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Dienstag, 16. Januar 2018

Linken-Star wird 70: Gregor Gysi - der Menschenfischer

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Gregor Gysi gehört zu den schillerndsten Politikern der deutschen Nachkriegsgeschichte - und das, obwohl seine Partei Die Linke bundespolitisch noch nie an der Regierung war. (Foto: imago/Jürgen Heinrich)

Gregor Gysi gehört zu den schillerndsten Politikern der deutschen Nachkriegsgeschichte - und das, obwohl seine Partei Die Linke bundespolitisch noch nie an der Regierung war.

Gregor Gysi gehört zu den schillerndsten Politikern der deutschen Nachkriegsgeschichte - und das, obwohl seine Partei Die Linke bundespolitisch noch nie an der Regierung war.

Er ist ein gern gesehener Gast bei Talkshows. Seine Eloquenz sorgt für Respekt sowohl bei den Mitgliedern seiner Partei als auch bei politischen Gegnern.

Bei n-tv moderiert er Ende 2017 gemeinsam mit Entertainer Harald Schmidt den Jahresrückblick. Gysis Wortwitz kommt bei den Zuschauern gut an.

Obwohl er nicht mehr die Linken-Bundestagsfraktion führt, ist Gysis Terminkalender weiter gut gefüllt. Hier spricht er zu den Air-Berlin-Beschäftigten, deren Unternehmen zerschlagen wird.

Kaum zu glauben, dass der große Kommunikator der Linkspartei schon 70 Jahre alt wird. Aber es ist Tatsache, dass der Berliner am 16. Januar 2018 sein siebtes Lebensjahrzehnt vollendet.

Gysi war nicht immer beliebt. Vor allem in Westdeutschland wurde er nach dem Vollzug der Einheit Deutschlands am 3. Oktober 1990 angefeindet. Er war schließlich der Retter der allmächtigen DDR-Staatspartei SED, die unter dem Namen PDS weiter existiert und in den Bundestag einzieht.

Es war nicht Gysis Ziel, Politiker zu werden. Aber die Wendewirren in der DDR 1989/1990 zwangen ihn dazu. Die SED-Führung unter Egon Krenz bekam die Erneuerung der Partei nicht hin. Neue Köpfe waren gefragt. Zu ihnen gehört Gregor Gysi.

Sein Vater, Klaus Gysi, war in der DDR Kulturminister und Staatssekretär für Kirchenfragen. Der alte Gysi starb 1999.

Auftritt bei einer Demonstration von SED-Mitgliedern am 10. November 1989 im Berliner Lustgarten. Einen Tag zuvor war die Mauer gefallen. Der Rechtsanwalt spürt bereits zu diesem Zeitpunkt, dass das Ende der DDR naht.

Gysi trat bereits als Redner bei der nicht staatlich gelenkten Demonstration am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz auf. Dort kritisierte er die Politik der alten SED-Führung als undemokratisch. Zudem forderte er uneingeschränkte Reisefreiheit für die DDR-Bürger.

Später gibt Gysi süffisant zum Besten, dass er - im Gegensatz zu vielen westdeutschen Politikern - den langjährigen DDR-Staats- und SED-Chef Erich Honecker nie getroffen habe.

Auf einem außerordentlichen Parteitag wird Gregor Gysi im Dezember 1989 zum Vorsitzenden der SED-PDS gewählt. Nur kurze Zeit später firmiert die Partei als Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS). Gysi führt sie bis 1993.

In der Wendezeit arbeitet Gysi eng mit DDR-Ministerpräsident Hans Modrow zusammen. Der langjährige SED-Bezirkschef von Dresden amtiert bis Anfang April 1990.

Nach der einzigen freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 wird Lothar de Maizière (r.) DDR-Regierungschef. Gysi ist mit dem CDU-Politiker befreundet. Man kennt sich aus dem Rechtsanwaltskollegium.

Gysi hat einen kurzen, aber intensiven Wahlkampf hinter sich. Bei einer Veranstaltung in Gera tritt der PDS-Vormann in Schaffnermontur auf.

Die PDS befindet sich nach der Wahl in der Opposition. Gysi leitet neben der Partei nun auch die PDS-Volkskammerfraktion.

Er spricht sich gegen den schnellen Beitritt der DDR in die Bundesrepublik Deutschland nach Artikel 23 des Grundgesetzes aus. Allerdings ist die Mehrheit der Abgeordneten dafür.

Gysi - hier im Gespräch mit Volkskammerpräsidentin Sabine Bergmann-Pohl (CDU) und ihrem Vize Reinhard Höppner (SPD) - macht sich dennoch um die deutsche Einheit verdient. Er bewahrt das Parlament vor einem großen Fehler.

Denn vor der Abstimmung am 23. August 1990 über den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik liegt den Abgeordneten ein fehlerhafter Beschluss vor. Darin erklärte die Volkskammer lediglich ihren Beitritt. Gysi weist darauf hin, dass der Passus "der Deutschen Demokratischen Republik" fehlt. Das wird umgehend korrigiert.

