Panorama

"Flut von Fehlermeldungen" Airbus mit technischen Problemen

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Französische Piloten auf der Suche nach Wrackteilen.

Reuters

Nach dem Absturz der Air-France-Maschine über dem Atlantik haben die Ermittler die Hoffnung auf eine schnelle Aufklärung der Ursachen gedämpft. "Die Ermittlungen sind lang, manchmal sehr lang", hieß es. Unterdessen wurden bei einer Trauerfeier in Paris 228 Kerzen für die Opfer des Unglücks entzündet.

Zwei Tage nach dem mysteriösen Absturz der Air-France-Maschine über dem Atlantik haben die Unfallermittler die Hoffnung auf eine schnelle Aufklärung der Ursachen gedämpft. "Die Ermittlungen sind lang, manchmal sehr lang, denn man kann sich nicht mit 80 Prozent Verständnis zufriedengeben", sagte der Direktor des Amts für Unfallanalysen BEA, Paul-Louis Arslanian, in Paris. Hinweise auf Probleme mit dem Flugzeug seien unsicher. Das BEA (Bureau d'Enquêtes et d'Analyses) leitet die Ermittlungen, weil das Unglück über internationalen Gewässern geschehen und die Maschine in Frankreich gemeldet ist.

Unterdessen wurde bekannt, dass der Airbus kurz vor seinem Absturz eine Fülle an technischen Problemen an die Zentrale der Fluglinie gefunkt hatte. Um 4.10 Uhr deutscher Zeit am Montagmorgen habe das System gemeldet, die Crew habe den Autopiloten abgeschaltet, um das Flugzeug manuell zu steuern, sagte der Hamburger Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt. Er bezog sich auf Informationen der Air France, die derzeit in Expertenkreisen erörtert würden.

Navigationsgerät fiel aus

"Dann gab es zwei bis drei Minuten lang eine Flut von Fehlermeldungen: Das Navigationsgerät fiel aus, die Darstellung auf den Bordbildschirmen war weg und anderes." Die letzte Information kam demnach um 4.14 Uhr: "Der Kabinendruck fiel ab. Das war die letzte Meldung, die vom Flugzeug automatisch über Satellit an die Unternehmenszentrale gefunkt wurde."

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Die Angehörigen trauerten um die 228 Absturzopfer.

(Foto: dpa)

Somit habe sich die gefährliche Lage binnen Minuten zugespitzt. Dieses Szenario spreche auch gegen Spekulationen über einen Bombenanschlag. Vier Minuten vom Abschalten des Autopiloten bis zum Abfall des Kabinendrucks seien "dann doch eine eher lange Zeit. Das zeigt, dass die Piloten versucht haben, das Problem in den Griff zu bekommen." Einen Gewitterblitz als Ursache schloss er ebenfalls aus: "Ein Blitzschlag holt kein Flugzeug dieser Größe vom Himmel."

Bei dem Absturz der A330-200 auf dem Weg von Rio nach Paris waren am Pfingstmontag alle 228 Menschen an Bord umgekommen. Sie kamen aus 32 Ländern. Darunter waren 72 Franzosen, 59 Brasilianer und 26 Deutsche. Das Auswärtige Amt hat die Zahl der Deutschen noch nicht offiziell bestätigt. Arslanian sprach von der schlimmsten französischen Luftfahrt-Katastrophe aller Zeiten. Brasilien ordnete eine dreitägige Staatstrauer an.

Trauerfeier in Paris

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Auch Frankreichs Präsident Sarkozy (m.) nahm an der Trauerfeier teil.

(Foto: AP)

Bei einer Trauerfeier in der Pariser Kathedrale Notre-Dame sind derweil 228 Kerzen für die Opfer entzündet worden. Die Angehörigen hätten sich in "Erschütterung und Trauer" versammelt, um der "228 Menschen zu gedenken, die gestorben sind", sagte der Pariser Erzbischof André Vingt-Trois bei dem ökumenischen Gottesdienst.

Er verlas eine Botschaft von Papst Benedikt XVI., der den Familien sein "tiefes Beileid" aussprach. Vingt-Trois zitierte auch eine Stelle aus dem "Kleinen Prinzen" des französischen Schriftstellers Antoine de Saint-Exupéry, der selbst in einem Flugzeug ums Leben gekommen war.

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Das Flugzeug sollte von Rio de Janeiro nach Paris fliegen.

(Foto: AP)

In der Messe wurden auch Gedichte auf Französisch, Portugiesisch und Englisch vorgetragen. An ihr nahmen neben Präsident Nicolas Sarkozy, zahlreichen französischen Regierungsmitgliedern und dem deutschen Botschafter Reinhard Schäfers auch Vertreter der jüdischen, muslimischen, protestantischen und orthodoxen Glaubensgemeinschaften teil. Der Öffentlichkeit war der Zutritt nicht gestattet. Vor Notre-Dame hörten aber tausende Menschen der Messe über Lautsprecher zu. Sarkozy wollte die Hinterbliebenen zudem in den nächsten Tagen im Elysée-Palast empfangen.

