Bilderserie
Sonntag, 13. Mai 2018

Ohne Tamtam, Nebel und Highheels: Das ESC-Wunder von Lissabon

Von Sabine Oelmann

Bild 1 von 57
Auf nach Israel! (Foto: REUTERS)

Auf nach Israel!

Auf nach Israel!

Dort findet der Eurovision Song Contest 2019 statt.

Ein schönes Zeichen - hat Israel gerade doch wirklich andere Sorgen. Aber darum soll es ausnahmsweise für einen Moment nicht gehen. Im Moment herrscht pure Freude.

Und dafür ist SIE verantwortlich!

Die Sängerin Netta, ...

... die - laut unserem ESC-Experten vor Ort - wie eine Mischung aus ...

... Gossip-Sängerin Beth Ditto, ...

... Finnen-Popperin Alma ...

... und der deutschen Rapperin Miss Platnum daherkommt, ...

... hat sich mit ihrem Song zum Sieg "gegackert".

Wer sich jetzt fragt: "Häh? So doll ist der Song doch nun auch wieder nicht", ...

... der hat ganz einfach den Trend verpennt.

Doch kommen wir, bevor wir näher auf den Trend, den Zeitgeist überhaupt und die gesamt Unlogik, die hinter so einem ESC steckt, eingehen, zu einem Wunder.

Dem Wunder von Lissabon.

Zumindest für uns Deutsche.

Levina (2017), ...

... Jamie-Lee (2016), ...

... Ann Sophie (2015), ...

... Elaiza (2014), ...

... und Cascada (2013) konnten alle kaum Punkte für ihr Land holen - warum auch immer, denn schlecht sind sie nun wirklich nicht gewesen.

Diese lange Strecke der Erfolglosigkeit führte fast zu einem Trauma, einer "german angst", ja geradezu zu einer Depression, wie wir sie sonst nur aus dem Fußball kennen.

Nach Lena Meyer-Landruts Sieg 2011 mit "Satellite" kam keine Frau mehr auch nur in die Nähe des oberen Drittels.

Roman Lob gelang 2012 immerhin ein respektabler 8. Platz.

Und nun das: Michael Schulte mit seinem gefühlvollen Song "You Let Me Walk ALone" ganz weit oben!

Der vierte Platz für unseren ESC-Kandidaten! Kein Wunder, dass die Freude riesig ist.

Für Sportler normalerweise der undankbarste Platz, da man dann nicht mehr auf dem Treppchen der ersten Drei stehen kann, ...

... für Deutschland aber - unter den gegebenen Voraussetzungen - der Hauptgewinn.

Und wie hat er das geschafft, der Michael?

Ganz ohne riesiges Tamtam, ...

... nichtmal 'ne dolle Light-Show ...

... geschweige denn ein freier Bauchnabel haben den 28-Jährigen aus Buxtehude ganz - also fast ganz - nach oben katapultiert.

Schulte sang sein Lied mit viel Gefühl, begleitet von grafischen Einblendungen und Fotos im Hintergrund - ganz ohne große Showeffekte. Das Lied hat er seinem Vater gewidmet, der starb, als sein Sohn noch ein Teenager war.

Schulte kam als Außenseiter nach Lissabon und ging als Geheimfavorit auf die Bühne. Nach getaner Arbeit mit der Startnummer Nummer elf (kurz nach dem ...

... Flitzer-Vorfall, der der Britin SuRie den Auftritt vermasselte, auch wenn sie ihn souverän meisterte), scheint ...

... Schulte von jeglicher Last befreit, winkt den deutschen Fans im Publikum zu, filmt mit dem Handy und wirkt gelöst und entspannt.

In seinen kühnsten Träumen dürfte er sich das nicht so ausgemalt haben: Von allen Seiten hagelt es Punkte. Und in seinem Fall sind sich die Jurys, die ihn auf dem 4. Platz sehen, und die Zuschauer, bei denen er als Sechstbester abschneidet, sogar einigermaßen einig.

Es scheint sich auszuzahlen, authentisch zu bleiben, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Dann wird man belohnt.

Ein Traum Schultes war es, wenigstens einmal 12 Punkte aus irgendeinem Land zu bekommen. "Jetzt haben wir viermal 12 Punkte und mehrere Male 10 Punkte."

Schulte ist stolz. Wir auch!

"Alone" - allein ist Schulte übrigens gar nicht: Im August soll sein Sohn zur Welt kommen.

Jetzt aber zurück zur Siegerin: Netta.

Vorjahressieger Salvador Sobral hat das Lied der Israelin als "schrecklich" bezeichnet - darüber kann sie im Moment ihres Triumphes jedoch locker hinwegsehen.

Auf die Kritik des Portugiesen angesprochen, sagt sie: "Ich sende ihm nichts als Liebe."

Außerdem: "Ich feiere mich selbst." Richtig so, sie hat allen Grund dafür!

Besser als mit Zeilen wie "Look at me - I'm a beautiful creature" ("Schau mich an - ich bin ein wunderschönes Geschöpf") ...

... und "I'm not your toy, stupid boy" ("Ich bin nicht dein Spielzeug, dummer Junge") könnte man "Bodyshaming"-Diskurse oder die "MeToo"-Debatte wohl kaum in einen Songtext gießen.

"Ich muss einfach nur ich sein", erklärt sie. Da müsse sie gar keine weitere Botschaft unters Volk bringen.

Eine Zeit lang sah es allerdings so aus, als könnten andere das Rennen machen: So landen nach dem Jury-Voting erst einmal der Beitrag aus Schweden von Benjamin Ingrosso ("Dance You Off") und ...

... Österreichs César Sampson ("Nobody But You") auf den Plätzen 1 und 2.

Die beiden absoluten Favoritinnen der TV-Zuschauer sind jedoch Netta und ...

... die wilde Eleni aus Zypern.

Mit "Fuego" landet Eleni Foureira im Endeffekt "nur" auf dem zweiten Platz, ...

... hat deswegen aber wahrlich keinen Grund, traurig zu sein.

Nach Eleni belegt ...

... César Sampson ...

... den dritten Platz.

"Wir" sind jedenfalls wieder dabei! Back in the game! Yeah! Das tut gut! Und fast möchte man sagen: "Wir sind ESC", aber das ist dann vielleicht doch ein bisschen übertrieben. (soe)

weitere Bilderserien