Nach dem Vollzug der Einheit sitzt Gysi im Deutschen Bundestag. Später berichtet er von einer schwierigen Zeit für ihn und seine Genossen. Man sei Anfeindungen ausgesetzt gewesen.

Gysi entfaltet im Bundestag sein rhetorisches Talent. Er ist in dieser Hinsicht das völlige Gegenteil des typischen ostdeutschen Politikers. Der PDS-Gruppenchef redet die meiste Zeit frei und liest nur selten vom Blatt ab.

Zu seinen Aufgaben gehört auch die Aufmunterung von Parteikollegen wie Angela Marquardt, die mittlerweile zur SPD gewechselt ist.

Aber Gysi (hier bei einer Wahlkampfveranstaltung in Köln) treibt auch Raubbau mit seiner Gesundheit, so dass sein Freund Lothar Bisky eine klare Ansage macht und ihm regelrecht eine Ruhepause befiehlt. Später erleidet Gysi drei Herzinfarkte und muss eine schwere Gehirnoperation überstehen.

Aber die Droge Politik lässt ihn nicht mehr los. Seine Themen sind vor allem soziale Gerechtigkeit und die soziale Lage in Ostdeutschland.

Dabei gerät er im Parlament auch mit Bundeskanzler Helmut Kohl aneinander. Später sollte Gysi die europäischen Visionen des langjährigen CDU-Vorsitzenden würdigen. Er billigt Kohl auch zu, Interesse für die Lage der Ostdeutschen nach der deutschen Wiedervereinigung zu haben. Allerdings scheiden sich bei beiden Politikern am Wie der Annäherung der neuen Bundesländer an das Westniveau die Geister.

Die PDS hat in den 1990er-Jahren auch noch mit Erschütterungen zu tun. So müssen sich Gysi und Bisky mit einer Finanzaffäre herumschlagen. Der Weg der PDS zu einer anerkannten demokratischen Partei erweist sich als sehr steinig. Zudem werden gegen Gysi Vorwürfe erhoben, IM (inoffizieller Mitarbeiter) der Stasi gewesen zu sein. Er geht dagegen juristisch vor.

Auch die Führung der eigenen Bundestagsgruppe, die 1998 zur -fraktion wird ist mit Konflikten beladen. In dieser Hinsicht sollten noch schwierigere Jahre auf Gysi zukommen.

Aus Bundestag ist er jedenfalls zu diesem Zeitpunkt nicht wegzudenken. Allerdings fremdelt er mit Bonn und sehnt den Umzug von Bundesregierung und Parlament nach Berlin herbei.

Allmählich schafft es Gysi, die PDS aus der Isolation herauszubekommen. Hier bestreitet er eine Fernsehdiskussion mit Unionsfraktionschef Wolfgang Schäuble.

Auch Verbindungen zu den Grünen mit ihrem starken Mann Joschka Fischer werden geknüpft. Der Ton zwischen den politischen Kontrahenten wird verbindlicher.

Auch das Verhältnis zur SPD entspannt sich. Am 27. Oktober 1998 gratuliert Gysi Gerhard Schröder nach dessen Wahl zum Bundeskanzler.

Gespräch mit SPD-Fraktionschef Peter Struck. Zu einer Zusammenarbeit der PDS mit der rot-grünen Schröder-Regierung kommt es aber nicht.

Gysi will sich verändern und den Stress der Bundespolitik hinter sich lassen. Im Jahr 2000 gibt er den Vorsitz der Bundestagsfraktion ab. Seine Heimatstadt Berlin ruft.

Eine Bankenaffäre erschüttert die Berliner Landespolitik. Die Große Koalition zerbricht. Nach einem kurzen rot-grünen Intermezzo wird eine Koalition aus SPD und PDS gebildet. Unter dem Spitzenkandidaten Gysi erreichen die Sozialisten bei der Abgeordnetenhauswahl 2001 ein Traumergebnis von 22,4 Prozent. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) holt Gysi in den Senat.

Der PDS-Star wird Senator für Wirtschaft und Arbeit sowie - das betont er immer ganz besonders - für Frauen. Gysi ist allerdings nur eine kurze Zeit in der Berliner Landesregierung beschieden.

Denn infolge der Bonusmeilen-Affäre tritt er im Sommer 2002 von seinem Senatorenamt zurück. Gleichzeitig geht es mit der PDS bundespolitisch bergab.

Unter der Parteivorsitzenden Gabi Zimmer und Fraktionschef Roland Claus erleiden die Sozialisten bei der Bundestagswahl 2002 ein Debakel. Sie rutschen unter die Fünf-Prozent-Hürde.

Lediglich Petra Pau und Gesine Lötzsch behalten ihre Plätze im Bundestag. Beide Berlinerinnen gewinnen in ihren Wahlkreisen.

Gysi spricht auf der PDS-Wahlparty und gibt sich auch die Mitschuld am schlechten Ergebnis.

