Transrapid-Unglück23 Tote auf Teststrecke
Bei einem schweren Unfall mit Tempo 170 auf der Transrapid-Versuchsstrecke im Emsland sind 23 Menschen getötet worden. Zehn Personen überlebten zum Teil schwer verletzt. Die Bergungsarbeiten wurden offiziell beendet. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück geht von "menschlichem Versagen" als Unglücksursache aus. Kanzlerin Merkel sprach den Angehörigen der Opfer am Unfallort ihr tiefes Beileid und Mitgefühl aus.
Ein Transrapid ist am Freitag mit Tempo 170 auf der Teststrecke im Emsland in einen Werkstattwagen gerast und hat nach Polizeiangaben vom Abend 23 Menschen mit in den Tod gerissen. Weitere zehn Menschen hätten die Katastrophe zum Teil schwer verletzt überlebt, sagte der Einsatzleiter der Polizei, Karlheinz Brüggemann. Zuvor war noch von 31 Betroffenen die Rede gewesen. Bis zum Abend waren den Angaben zufolge alle 33 Unfallopfer aus den Zugtrümmern geborgen worden. Die Bergungsarbeiten wurden offiziell für beendet erklärt. Fast 400 Rettungskräfte kämpften den ganzen Tag darum, zu den Opfern im völlig zerstörten vorderen Zugteil zu gelangen.
Die Betreibergesellschaft und die Staatsanwaltschaft Osnabrück vermuten menschliches Versagen als Unglücksursache. Zusätzlich seien auch technische Fehler - etwa Funkprobleme - denkbar, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. "Bei Einhaltung aller Bestimmungen wäre dieser Unfall nicht möglich gewesen", sagte der Geschäftsführer der Industrieanlagen-Betriebsgesellschaft (IABG), Rudolf Schwarz, am Abend.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach am Unfallort den Angehörigen der Opfer im Namen der Bundesregierung ihr tiefes Beileid und Mitgefühl aus. "Ich bin aus traurigem Anlass hier", sagte sie in Lathen. Die Bundeskanzlerin hatte politische Gespräche abgebrochen und war an den Ort der Katastrophe geeilt. "Ich habe mir ein Bild nach dem Unglück machen können", sagte Merkel sichtlich erschüttert. Zahlreiche weitere Politiker äußerten ihre Bestürzung.
Ein laut Polizei mit 31 Fahrgästen besetzter Zug der führerlosen Schwebebahn war am Vormittag bei Lathen in Niedersachsen auf einen Werkstattwagen gerast. Auf diesem Wagen waren zwei Angestellte wie jeden Morgen damit beschäftigt, die Strecke von Ästen und Schmutz zu befreien. Normalerweise hätte der Transrapid erst starten dürfen, nachdem der Arbeitswagen die Strecke verlassen hatte. Die beiden Angestellten auf der Arbeitsplattform sollen den Unfall schwer verletzt überlebt haben.
Um 9.59 Uhr ging der Notruf in der Rettungsleitstelle des Kreises ein. Daraufhin eilten mehr als 150 Hilfskräfte zur Unglücksstelle zwischen den Orten Lathen und Melstrup. Der Zug war nach dem Unfall zwar nicht von der rund fünf Meter hohen Trasse der Schwebebahn gekippt. Allerdings war der vordere Zugteil nach dem Aufprall zerstört und hing von den Stelzen herab. Trümmer und Kleidung lagen auf mehreren hundert Metern entlang der Unglückstrasse verstreut. Die Polizei sperrte das Gebiet weiträumig ab, um Schaulustige abzuhalten.
Die Angaben über die Opfer schwankten zunächst stündlich. Zwanzig Menschen würden noch vermisst, hieß es am frühen Nachmittag. Wenig später waren es laut dem Kreis zehn Vermisste. Bei einer Polizei-Pressekonferenz am Abend war dann von sechs Vermissten die Rede. "Wir suchen nach Opfern, die möglicherweise bei dem Unfall aus dem Zug geschleudert wurden", sagte ein Polizist. "Die Hoffnung, noch lebende Personen im oder am Zug zu finden, wird als gering angesehen", hieß es dann in einer Mitteilung der Kreispolizei Emsland.
Mit zwei Kränen versuchten die Rettungskräfte, Teile des Wracks anzuheben, um zu den Eingeschlossenen zu gelangen. 10 Menschen wurden schwer verletzt in umliegende Krankenhäuser gebracht.
Es war eine "Messfahrt"
In dem Unglückszug befanden sich laut Polizei Angestellte des Energieversorgers RWE sowie Mitarbeiter der Versuchsstrecke. Nach Angaben des Unternehmens handelt es sich um Beschäftigte des Regionalcenters Nordhorn, die aus den niedersächsischen Orten Nordhorn, Veldhausen und Meppen stammen. Weitere drei Passagiere sind der "Neuen Osnabrücker Zeitung" zufolge Mitarbeiter eines Papenburger Pflegedienstes.
Warum diese Gruppe von Menschen im Zug mitfuhr, war zunächst nicht bekannt. Die Industrieanlagen Betriebsgesellschaft (IABG) als Betreiberin betonte, es habe sich nicht um eine Besucherfahrt, sondern um eine "Messfahrt" gehandelt. Weitere Einzelheiten nannte die Gesellschaft nicht. Ob der Zug keine Abfahrtgenehmigung hatte oder der Werkstattwagen nicht im Einsatz hätte sein dürfen, blieb zunächst offen.
Bundespräsident Horst Köhler reagierte mit Bestürzung und Trauer auf das Unglück. "Meine Gedanken sind bei den Opfern und ihren Familien und bei denen, die jetzt an der Unfallstelle im Rettungs- und Bergungseinsatz sind", sagte der Bundespräsident. Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) brach seine China-Reise ab, um sich am Samstag am Ort über das Unglück zu informieren.
Tiefensee hatte in Peking mit dem chinesischen Eisenbahnminister Liu Zhijun über eine Verlängerung der Transrapidstrecke in Schanghai verhandelt. Dort verkehrt die bislang weltweit einzige kommerzielle Transrapid-Verbindung. Am 11. August war in Schanghai in einem Bahnhof ein Waggon in Brand geraten. Die Passagiere konnten unverletzt in Sicherheit gebracht werden.
In Deutschland wird derzeit über eine Transrapid-Verbindung zwischen dem Münchner Flughafen und der Innenstadt verhandelt. Das Projekt droht jedoch an den hohen Kosten zu scheitern, die für die 38 Kilometer lange Strecke auf bis zu 1,85 Milliarden Euro geschätzt werden. Der Betreiber des möglichen Transrapid-Projekts in München, die DB Magnetbahn GmbH, reagierte mit Bestürzung auf das Unglück. Sprecher Ulrich Krenn sagte, das Unglück habe auf das Vorhaben zunächst keine Auswirkungen. Ehe sich dazu etwas sagen lasse, müsse die Unfallursache geklärt sein.
Seit 1984 fährt die Magnetschwebebahn auf Europas längster Teststrecke im Emsland. Auf der 31,5 Kilometer langen Versuchsanlage erreicht die Schnellbahn Geschwindigkeiten bis zu 450 Stundenkilometern. Die Strecke mündet im Norden und Süden in zwei Wendeschleifen – dazwischen liegt ein 12 Kilometer langer Abschnitt, auf dem die Höchstgeschwindigkeiten erreicht werden.