schlägt der dritte Waggon in einen Brückenpfeiler ein.

Bevor die 200 Tonnen schwere Brücke zusammenkracht, schafft es der vierte Wagen noch unter dem Bauwerk hindurch. Dann zerquetschen die Betonmassen den fünften Wagen. Nachfolgende Waggons schieben sich ungebremst in den Trümmerhaufen.

Um 10.59 Uhr werden Anwohner von einem ohrenbetäubenden Geräusch aufgeschreckt, dann ist es still. Viele eilen an den Unfallort, um zu sehen, was passiert ist. Um 11.02 Uhr wird der erste Notruf abgesetzt.

1998 hat die Gemeinde im Landkreis Celle 3800 Einwohner. Viele von ihnen sind Ersthelfer an den Bahngleisen. Sie versorgen die Verletzten, ziehen Überlebende aus den Trümmern.

Um 12.30 Uhr wird Katastrophenalarm ausgelöst.

Selbst erfahrene Notärzte, Feuerwehrkräfte und Sanitäter geraten bei dem Einsatz an ihre Grenzen.

Auch Helfer, die in Kriegsgebieten im Einsatz waren, haben so ein schlimmes Ausmaß an Verletzungen noch nie zuvor gesehen.

Nach den ersten Stunden müssen sich die Profis von Feuerwehr, THW und den Rettungsdiensten darauf einstellen, ...

... keine Überlebenden mehr zu finden.

In den zertrümmerten Waggons entdecken sie nur noch Leichen.

Schweres Gerät wird herbeigebracht, mit Kränen werden Brücken- und Zugteile angehoben.

Teilweise muss der Sand gesiebt werden, um Gewebe und Knochen zu finden.

Insgesamt 1200 Helfer sind es, die tagelang schuften und bald ...

... selbst Hilfe und psychologische Unterstützung brauchen.

Sechs Tage nach der Katastrophe ist das meiste geschafft. Die Toten sind gefunden, die Suche nach weiteren Opfern wird für beendet erklärt.

Und ein erster ICE fährt wieder an der Unglücksstelle vorbei.

Die Experten der Deutschen Bahn haben den kaputten Radreifen gefunden, der die Katastrophe ausgelöst hat.

Schnell beginnt die Debatte, ob das Unternehmen geschlampt hat, ob die Katastrophe vielleicht hätte verhindert werden können.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt dreieinhalb Jahre, bevor sie ...

... drei verantwortliche Ingenieure - zwei von der Bahn und einen vom Hersteller des Unglücksrades - wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung anklagt.

In den Augen der Hinterbliebenen des Unglücks, die als Nebenkläger auftreten, sitzen mit den drei Ingenieuren längst nicht alle Verantwortlichen auf der Anklagebank.

"Mindestens der für den Technikbereich zuständige Bahnvorstand, der für die schnelle Einführung der Räder sorgte, hätte ebenfalls auf die Anklagebank gemusst", sagt Heinrich Löwen, der Sprecher der Selbsthilfe Eschede. Er verliert bei dem Unglück Frau und Tochter.

Eine persönliche Schuld der drei Angeklagten vermag das Gerichtsverfahren allerdings nicht zu klären.

Richter Michael Dölp schlägt schließlich die Einstellung des Verfahren gegen Geldbußen von jeweils 10.000 Euro vor. Die Anklage schließt sich an.

Als der Prozess im Mai 2003 nach acht Monaten eingestellt wird, protestieren Hinterbliebene vor dem Gericht. Sie legen Verfassungsbeschwerde gegen die Einstellung des Verfahrens ein. Vergeblich.

Erfolglos bleiben auch ihre Bemühungen, ein höheres Schmerzensgeld als die 30.000 D-Mark einzuklagen, die die Bahn für jedes Todesopfer zahlt.

So bleibt ein schreckliches Unglück, das für die Opfer ohne echten Rechtsfrieden endet. Immerhin: Zum 15. Jahrestag des Unglücks spricht die Bahn eine offizielle Entschuldigung aus.

Auch 20 Jahre nach dem Zugunglück werden sich Opfer, Hinterbliebene und Helfer am 3. Juni wieder am Denkmal an den Bahngleisen in Eschede treffen, um der Toten zu gedenken. Dort steht ein Granitblock mit den Opfernamen inmitten von Kirschbäumen. Es sind genau 101 Bäume. Für jedes Opfer einer.

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