Panorama
Christiane Felscherinow bei der Vorstellung ihres Buches.
Christiane Felscherinow bei der Vorstellung ihres Buches.(Foto: dpa)
Freitag, 18. Oktober 2013

Der berühmteste Junkie Deutschlands: Christiane F. und ihr Leben mit den Drogen

Von Solveig Bach

Millionen Menschen haben die Geschichte des heroinsüchtigen Berliner Straßenmädchens Christiane F. gelesen. 35 Jahre nach "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" erzählt Christiane Felscherinow, wie es danach weiterging. Es ist eine Geschichte ohne Happy End.

Mit 13 Jahren snieft Christiane V. Felscherinow das erste Mal Heroin, mit 14 spritzt sie sich die Droge, mit 15 steht sie wegen "fortgesetzten vorsätzlichen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz" vor Gericht, mit 16 ist sie berühmt. Felscherinow ist Christiane F., das drogensüchtige Mädchen aus "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo". Als das Buch 1978, basierend auf einer "Stern"-Reportage in Deutschland erscheint, trifft es genau den Zeitgeist.

Co-Autor Kai Hermann erinnert sich im Gespräch mit n-tv.de daran, dass Drogen in der Bundesrepublik zuvor kein Thema waren. "Aber plötzlich tauchten in den Großstädten deutsche Straßenkinder auf, kindliche Junkies. Diese Kinder gerieten in die Drogenszene ohne zu wissen, was sie tun. Heroin galt plötzlich als cool, über die Gefahren war niemand aufgeklärt."

Die Zahl der Drogentoten steigt Ende der 1970er Jahre ständig, in Berlin am Bahnhof Zoo ist die Szene nicht zu übersehen. Um an Geld zu kommen, prostituieren sich die jungen Süchtigen. Christiane F. gibt der bundesdeutschen Drogenproblematik ein Gesicht und wird zum berühmtesten Junkie Deutschlands. Der "Stern"-Journalist Hermann lernte die 15-jährige Felscherinow in Schleswig-Holstein kennen. Ihre Mutter hatte sie dorthin zu den Großeltern geschickt, um sie von der Sucht zu heilen. Hermann beschreibt sie zu jener Zeit als ein "verunsichertes Mädchen, das direkt vom Drogenstrich in die Provinz versetzt war, umgeben von Menschen, die sich nicht in sie hineinversetzen konnten."

Das zweite Leben

"Mein zweites Leben" ist im Levante-Verlag erschienen und kostet 17,90 Euro.
"Mein zweites Leben" ist im Levante-Verlag erschienen und kostet 17,90 Euro.(Foto: picture alliance / dpa)

Mit 51 Jahren erzählt Felscherinow nun in ihrem neuen Buch "Mein zweites Leben", wie es danach weiter ging. Es ist ein Leben, das von der Sucht bestimmt wird. Alkohol, Kokain, Heroin, Schlaf- und Beruhigungstabletten, Methadon, immer wieder gelingen Felscherinow drogenfreie Zeiten, doch am Ende ist die Sucht stärker. Die größte Überraschung, auch für sie selbst, scheint zu sein, dass sie bis jetzt überlebt hat. "Ich bin seit 35 Jahren noch nicht tot. Kaum einer hätte gedacht, dass ich 51 Jahre alt werde - aber sieh an, hier bin ich: Christiane F.", schreibt sie auf ihrem Blog dazu. Doch auf den über 300 Seiten, die Felscherinow gemeinsam mit der Journalistin Sonja Vukovic gefüllt hat, wird deutlich, welch hohen Preis Christiane F. für ihr intensives Leben mit den Drogen bezahlt hat. Gesundheitliche Probleme, immer wieder Abstürze, Umzüge, Verhaftungen und Klinikaufenthalte – nur selten kommt Felscherinow zur Ruhe.

Dem Erfolg des Buches folgt der gleichnamige Film, Felscherinow reist um die Welt, trifft Prominente, tritt in Talkshows auf, sie singt und schauspielert. Sie lebt zeitweise in Griechenland und in der Schweiz, doch die Sucht ist jedes Mal stärker. "Ich weiß nicht warum, aber ich war immer und immer wieder so dumm, rückfällig zu werden", schreibt sie dazu.

1996 bekommt Felscherinow einen Sohn, zwei Abtreibungen und eine Fehlgeburt hat sie da bereits hinter sich. Felscherinow geht in der Mutterrolle auf, fühlt sich als "besserer Mensch". Doch als sie, der Junge ist inzwischen 11, nach Amsterdam umziehen will, verliert sie das Sorgerecht. Sie erleidet erneut einen schweren Rückfall, Phillip wächst nun in einer Pflegefamilie auf. "Der Junge ist das einzig Richtige, was ich im Leben je gemacht habe", schreibt sie über ihren Sohn, den sie regelmäßig sieht.

Starke Person mit vielen Tiefs

Hermann hatte zunächst an ein Happy-End geglaubt, an ein drogenfreies "ganz normales Leben" für Felscherinow. Doch auch als klar wurde, dass das nicht so einfach wird, gab er die Hoffnung nicht auf. "Ich habe immer gehofft, dass sie die Abhängigkeit überwindet. Im Nachhinein ist es bei den vielen Entzügen und Rückfällen aber schon ein kleines Wunder, dass sie weit gekommen ist."

Das Buch war ein Bestseller und ist es noch immer.
Das Buch war ein Bestseller und ist es noch immer.(Foto: Carlsen Verlag)

Den Reporter Hermann hat die Begegnung mit dem Mädchen vom Drogenstrich sein Leben lang begleitet. "Man ist es als Journalist gewohnt, Themen abzuhaken", sagt er. "Aber Christiane war nicht abzuhaken, die Verbindung hat über Jahre gehalten und ist bis heute da. Christiane war immer ein faszinierender Mensch." Dennoch hat Hermann in all den Jahren immer wieder Angebote ausgeschlagen, die Geschichte von Christiane F. weiterzuerzählen. "Ich fand, dass ein Leben mit so vielen Tiefs in allen Details nicht in die Öffentlichkeit gehört", begründet er diese Entscheidung. "Ich hätte gern die Geschichte der starken Christiane erzählt und nicht die der Niederlagen, die mehr und mehr drohten sie zu vernichten." Felscherinow sucht nun mit ihrer Geschichte die Öffentlichkeit. Sie habe irgendwann einfach das Gefühl gehabt, dass die Leute wissen wollten, was seither passiert sei, sagt sie dazu nur.

Das Mädchen vom Bahnhof Zoo hat Berlin den Rücken gekehrt. Christiane Felscherinow lebt in Teltow vor den Toren der Hauptstadt, manchmal schläft sie aber auch mit ihrem Hund in einer Obdachlosenunterkunft, um der Einsamkeit zu Hause zu entfliehen. Sie hat Hepatitis, eine Leberzirrhose, sie trinkt noch immer Alkohol, nimmt Hasch. Seit 20 Jahren bekommt sie Methadon, das sie nicht gut verträgt.

"Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" hat sie berühmt gemacht und letztlich auch wohlhabend, doch weder der Erfolg des Buches noch die anschließende Prominenz haben sie von der Sucht befreit. In ihrem Blog schreibt sie dazu: "Hätte ich die Chance, würde ich niemals eine Droge anfassen. Ich würde sofort meinen Erfolg mit dem ersten Buch, alle Bekanntschaften, die ich seither gemacht habe, mein Geld, den Ruhm, einfach alles aufgeben – wenn ich dafür nur ein ganz normales Mädchen ohne Drogenproblem sein könnte!"

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Quelle: n-tv.de