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Samstag, 27. Oktober 2018

Der Schock der ersten Ölkrise: Als Deutschland stillstand

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Es sind die Bilder eines Epochenwandels: leer gefegte Straßen ... (Foto: picture-alliance/ dpa)

Es sind die Bilder eines Epochenwandels: leer gefegte Straßen ...

Es sind die Bilder eines Epochenwandels: leer gefegte Straßen ...

... Pferde, die vor Autos gespannt sind, ...

... Sonntagsspaziergänge auf Autobahnen.

Deutschland erlebt im Spätherbst 1973 die erste - und folgenreichste - Ölkrise.

Am 17. Oktober 1973 hatten die arabischen Ölexporteure dem Westen den Ölhahn zugedreht.

Die Opec, die Organisation erdölexportierender Länder, verhängt ein Embargo gegen die USA und die Niederlande, die übrigen Industrieländer erhalten deutlich weniger Öl.

Anlass war der wenige Wochen zuvor ausgebrochene Jom-Kippur-Krieg, ...

... bei dem ägyptische und syrische Truppen Israel angegriffen hatten.

Mit der Drosselung der Ölexporte setzt die Opec nun eine höchst effektive Waffe ein, ...

... um die größtenteils pro-israelisch eingestellten westlichen Staaten zu zwingen, Position für die arabische Seite zu beziehen.

"Diese Waffe erzeugt ihre Wirkung schon durch die bloße Vorstellung der Wirkung, die sie erzeugen könnte", kommentiert damals die "Neue Zürcher Zeitung".

Tatsächlich ist die Wirkung immens, die Folgen zeigen sich schnell: Der Westen muss um seinen Wohlstand bangen.

Der Ölpreis schießt in die Höhe. Innerhalb kürzester Zeit klettert er um 36 Prozent.

Wenn denn überhaupt Öl oder Benzin lieferbar sind.

Apotheker müssen sich immer häufiger mit der Frage befassen: Was macht man mit Kunden, die sich offenbar beim Benzinstehlen mit einem Schlauch vergiftet haben?

Die Industrie reagiert auf ihre Weise - mit einem verschließbaren Tankdeckel, der 1973 unter kaum einem Weihnachtsbaum fehlt.

Die sozial-liberale Bundesregierung unter Kanzler Willy Brandt ringt um nachhaltigere Lösungen und verlangt den Deutschen drastische Sparmaßnahmen ab: ...

In einem "Energiesicherungsgesetz" ordnet sie ein vorübergehendes Tempolimit an, 100 Kilometer je Stunde auf Autobahnen, 80 auf Landstraßen.

Außerdem beschließt sie vier autofreie Sonntage; nur wer eine Sondergenehmigung besitzt, darf noch fahren.

Während in den Niederlanden nach mehreren autofreien Sonntagen Psychologen vor Aggressionsdelikten und Familienkrächen warnen, reagieren die Deutschen erstaunlich gelassen.

Allerdings täuschen die idyllischen Bilder über den Ernst der Lage hinweg.

"Ölangst", "Energiekrise", "Es wird ernst" - so lauten bald die Schlagzeilen deutscher Medien.

Zunehmend wird klar: Die fetten Jahre sind vorbei, ...

... die Zeit des Wirtschaftswunders gehört endgültig der Vergangenheit an.

Tatsächlich sind die Folgen der Ölkrise, die mehr eine Ölpreiskrise ist, für die westliche Welt verheerend.

Die Konjunktur stürzt ab.

Die Bundesrepublik muss 1974 für Erdölimporte knapp 23 Milliarden Mark zusätzlich ausgeben - fast 153 Prozent mehr als noch im Jahr zuvor.

In der Autoindustrie sinkt die Produktion um fast ein Fünftel. Viele Firmen gehen pleite. Nur die Fahrradhersteller können sich freuen. Sie steigern ihren Absatz um 24 Prozent.

Die Rezession schlägt sich unmittelbar in den Arbeitslosenzahlen nieder. Sind 1973 lediglich 273.000 ohne Arbeit, sind es zwei Jahre später bereits mehr als eine Million.

Auch die DDR bleibt von der Krise nicht verschont, wenngleich diese sie wegen der unterschiedlichen Verrechnungspreise der Ostblockländer später ereilt.

Da die Devisen fehlen, setzt die DDR vermehrt auf die heimische Braunkohle und fragt Milliardenkredite im Westen an.

Auch besinnt sie sich auf alte Technik: Die Deutsche Reichsbahn reaktiviert viele Dampflokomotiven und baut diese von Öl- auf Kohlefeuerung zurück.

Viele westliche Staaten ziehen - abgesehen von Fahrverboten - ebenfalls ihre Konsequenzen. Noch im Dezember 1973 verabschiedet die Bundesregierung ein Sechs-Milliarden-Mark-Programm für Bau und Planung von 40 Kernkraftwerken.

Die Offshore-Förderung von Öl wird weiterentwickelt, ...

... regenerative Energien werden gefördert.

Eine weitere Folge ist die Einführung der Sommerzeit in den folgenden Jahren, mit der das Tageslicht besser genutzt und dadurch Energie gespart werden soll - was inzwischen als gescheitert gilt.

London und Washington erwägen zudem eine Invasion Kuwaits und Saudi-Arabiens. Letztlich kommt es nicht dazu.

Nach dem ersten Öl-Schock rudert Deutschland wieder zurück. Schon nach vier Monaten hebt die Regierung das Tempolimit wieder auf, das Fahrverbot an Sonntagen wird nicht wiederholt.

Die autofreien Sonntage bleiben eine Episode - und ein Menetekel für die westliche Welt.

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