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Mittwoch, 06. August 2014

Unzählige Tote auf den "Killing Fields": Das Folterregime der Roten Khmer

Von Gudula Hörr und Johannes Graf

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Mehr als 35 Jahre nach dem Ende des Terrorregimes der Roten Khmer in Kambodscha kommt es zu einem historischen Urteil. (Foto: Reuters)

Mehr als 35 Jahre nach dem Ende des Terrorregimes der Roten Khmer in Kambodscha kommt es zu einem historischen Urteil.

Mehr als 35 Jahre nach dem Ende des Terrorregimes der Roten Khmer in Kambodscha kommt es zu einem historischen Urteil.

Vor einem UN-kambodschanischen Hybridgericht müssen sich die beiden letzten hochrangigen Vertreter der damaligen Regierung …

… wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Völkermord und Verstößen gegen die Genfer Konvention verantworten.

Die Angeklagten: "Bruder Nummer zwei" - Nuon Chea ist Stellvertreter von Diktator Pol Pot im Kambodscha der Jahre 1975 bis 1979 und so etwas wie der Chefideologe des Regimes - und …

… "Bruder Nummer vier" - Ex-Staatschef Khieu Samphan.

Seit Juni 2011 wird über die Verbrechen verhandelt, die ihnen zur Last gelegt werden.

Die Zeit drängt: Nuon Chea ist 88, Khieu Samphan 83 Jahre alt.

Doch noch sind die beiden Greise geistig fit.

Sie erhalten beide lebenslange Haftstrafen - angesichts ihres fortgeschrittenen Alters sind das wohl nur noch einige wenige Jahre.

Sie sind mitverantwortlich für die Taten eines der grausamsten Regime der Menschheitsgeschichte.

Zwischen 1975 und 1979 kommen rund 1,7 Millionen Menschen ums Leben - …

… rund ein Viertel der damaligen Bevölkerung des Landes.

Sie verhungern, werden ermordet, zu Tode gefoltert.

Von einer maoistischen Bewegung, die von einer Untergrundbewegung zu einer Staatsmacht wird: den Roten Khmer unter der Führung von Pol Pot.

Die Geschichte beginnt in den späten 1960er Jahren. Der Krieg, den die USA im benachbarten Vietnam gegen die kommunistischen Vietcong führen, …

… greift auf Kambodscha über.

Bisher hat König Norodom Sihanouk das Land durch diplomatisches Geschick aus dem Konflikt herausgehalten.

Doch den USA ist es ein Dorn im Auge, dass die Vietcong den Osten des Landes als Rückzugsgebiet und Transportstrecke (Ho-Chi-Minh-Pfad) nutzen.

Die USA beginnen Kambodscha flächendeckend zu bombardieren, über 500.000 Tonnen Bomben werden abgeworfen - das sind mehr, als die Alliierten im Zweiten Weltkrieg in Europa einsetzten.

Außerdem unterstützt US-Präsident Richard Nixon …

… den kambodschanischen Armeegeneral Lon Nol, der sich 1970 an die Macht putscht.

Als Gegenbewegung kämpfen die kommunistischen Roten Khmer um die Vorherrschaft in Kambodscha.

Am 17. April 1975 nehmen sie die Hauptstadt Phnom Penh ein und stürzen Lon Nol.

Die US-Truppen, der Kämpfe in Kambodscha und Vietnam müde, ziehen sich zurück (Bild: Evakuierung der US-Botschaft von Phnom Penh kurz vor dem Fall der Hauptstadt).

Viele Kambodschaner bejubeln den Sieg der Roten Khmer. Doch die Stimmung kippt schnell.

Mit eiserner Hand macht sich "Bruder Nummer eins", Pol Pot, daran, einen kompromisslosen Agrarkommunismus einzuführen.

Alles Städtische soll zerstört werden, das Bauerntum will er stärken.

Die Stadtbevölkerung muss schon wenige Tage nach der Machtübernahme mit Gewaltmärschen aufs Land ziehen, um die Reisfelder zu bewirtschaften.

Binnen kürzester Zeit verwandelt sich das einst zwei Millionen Einwohner zählende Phnom Penh in eine Geisterstadt.

Ob alt, jung, krank oder bettlägerig - alle müssen sich den Märschen anschließen. Selbst Krankenhäuser werden geräumt.

Tausende Menschen überleben die Umsiedelungsaktion nicht.

Doch Pol Pot kennt kein Halten. Er verkündet den Beginn eines neuen revolutionären Zeitalters. Die "Bourgeoisie" wird abgeschafft, Geld und Privateigentum ebenso.

Alles Intellektuelle ist verdächtig, Bücher werden verbrannt. Gefühlsäußerungen sind streng verboten. Das Rechtssystem wird auf grausame Art vereinfacht: Alle Strafen werden abgeschafft - bis auf die Todesstrafe.

Jeder Kambodschaner wird zum einfachen Arbeiter und muss eine einheitliche schwarze Kleidung tragen. Jeder trägt denselben Haarschnitt.

Die Landarbeit ist hart: Bis zu zwölf Stunden am Tag müssen die Menschen schuften - meist ohne geeignete Werkzeuge.

