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Samstag, 27. Januar 2018

"Eine Welt der Toten und Larven": Die Befreiung von Auschwitz

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Es ist Samstag, der 27. Januar 1945, als die ersten sowjetischen Soldaten nach Auschwitz kommen. (Foto: imago stock&people)

Es ist Samstag, der 27. Januar 1945, als die ersten sowjetischen Soldaten nach Auschwitz kommen.

Es ist Samstag, der 27. Januar 1945, als die ersten sowjetischen Soldaten nach Auschwitz kommen.

7000 meist schwer kranke Häftlinge befinden sich noch in dem Vernichtungslager.

Der Anblick des Lagers macht selbst die Leid gewohnten Soldaten fassungslos:

Überall Leichen und ausgemergelte Insassen, die mehr tot als lebendig waren.

Dazu tonnenweise Schuhe und Kleidung, Berge von Haaren, unzählige Brillen und Gebisse.

"Wir lagen in einer Welt der Toten und der Larven," ...

... so beschreibt der italienische Schriftsteller Primo Levi, der im Februar 1944 nach Auschwitz deportiert worden war, den Zustand der Häftlinge bei Ankunft der Befreier.

"Um uns und in uns war die letzte Spur von Zivilisation geschwunden. ...

... Das Werk der Vertierung, von den triumphierenden Deutschen begonnen, war von den geschlagenen Deutschen vollbracht worden."

Mit mehr als einer Million Toten wird Auschwitz zu dem Symbol für den Holocaust, die systematische Ermordung der Juden durch Hunderttausende deutsche SS-Männer, Soldaten und andere willige Helfer.

Der Weg vom latenten Antisemitismus im Deutschen Reich ...

... bis hin zur systematischen Judenvernichtung unter den Nationalsozialisten war lang.

Dass er in dieser Form stattfand, lag vor allem am Aufstieg des gescheiterten Künstlers und Gefreiten Adolf Hitler.

Schon in den Bierzelten der Weimarer Republik macht er die Juden als "Volksfeinde" aus.

Ihre "Entfernung" müsse das Ziel einer Volksgemeinschaft sein, tönt er bereits im September 1919.

Mit der Machtübernahme 1933 rückt dieses Ziel, eine "persönliche Angelegenheit des Nationalsozialismus", wie manche Historiker es nennen, in greifbare Nähe.

Sofort beginnen begeisterte SA-Führer mit der Drangsalierung und Verfolgung der Juden in Deutschland.

Am 1. April 1933 boykottieren sie jüdische Geschäfte und Einrichtungen, das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" sorgt wenig später für die Entfernung jüdischer Beamten aus dem Staatsdienst.

Im Konzentrationslager Dachau werden noch im Frühling 1933 die ersten Juden ermordet.

Ein Exodus beginnt, schon 1933 verlassen Zehntausende das Land.

Der Großteil der mehr als 500.000 deutschen Juden vertraut allerdings fatalerweise auf die Vernunft einer Nation, die sie noch immer mit Dichtern und Denkern assoziiert.

Die assimilierten Juden können sich nicht vorstellen, was noch folgt.

Dabei verschärfen sich die Repressionen und Schikanen innerhalb kürzester Zeit.

Ende November 1933 stellt Hitler laut Propagandaminister Joseph Goebbels fest: ...

"Die Juden müssen aus Deutschland, ja aus ganz Europa heraus."

Zwei Jahre später, 1935, folgen die Nürnberger Gesetze, die die Ehe zwischen Juden und Nichtjuden als "Rassenschande" verbieten.

Spätestens am 9. November 1938 sind die allgegenwärtigen Schikanen gegen Juden nicht mehr zu übersehen.

Im ganzen Land gehen Synagogen in Flammen auf, jüdische Läden werden verwüstet.

Zehntausende Juden werden festgenommen.

Mit dem Krieg im Osten, der am 1. September 1939 mit dem Überfall auf Polen beginnt, verschärfen sich auch dort die Repressionen.

Die mehr als 3 Millionen polnischen Juden müssen fortan den gelben Stern tragen.

Das soll den Deutschen das Erkennen und die Deportationen erleichtern.

Diese beginnen wenig später, ...

... Juden werden Ghettos, in sogenannte Seuchensperrgebiete, gepfercht.

Allein in Warschau lebt zwischenzeitlich ein Drittel der Bevölkerung auf drei Prozent des Stadtgebiets, zeitweise bis zu 460.000 Menschen.

Gelbfieber, Typhus und Hunger raffen Zehntausende hin, jeden Monat sterben rund 6000 Menschen.

Leichname pflastern die Straßen.

Bis Anfang 1942 werden bereits 500.000 Juden in Europa ermordet. Getötet in Ghettos, ...

... bei Massenerschießungen ...

... oder bei ersten Vergasungen in Lastkraftwagen.

Mit der Ausweitung des Krieges verschärft sich die Judenverfolgung nochmals drastisch.

Am 12. Dezember 1941, einen Tag nach seiner Kriegserklärung an die USA, lädt Hitler Reichs- und Gauleiter zu sich in die Reichskanzlei. Goebbels schreibt daraufhin in sein Tagebuch: ...

... "Bezüglich der Judenfrage ist der Führer entschlossen, reinen Tisch zu machen." ...

... Der Weltkrieg ist da, die Vernichtung des Judentums muss die notwendige Folge sein."

Wenige Monate später kündigt Hitler im Sportpalast an, dass das "Ergebnis dieses Krieges die Vernichtung des Judentums sein wird. ...

... Zum ersten Mal wird diesmal das echt altjüdische Gesetz angewendet: Aug' um Aug', Zahn um Zahn."

Die bisherigen Ermordungen der Juden gelten als "ineffizient".