Nach der verlorenen Wahl geht es ihm auch gesundheitlich schlecht. 2004 muss sich Gysi wegen eines Hirnaneurysmas einer Operation unterziehen.

2005 ist Gysi wieder zurück in der Bundespolitik, mit ihm auch Lothar Bisky, der erneut den Parteivorsitz übernimmt.

Für die PDS eröffnet sich eine große Chance, sich auch in Westdeutschland zu etablieren. Sie will sich mit der WASG von Ex-SPD-Chef Oskar Lafontaine zusammenschließen. Gemeinsamer Nenner ist der Kampf gegen die von der Schröder-Regierung auf den Weg gebrachten Hartz-Gesetze und den neoliberalen Zeitgeist.

Gysi nimmt die Gelegenheit wahr und wirbt für das komplizierte Bündnis von Ost- und West-Linken.

Im Juni 2007 wird Die Linke gegründet. Gysi leitet gemeinsam mit Lafontaine die Bundestagsfraktion. Das Verhältnis der beiden sozialistischen Alphatiere ist nicht frei von Spannungen. Lafontaine wird auch Co-Chef der Linkspartei - gemeinsam mit Bisky.

Der Vereinigungsprozess gestaltet sich in der Partei schwierig. Gegenseitige Verletzungen bleiben nicht aus.

Sahra Wagenknecht strebt an die Spitze der Fraktion. Gysi lehnt eine Doppelspitze mit der späteren Ehefrau von Lafontaine ab.

Er führt die Fraktion nach dem Rücktritt von Lafontaine im Jahr 2010 alleine weiter. Aber es rumort in Partei und Fraktion.

Lafontaine, der in die saarländische Landespolitik zurückkehrt, stichelt weiter. Vor allem der pragmatische Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch ist ihm ein Dorn im Auge. Gysi will die Partei befrieden und stellt sich gegen Bartsch.

Gysi versucht, die Linke zusammenzuhalten und vermittelt. Das ist äußerst kompliziert, weil sich beide Parteiflügel bekämpfen.

Das Führungskonstrukt bei Die Linke ist fragil. Von 2010 bis 2012 ist die Partei vor allen Dingen mit sich selbst beschäftigt. Ein Ersatz für das glücklose Führungsduo Gesine Lötzsch/Klaus Ernst wird gesucht.

Auf dem Göttinger Parteitag 2012 hält Gysi eine sehr nachdenkliche Rede. Er spricht von Hass, der in der Bundestagsfraktion herrscht. Er fühle sich manchmal wie zwischen zwei Lokomotiven, die aufeinander zurasten. Gysi spricht davon, es sei vielleicht besser, sich zu trennen, als eine "in jeder Hinsicht verkorkste Ehe" zu führen.

Diese Rede rüttelt die Partei auf. Man einigt sich auf eine neue Parteispitze mit Katja Kipping und Bernd Riexinger.

Aber Gysi ist ausgelaugt. Er will die Fraktion nicht mehr führen. Im Oktober 2015 gibt er sein Amt ab. Auf dem Bielefelder Parteitag entschuldigt er sich bei seiner Familie und Freunden, dass er sich für sie zu wenig Zeit genommen habe.

Eine Leidtragende ist Tochter Anna, die aus Gysis zweiter Ehe mit Andrea Gysi (geborene Lederer) stammt. Gysi hat noch einen Sohn aus erster Ehe und einen Adoptivsohn.

Beim Parteivolk kommt die Rede sehr gut an.

Ein sichtlich gerührter Fraktionschef. Das Loslassen von der Macht fällt Gysi schwer. Er wird freiwillig zum Bundestags-Hinterbänkler.

Die Fraktion führen seitdem Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch. Zur Ruhe gekommen ist die Linkspartei dennoch nicht.

Nach der Bundestagswahl im September 2017 kommt es zum Machtkampf zwischen Partei- und Fraktionsspitze im Allgemeinen und zwischen Kipping und Wagenknecht im Besonderen. Gysi hält sich im Hintergrund.

Politik ist nicht mehr alles. Dennoch bleibt Gysi umtriebig. Bei der vom Berliner Entertainer Frank Zander organisierten Weihnachtsfeier für Obdachlose kellnert er mit. Gysi mag Menschen, die Bedürftigen danken es ihm.

Dem Bundestag bleibt Gysi treu. Beim jüngsten Votum gewinnt er seinen Berliner Wahlkreis Treptow-Köpenick erneut direkt. Seine Sprechstunden sind gut besucht. Vor allem Gysis Rat als Rechtsanwalt ist gefragt. Er ist Mitglied einer am Kurfürstendamm ansässigen Kanzlei.

Obwohl Gysi nicht mehr in der ersten Reihe steht, spielt er für die Linken dennoch noch eine wichtige Rolle. Eines ist bereits jetzt sicher: Gysi gehört zu den besten Rednern in der Geschichte des Deutschen Bundestages. (wne)

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