Der Agrarstaat scheitert. Fehlplanung und Misswirtschaft führen zu Hungersnöten. Dabei sollte die landwirtschaftliche Produktion eigentlich verdreifacht werden.

Hunderttausende sterben durch Hunger, Zwangsarbeit und mangelhafte medizinische Versorgung.

Es regieren Not und Terror. Jeder kann als potenzieller Volksverräter liquidiert werden.

Man gerät schnell unter Verdacht: Wer zu spät zur Arbeit erscheint, wer eine Brille trägt (wie hier Pol Pot selbst) - und damit womöglich ein Intellektueller ist -, wer Französisch spricht - die nichtigsten Vergehen können den Tod bedeuten.

In Untersuchungsgefängnissen werden die Menschen verhört, gequält, gefoltert.

Das berüchtigtste ist das "Sicherheitsgefängnis 21" in Phnom Penh, einer ehemaligen Grundschule, in der Kaing Guek Eav alias "Kamerad Duch" sein schreckliches Regiment führt.

Zwischen 15.000 und 30.000 Gefangene werden hier insgesamt eingeliefert. Offenbar überleben von ihnen nur sieben (im Bild: Vann Nath, einer der Überlebenden).

Im ganzen Land werden Hinrichtungsstätten eingerichtet. Auf den sogenannten "Killing Fields" begehen die Roten Khmer ihren grausamen Massenmord.

Um Munition zu sparen, werden die Menschen hier mit Eisenstangen und Äxten erschlagen.

Kinder werden so lange gegen Bäume geschleudert, bis sie tot sind.

Über 300 solcher "Killing Fields" gibt es. Die Toten werden notdürftig in Massengräbern verscharrt.

Noch heute spült der Regen ihre Knochen immer wieder aus dem Boden.

Am Ende steht die traurige Bilanz von hunderttausenden Opfern. Gerade einmal 5000 Lehrer und 50 Ärzte sollen den Terror der Roten Khmer überlebt haben.

Nach vier Jahren, Anfang 1979, endet die Gräuelherrschaft Pol Pots.

Die Roten Khmer provozieren immer wieder Grenzzwischenfälle mit dem wiedervereinigten kommunistischen Vietnam. Der Nachbar marschiert in Kambodscha ein, eine "Einheitsfront für nationale Rettung" stürzt das Regime.

Doch die Roten Khmer sind damit noch lange nicht Geschichte. Pol Pot kämpft nach seinem Sturz im Untergrund - zynischerweise unterstützt von den USA.

Im Juni 1982 bildet Pol Pot mit zwei nicht-kommunistischen Gruppen eine Exilregierung, die von den Vereinten Nationen anerkannt wird.

In den 1980er Jahren verhindern die USA eine internationale juristische Aufarbeitung der Verbrechen der Roten Khmer.

Als sich die Vietnamesen 1989 aus Kambodscha zurückziehen, sind die Roten Khmer im Untergrund weiter aktiv.

In den 1990er Jahren bilden sie eine Gegenregierung in einer Provinz des Landes. Doch ihre Macht erodiert zusehends.

Mit Amnestien werden die einstigen Kämpfer befriedet, noch heute leben Tausende von ihnen in Kambodscha.

Pol Pot selbst unterliegt in einem internen Machtkampf und wird 1997 aus seiner Führungsposition verdrängt.

Er wird von einem Rote-Khmer-Volkstribunal zu lebenslanger Haft verurteilt und stirbt ein Jahr später.

Vermutlich hat er sich das Leben genommen. Zweifelsfrei lässt sich das jedoch nicht klären, da sein Leichnam eilig verbrannt wird.

Nach und nach geben auch die letzten Roten Khmer auf und stellen sich den Behörden.

Dauerministerpräsident Hun Sen, seit 1985 im Amt und selbst einstiger Funktionär der Roten Khmer, will die Geschichte vergessen.

Entschuldigungen von den hohen Kadern gelten ihm als genug Wiedergutmachung.

Nach zähem Ringen gelingt es der UNO, ihm ein Mindestmaß an juristischer Aufarbeitung abzutrotzen.

Immerhin gilt Nuon Chea - "Bruder Nummer zwei" - als einer der Hauptverantwortlichen der "Killing Fields". Als "Schatten" Pol Pots organisierte er den Massenmord.

Die Beteuerungen von Ex-Präsident und "Bruder Nummer vier", Khieu Samphan, von den Gräueltaten nichts gewusst zu haben, sind wenig glaubhaft. Er gilt ebenfalls als enger Vertrauter Pol Pots.

Mit "Kamerad Duch", dem Leiter des berüchtigten "Folterzentrums 21", ist ein wichtiger Präzedenzfall bereits entschieden. Er sitzt lebenslang in Haft.

"Bruder Nummer drei" hingegen, der ehemalige Außenminister Ieng Sary, kann nicht mehr belangt werden. Er starb vor dem Urteil im März 2013.

Und auch die übrigen Kader können auf Straffreiheit hoffen. Ministerpräsident Hun Sen will keine weiteren Anklagen zulassen. Sie bedrohten die Stabilität des Landes, sagt er.

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