Auch beklagen etliche Kommandeure, dass die blutige Arbeit belastend sei.

Besonders, wenn Familienväter kleine Kinder erschießen müssten, sei es bisweilen schwierig.

Und es gibt ein weiteres Problem:

Obwohl die SS ihr mörderisches Geschäft lieber im Geheimem abwickelt, entwickelt sich bisweilen ein regelrechter "Erschießungstourismus", an dem auch Soldaten der Wehrmacht teilnehmen.

"Die SS hat eingeladen zum Judenschießen", berichtet etwa Oberstleutnant von Müller-Rienzburg in seiner Gefangenschaft seinen Kameraden.

Die ganze Truppe sei mit Gewehren hingegangen.

"Hat jeder sich aussuchen können, was für einen er wollte."

Den Unmut über die bisherige Vernichtungspolitik drückt auch Hans Frank, der berüchtigte Generalgouverneur in Polen, Ende Dezember 1941 aus.

"Mit den Juden - das will ich Ihnen ganz offen sagen - muß so oder so Schluß gemacht werden. ...

... Diese 3,5 Millionen Juden können wir nicht erschiessen, wir können sie nicht vergiften, ...

... werden aber doch Eingriffe vornehmen müssen, die irgendwie zu einem Vernichtungserfolg führen, und zwar im Zusammenhang mit den vom Reich her zu besprechenden großen Maßnahmen."

Besprochen werden die Maßnahmen wenige Wochen später, am 20. Januar 1942, bei der Wannseekonferenz.

SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich lädt 15 hochrangige Vertreter der NS und SS nach Berlin ein.

Das Thema: Das "Töten, Eliminieren und Vernichten", wie sich der Organisator des Holocaust, Adolf Eichmann, später erinnert.

Die "Endlösung der Judenfrage" soll nun richtig angegangen werden, ...

... 11 Millionen Juden Europas sollen deportiert und vernichtet werden.

Im einzig erhaltenen Konferenzprotokoll wird festgehalten: "In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird. ...

... Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen, da dieser, eine natürliche Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eine neuen jüdischen Aufbaues anzusprechen ist."

Die "entsprechende Behandlung" erfolgt vor allem durch das Giftgas Zyklon B.

Probeweise wird es erstmals 1941 im Vernichtungslager Auschwitz an 900 sowjetischen Kriegsgefangenen angewandt.

Der Tod erfolgt auf qualvolle Weise.

"Ich kann einfach nicht beschreiben, wie diese Menschen geschrien haben", erinnert sich der ehemalige SS-Unterscharführer Richard Böck. "Das dauerte etwa 8 bis 10 Minuten, dann war alles still. ...

... Kurze Zeit später wurde das Tor von Häftlingen geöffnet und man konnte noch einen bläulichen Nebel über einem riesigen Knäuel Leichen schweben sehen. Die Leichen waren derartig ineinander verkrampft, dass man nicht erkennen konnte, zu wem die einzelnen Gliedmaßen und Körperteile gehörten. ...

... Man kann dieses Bild nicht mit Worten beschreiben."

Propagandaminister Goebbels, sonst nie um Worte verlegen, beschreibt die Vergasungen in seinem Tagebuch nur kryptisch: "Es wird hier ein ziemlich barbarisches, nicht näher zu beschreibendes Verfahren angewandt, und von den Juden selbst bleibt nicht mehr viel übrig."

Allein in Auschwitz werden rund eine Millionen Juden ermordet.

Tag und Nacht lodern die Schornsteine der Krematorien, in der Luft hängt der Geruch von verbranntem Fleisch.

Hunderte Zwillingspaare werden für medizinische Experimente missbraucht.

Nicht nur in Auschwitz, in hundert anderen Lagern in ganz Europa erwartet die Juden ein ähnliches Schicksal.

Sie verhungern, ...

... werden erschossen, vergast, zu Tode gepeinigt.

Am Ende des Krieges hat Hitler sein Ziel fast erreicht:

Die jüdische Kultur in Europa ist vernichtet.

Mehr als sechs Millionen Juden - rund die Hälfte von ihnen aus Polen - sind tot.

Als die Alliierten viele Deutsche in die Konzentrationslager führen, schauen die meisten von ihnen weg.

Wie schon in all den Jahren zuvor.

Wenn sie sich nicht gar selbst an den Diskriminierung und an der Verfolgung beteiligen, ignorieren sie, was kaum zu übersehen ist: die öffentliche Demütigung der Juden, ...

... die zunehmende Ausgrenzung, ...

... die Deportationen am helllichten Tag.

Kein Wunder, sind doch viele Deutsche auch Nutznießer des Holocaust, wie der Historiker Götz Aly darlegt.

Etwa wenn sie jüdische Geschäfte, Posten, Häuser billig übernehmen oder auch den Hausrat. Aus ganz Europa trifft jüdische Beute in Deutschland ein: Haushaltsgegenstände, Kunst, Schmuck.

Allein aus Auschwitz rollen Dutzende Züge mit Gold nach Berlin. Viele Firmen beuten die billigen Zwangsarbeiter aus, ...

... einbehaltene Pensionen und Renten der getöteten Juden sprudeln in die Kassen der Sozialsysteme, Milliarden Reichsmark aus jüdischem Besitz fließen in die Staatskassen.

Der Holocaust ist mehr als eine Vernichtung um der Vernichtung willen.

Er ist eine gigantische Umverteilungsmaßnahme in der sogenannten Volksgemeinschaft.

SS-Reichsführer Heinrich Himmler nennt dies Prinzip "Sozialismus des guten Blutes".

Und er ist vor allem eines, wie es der Auschwitz-Überlebende Imre Kertesz beschreibt: ...

... Ein langer dunkler Schatten, der sich über die gesamte Zivilisation legt, in der er geschah.

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