Frankreich schickt Tiefseeroboter

Drei Handelsschiffe aus den Niederlanden und aus Frankreich suchen unterdessen in der vermuteten Absturz-Region nach Opfern. Zudem sollte das erste von fünf brasilianischen Kriegsschiffen eintreffen. Frankreich schickte ein Spezialschiff mit einem Tiefseeroboter und einem U-Boot, die beide noch in 6000 Meter Tiefe operieren können. Außerdem kommen französische und brasilianische Seeaufklärer und ein französisches Radarflugzeug (AWACS) zum Einsatz.

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Paul-Louis Arslanian dämpft die Hoffnungen auf Aufklärung.

(Foto: dpa)

Derweil beschäftigt der Absturz jetzt auch die Pariser Staatsanwaltschaft. Die Anklagebehörde ermittelt, ob jemand für den Verlust des Flugzeuges mit 228 Insassen verantwortlich ist. Die Staatsanwaltschaft zog das Verfahren an sich, weil mehrere Pariser unter den Opfern sind.

Der französische Verkehrsminister Jean-Louis Borloo hatte am Dienstag erklärt, für einen Terroranschlag gebe es keine Anzeichen, er sei aber nicht völlig ausgeschlossen. Auch bei früheren Anschlägen wie auf die PanAm-Maschine über dem schottischen Lockerbie 1988 hatte es kein Bekennerschreiben gegeben.

Metallgegenstände, Kabel und ein Passagiersitz

Die brasilianische Luftwaffe entdeckte im Atlantik treibende Metallgegenstände, Kabel und einen Passagiersitz. Zudem wurde ein Wrackteil mit sieben Meter Durchmesser entdeckt. Außerdem seien auf einer Strecke von 20 Kilometern Öl- und Kerosinspuren festgestellt worden, sagte Luftwaffensprecher Jorge Amaral in Brasília. Die Trümmer seien demnach im Radius von fünf  Quadratkilometern verstreut gewesen.

Verteidigungsminister Nelson Jobim erklärte am Dienstag, alles deute darauf hin, dass der Airbus 650 Kilometer nordöstlich der Insel Fernando de Noronha abgestürzt sei. Dennoch erklärte Arslanian zurückhaltend: "Wir wissen nicht, wo das Flugzeug ist." Im Mittelatlantik gebe es zerklüftete unterseeische Gebirge. Das Wasser ist in dem Gebiet bis zu 4000 Metern tief.

Das BEA will einen ersten Bericht Ende Juni vorlegen. Arslanian warnte eindringlich vor Spekulationen. "Wir wissen noch nicht einmal den Zeitpunkt des Absturzes", sagte er. Das BEA prüft auch, ob es schon früher Probleme mit dem Flugzeugtyp A330 gab. "Wir arbeiten nicht nur über das Flugzeug, das verschwunden ist, sondern auch über alles, was man an Informationen über die Geschichte dieses Flugzeugs erhalten kann", sagte Arslanian.

Bereits 2006 in Unfall verwickelt

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Brasilien ordnete derweil eine dreitägige Staatstrauer an. (Verwandte warten am Flughafen in Rio de Janeiro auf neue Informationen.)

(Foto: dpa)

Derweil wurde bekannt, dass der abgestürzte Airbus vor drei Jahren auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle in einen Unfall am Boden verwickelt war. Nach Angaben des deutschen Luftfahrt-Unfalluntersuchungsbüros JACDEC (Jet Airliner Crash Data Evaluation Center) aus Hamburg stieß der Airbus damals auf dem Rollfeld mit einem anderen Air-France-Airbus vom Typ A321 zusammen. Nach Angaben von Luftfahrtexperten ist es nahezu ausgeschlossen, dass der so lange zurückliegende Unfall etwas mit dem Absturz am Montag zu tun hat.

Große Hoffnungen setzen die Ermittler auf die Flugschreiber zum Aufzeichnen der technischen Daten und der Pilotengespräche. Die Geräte hätten den Absturz vermutlich überstanden, sagte Arslanian. "Es geht darum, ob wir die Flugschreiber finden und ob die Flugschreiber aufschlussreiche Informationen liefern." Das sei nicht immer der Fall.

Sicherheitsexperten zweifeln daran, dass die Flugschreiber jemals gefunden werden. "Theoretisch" könnten die Flugschreiber zwar den Wasserdruck in bis zu 6000 Meter Tiefe aushalten und dank der von ihnen ausgesendeten Signale geortet werden, sagte eine BEA-Sprecherin. "Aber so tief ist noch nie eine Black Box gefunden worden."

Quelle: n-tv.de, mli/dpa/AFP

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