So alt wie die Republik60 Jahre "Stachelschweine"
Gruner, Gründer der "Stachelschweine" in Berlin, betrachtet die Wirksamkeit von Kabarett ganz nüchtern: "Wir haben 1753 Mal den Namen Strauß genannt, und was hat es genützt?"
"Früher hieß es immer auf die Frage, was man in Berlin gesehen haben muss: Die Mauer, den Funkturm und die "Stachelschweine". Viele nennen uns heute schon an zweiter Stelle, und wenn erst die Mauer fällt...." Der Spruch von Alt- "Stachelschwein" Wolfgang Gruner stammt vom Oktober 1989, also wenige Wochen bevor die Mauer tatsächlich fiel. Gruner ist schon lange tot, aber die "Stachelschweine" leben immer noch und sind mittlerweile so alt wie die Bundesrepublik. Am 18. Oktober feiern sie in ihrem Kellerdomizil im Europa Center (also im "alten West-Berlin" an der Gedächtniskirche) mit der Premiere ihres neuen Programms "Völlig verspielt" ihren 60. Geburtstag.
Das legendäre Berliner Kabarett war mit dem Düsseldorfer "Kommödchen", der Münchner "Lach- und Schießgesellschaft" und der Ost-Berliner "Distel" das wohl berühmteste Kabarett im Nachkriegsdeutschland, heute ist der Ruhm verblasst. Die "Stachelschweine" wurden von Rolf Ulrich gegründet und durch ihren (2002 gestorbenen) Protagonisten Wolfgang Gruner ("Otto Schruppke") auch über die Grenzen der Stadt hinaus besonders als Nachkriegskabarett aus der "Frontstadt Berlin" bekannt. Das erste Programm hatte im Oktober 1949 Premiere und trug den Titel "Alles irrsinnig komisch". Gruner konnte noch nicht dabei sein, "da war ich noch in Russland".
"Kodderschnauze" Wolfgang Gruner
Als Berliner "Kodderschnauze" und "Quasselstrippe" wurde er weit über die Grenzen der Stadt hinaus in West- und Ostdeutschland als das Markenzeichen des "echten Baliner" bekannt geworden - liebenswert-witzig oder gewöhnungsbedürftig, je nach Standpunkt. Legendär waren seine Soloauftritte im Programm.
Die Spielstätten waren zunächst die "Badewanne" in der Nürnberger Straße, der "Burgkeller" an der Gedächtniskirche, danach bis 1965 die "Ewige Lampe" in der nahe gelegenen Rankestraße und schließlich das Europa-Center. Zur Kernmannschaft gehörten jahrelang Kollegen wie Jo und Wilfried Herbst, Achim Strietzel, Inge Wolffberg, Joachim Röcker und Jochen Schröder, in den Anfangsjahren auch Günter Pfitzmann. Auch Wolfgang Neuss und Wolfgang Spier gehörten zeitweilig zu den Mitarbeitern. Die Titel ihrer Programme lauteten unter anderem "Treffpunkt: Fatale Mitte" (1950), "Nun muss sich alles, alles wenden" (1952), "Teil dir den Siegerkranz" (1959) und "Unser kleiner Staat" (1964).
Sie "saßen immer zwischen den Stühlen"
In seinen Erinnerungen schrieb Gruner: "15 Jahre lang bekamen wir Berge von Briefen, worin man uns bescheinigte, wir seien Vaterlandsverräter und Handlanger der Kommunisten, dann warf man uns zehn Jahre lang vor, wir seien reaktionär, staatserhaltend und Handlanger des satten Establishments. So saßen wir eigentlich immer zwischen den Stühlen." Und die Wirksamkeit von Kabarett sieht er ganz nüchtern: "Wir haben 1753 Mal den Namen Strauß genannt, und was hat es genützt?"