Kostet Gurlitts Sammlung nur 30 Millionen Euro?Auktionshaus sieht geringen Wert
Nach dem Münchner Kunstfund wird von einem Jahrhundertschatz gesprochen. Die Schätzungen überschlagen sich. Schnell wird von einer Milliarde Euro gesprochen. Ein Auktionshaus sorgt jetzt für Ernüchterung. Cornelius Gurlitt scheint derweil abgetaucht zu sein.
Die bei dem Kunsthändlersohn Cornelius Gurlitt beschlagnahmte Kunstsammlung ist nach Einschätzung eines führenden Auktionshauses weniger als 50 Millionen Euro wert. Er schätze den Wert der mehr als 1400 Werke, von denen der größte Teil Papierarbeiten seien, auf bis zu 30 Millionen Euro, sagte der Münchner Auktionshauschef Robert Ketterer. In Medien war über einen Wert von mehr als einer Milliarde Euro spekuliert worden.
Die Behörden hatten nach Angaben der Staatsanwaltschaft bei Gurlitt bereits im Frühjahr 2012 fast 1300 ungerahmte und rund 120 gerahmte Bilder beschlagnahmt. Darunter sind Werke von Picasso, Chagall, Marc, Matisse, Dix, Kokoschka und Liebermann. Bislang sind knapp 120 Bilder bei der Datenbank Lostart eingestellt worden.
Gurlitt drückt sich vor der Übergabe
Gurlitt selbst hat bislang noch keinen Termin zur Übergabe seiner Bilder vereinbart. Mehrere Versuche, Kontakt mit ihm aufzunehmen, blieben erfolglos. "Es ist so, dass sich der Beschuldigte bislang nicht bereit erklärt hat zu einer Terminvereinbarung", sagte der Münchner Generalstaatsanwalt Christoph Strötz im Kunstausschuss des bayerischen Landtags. Die Behörden hätten den Kontakt zu ihm "über einen bestimmten Zeitraum gepflegt". Es habe sich auch "rasch herausgestellt, dass ihm gewisse Bilder zu Recht gehören".
Auch für die Taskforce "Schwabinger Kunstfund" war Gurlitt bislang nicht zu erreichen. "Für ein Gespräch braucht man einen Gesprächspartner", sagte die Leiterin der Expertengruppe, Ingeborg Berggreen-Merkel. "Ich habe versucht, ihn zu erreichen, es ist mir aber bislang nicht gelungen."
Die Staatsanwaltschaft Augsburg hatte vor einer Woche erklärt, Gurlitt rund 300 Bilder zurückzugeben, die ihm zweifelsfrei gehören. Das sind nach Angaben von Bayerns Justizminister Winfried Bausback Bilder, die Mitglieder der Familie Gurlitt selbst angefertigt haben oder die erst nach 1945, nach dem Ende des Nazi-Regimes, entstanden sind. Bei rund 590 Werken wird geprüft, ob es sich um Nazi-Raubkunst handelt, die früheren zumeist jüdischen Eigentümern weggenommen wurde.
Große Koalition will Herkunftsforschung fördern
In der Bundespolitik hat die Kontroverse um die Bilder offenbar erste Folgen gezeigt: Union und SPD wollen die Herkunftsforschung zu möglicher NS-Raubkunst stärker fördern. "Bis heute ist der Verbleib von Kunst- und Kulturgütern, die Eigentümer aufgrund der Verfolgung durch die Nationalsozialisten verloren haben, nicht vollständig geklärt", heißt es im neuen Koalitionsvertrag. Mit wie viel Geld die Herkunftsforschung gefördert werden soll, steht nicht im Vertrag.
Die Sitzung des Landtags-Ausschusses war das erste Mal, dass der Fall, der längst politische Bedeutung über die Grenzen Deutschlands hinaus erlangt hat, auf dem politischen Parkett behandelt wurde. Der bayerische Justizminister Winfried Bausback erstattete den Abgeordneten umfassend Bericht und kritisierte schwere Mängel im Umgang der Behörden - auch seiner eigenen - mit dem spektakulären Fund.
Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, die nach Angaben Bausbacks früh in die Ermittlungen eingebunden waren, informierten das Kunstministerium nicht. Fünf Berichte über die Bildersammlung seien im Justizministerium angekommen, einige davon wurden nach Angaben Bausbacks sogar von dem persönlichen Referenten seiner Amtsvorgängerin Beate Merk abgezeichnet - ohne die Chefin zu informieren. Merk und ihr Nachfolger Bausback erfuhren nach eigenen Angaben erst aus den Medien von dem Fund. Für Bausback ein Grund, aufzuräumen in seinem Haus: Künftig solle es eine regelmäßige Besprechung über wichtige laufende Verfahren geben.
Nur eine Expertin war zugeteilt
Die Aufarbeitung des Falls sei viel zu langsam in Gang gekommen. "An diesem Verlauf ist aus heutiger Sicht zu kritisieren, dass die Provenienzrecherche lange - zu lange - gedauert hat", sagte Bausback. Mehr als ein Jahr lang nur eine einzige Expertin mit der Begutachtung der Bilder zu beauftragen, sei deutlich zu wenig gewesen. "Bund und Länder hätten hier früher mehr Experten an die Provenienzrecherche setzen müssen, um in kurzer Zeit zu validen Ergebnissen zu kommen."