Gelassenheit in "Second Life"Hype ebbt ab
Der Marketingeffekt war nicht nachhaltig, nur die ersten Unternehmen in der virtuellen Welt haben vom Hype profitiert. Heute nutzen Firmen das Forum als Proberaum für neue visuelle Kommunikationsformen.
Ohne ein virtuelles Ich im Web ist niemand komplett - zumindest schien es im Medienrummel des vergangenen Jahres so, als ob sich alle Menschen künftig nur noch als "Avatare" (künstliche Personen) in der Online-Welt "Second Life" treffen würden.
Firmen, Hochschulen und sogar das Land Baden-Württemberg gaben viel Geld für ihre Auftritte in der 3-D-Welt aus. Inzwischen ist der Medienhype abgeklungen, und einige Firmen wie Mercedes-Benz, Adidas und die Deutsche Post haben ihr virtuelles Engagement beendet. Andererseits entsteht im Umgang mit dem neuen Medium nun so etwas wie produktive Gelassenheit.
"Der Hype ist abgeklungen, und die meisten nutzen Second Life nun als 3-D-Chat mit der Möglichkeit, relativ viel selbst zu gestalten", erklärt der Kommunikationsdesigner Alvar Freude. Der 35-Jährige hat sich ausführlich mit dem Phänomen "Second Life" auseinandergesetzt. Zu den Angeboten von Firmen und Land urteilt Freude: "Der einzige Erfolg ist die Offline-Image-Pflege: Wer früh genug dran war, der stand in den Zeitungen. Aber in 'Second Life' selbst interessiert das kaum jemanden."
Fokus verschiebt sich
Die Anbieter sehen das anders. "'Second Life' ist ein großartiges Experiment", erklärt Klaus Haasis von der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg (MFG), die für den "Second-Life"-Auftritt des Landes verantwortlich ist. Die Schwerpunkte in "Second Life" hätten sich jedoch verschoben - weg vom Marketing-Hype hin zum Erprobungsgelände neuer Formen der visuellen Kommunikation. Inzwischen hätten unter anderem Hochschulen die Möglichkeit, das "Internet der Zukunft" aktiv mitzugestalten.
Große Unternehmen im Land ziehen aus ihrem virtuellen Engagement unterschiedliche Schlüsse. So sind zum Beispiel die Pforten des virtuellen Mercedes-Benz-Autohauses seit 18. März geschlossen. Im extra für "Second Life" eingerichteten Firmenblog wird der Grund dafür zwar nicht genannt, aber dort heißt es, das Unternehmen habe "wertvolle Erfahrungen gesammelt und viele positive Rückmeldungen erhalten".
Virtuelle Besucher, aber kein Reichtum
Im Gegensatz dazu ist der Energiekonzern EnBW auch weiterhin mit seinem "EnergyPark" in "Second Life" vertreten. "Wir sind mit den Besucherzahlen sehr zufrieden, sie entsprechen nach wie vor unseren Erwartungen", sagt Johanna Mertins von EnBW. Das Unternehmen beobachte jedoch sehr genau, wie sich die Plattform entwickelt, bevor entschieden werde, in welcher Form das Engagement in "Second Life" weitergeführt wird.
Zu den bisher entstandenen Einnahmen und Ausgaben der virtuellen Angebote äußern sich weder Firmen noch MFG. Auch für private Nutzer scheint der Traum vom Reichtum erst einmal vorbei. Gerade einmal knapp 60.000 der 13,3 Millionen Nutzer weltweit haben überhaupt Geld in "Second Life" verdient - davon rund die Hälfte weniger als zehn Dollar. Allerdings muss für das virtuelle Land an den Betreiber LindenLab auch Miete bezahlt werden, so dass die Zahl derer, die tatsächlich Gewinn erwirtschafteten, weit geringer sein dürfte. Für private Nutzer gilt also wie für Politik und Wirtschaft: Abwarten - die Möglichkeit zum ruhigen Experimentieren ist nach dem Medienhype inzwischen vorhanden.