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Donnerstag, 02. Juli 2015

100 Tage Trauer und Verzweiflung: Die tragische Geschichte des Flugs 4U9525

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Am 24. März 2015 zerschellt ein voll besetzter Airbus von Germanwings in den Alpen. (Foto: dpa)

Am 24. März 2015 zerschellt ein voll besetzter Airbus von Germanwings in den Alpen.

Am 24. März 2015 zerschellt ein voll besetzter Airbus von Germanwings in den Alpen.

Keiner der 150 Insassen überlebt die Katastrophe, die meisten Opfer stammten aus Deutschland - darunter 16 Schüler aus Haltern am See.

Unter der Flugnummer 4U9525 war die Maschine an diesem Dienstagmorgen von Barcelona aus in Richtung Düsseldorf gestartet, wo sie nie ankam.

Was zunächst kaum vorstellbar erscheint, ist inzwischen schreckliche Gewissheit: Die Germanwings-Maschine wurde gezielt vom 27 Jahre alten Co-Piloten Andreas Lubitz zum Absturz gebracht.

Die Ermittler um Staatsanwalt Brice Robin arbeiten nach dem Absturz hart und teilen ihre Erkenntnisse mit der Öffentlichkeit. Ein technischer Fehler an dem mehr als 24 Jahre alten Jet wird schnell ausgeschlossen.

Schon nach der ersten Auswertung der Flugschreiber benennt Robin klar Lubitz als Täter, der 149 weitere Menschen mit in den Tod gerissen habe.

Um sie in Höchstgeschwindigkeit am Berg zerschellen zu lassen, hatte der Erste Offizier zuvor seinen Kapitän aus dem Cockpit ausgeschlossen und dann seelenruhig den Sturzflug eingeleitet.

Den tödlichen Sinkflug hatte er den Ermittlungen zufolge schon auf dem Hinflug kurz ausprobiert. Alle Funkrufe der Flugsicherung und des Militärs ließ Lubitz unbeantwortet, atmete ruhig bis zum finalen Crash.

Am 11. Juni beschreibt Staatsanwalt Robin den Co-Piloten Lubitz als "absolut flugunfähig". Er habe unter der "handfesten Psychose" gelitten, dass er sein Augenlicht verlieren und damit seinen Traumberuf Pilot nicht mehr würde ausüben können.

Demnach klagte Lubitz ab Dezember über Seh- und Schlafstörungen. Neurologen seien von einer Angststörung ausgegangen. Ein Mediziner habe einen "psychosomatischen Beschwerdekomplex" diagnostiziert.

In den Wochen vor dem Absturz besuchte er nicht weniger als 41 Ärzte und bekam Psychopharmaka in großen Mengen verschrieben, wie die Ermittlungen ergaben.

Für die Zeit des Todesflugs war er krankgeschrieben und damit flugunfähig, ohne dass Lubitz das seinem Arbeitgeber mitgeteilt hätte.

Am unwegsamen Absturzort im Gemeindegebiet des Örtchens Prads-Haute-Bléone bietet sich den Einsatzkräften nach dem Absturz ein Bild des Grauens.

Selbst nach Wochen härtester Aufräumarbeit im Hochgebirge können nur etwa die Hälfte der rund 6000 gefundenen Leichenteile zweifelsfrei den 150 Toten zugeordnet werden.

Für die übrigen soll in der Nähe des Absturzortes ein kollektives Grabmal errichtet werden.

Inzwischen sind die meisten Opfer beigesetzt.

"Wir denken an euch. Wir wünschen euch Kraft. Wir werden die Toten nicht vergessen" - die selbst gebastelten Plakate im Trauerraum des Joseph-König-Gymnasiums in Haltern zeigen den tiefen Schmerz, der bis heute anhält.

In der nordrhein-westfälischen Kleinstadt trauern Familien und Freunde um 16 Schüler und zwei Lehrerinnen, die von einem fröhlichen Spanienaustausch nicht lebend zurückgekommen sind.

Mit dem Unglück ist die Kleinstadt noch lange nicht fertig, glaubt Bürgermeister Bodo Kimpel. Fünf der verunglückten Schüler werden auf Wunsch der Hinterbliebenen am Rande einer Gedenkstätte für die Absturzopfer aus Haltern beerdigt.

18 Bäume, die wie in einem Klassenverband angeordnet sind, sollen an die Verstorbenen erinnern. Die Gedenkstätte entsteht gerade auf dem Friedhof der Stadt.

Germanwings und ihre Konzernmutter Lufthansa müssen sich seit dem Absturz eine Menge unbequemer Fragen stellen lassen und sind auch offizieller Gegenstand der strafrechtlichen Untersuchungen durch französische Ermittlungsrichter.

Hätten die Vorgesetzten nicht um die psychischen Probleme Lubitz' wissen müssen, der seine Pilotenausbildung bei Lufthansa im Jahr 2009 wegen depressiver Störungen hatte unterbrechen müssen?

Nach dem Härtetest vor der Aufnahme an der Bremer Verkehrsfliegerschule werden Lufthansa-Piloten so gut wie gar nicht mehr auf ihre psychische Stabilität überprüft.

Während die körperliche Fitness regelmäßig untersucht wird, spielt die Psyche in den Gesprächen mit den Fliegerärzten nur eine Nebenrolle.

Die Europäische Kommission bemängelt zudem schon seit Längerem, dass in Deutschland Daten über mögliche Erkrankungen von Piloten nur in verschlüsselter Form an das Luftfahrtbundesamt weitergeleitet werden und nicht mit den Klarnamen der Piloten. Auch gebe es in anderen Ländern strengere Medizin-Checks.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr will seine Piloten künftig auch unangekündigt überprüfen lassen. Bei einem medizinischen Kurz-Check unmittelbar vor dem Start könnten die Flugzeugführer unter anderem auf Alkohol oder auffällige Medikamente getestet werden.

Konkret hat sich bereits einiges geändert beim größten Luftverkehrskonzern Europas, der beispielsweise auf Konzernebene einen Chef-Sicherheitspiloten installiert hat.

Nach anfänglichem Zögern wurde auch das in den USA übliche Vier-Augen-Prinzip für das Cockpit übernommen: Inzwischen muss ein Flugbegleiter ins Cockpit kommen, bevor einer der Piloten es verlassen darf. An der Technik der Türen, die ein Öffnen gegen den Willen des Piloten effektiv verhindern, wird festgehalten.

Eine beim Branchenverband BDL angesiedelte Expertengruppe berät weitere mögliche Konsequenzen aus dem schwersten Unfall in der Geschichte der Lufthansa.

Lufthansa hat, ihrem Krisenhandbuch folgend, finanzielle Soforthilfe von zunächst 50.000 Euro pro Opfer gezahlt und weitere 25.000 angeboten.

Um die individuellen Entschädigungen als Ergebnis von zivilrechtlichen Auseinandersetzungen hat jedoch ein Millionenpoker begonnen. Ein Versicherungskonsortium mit der Allianz an der Spitze hat 278 Millionen Euro für die Hinterbliebenen, die Arbeit der Betreuungsteams und den zerstörten Airbus A320 bereitgestellt.

Anwälte aus Deutschland, Spanien und den USA verhandeln über die Zahlungen. Experten rechnen am Ende mit durchschnittlich siebenstelligen Summen für jede betroffene Familie.

Doch am Ende wird kein Geld dieser Welt die Germanwings-Toten zurückbringen. (sba)

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