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Vor 1200 Jahren starb Karl der Große Der Kaiser, der den Anstoß gab

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Büste Karls des Großen in der Aachener Domschatzkammer.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Die Welt hat sich gewaltig verändert in den vergangenen 1200 Jahren", sagt der Historiker Johannes Fried. "Ich würde aber sagen, dass sie auf dem Humus steht, den Karl der Große bereitet hat."

n-tv.de: Ihre Biografie über Karl den Großen beginnt mit dem Hinweis: "Das folgende Buch ist kein Roman, dennoch eine Fiktion." Wie stark könnte sich Ihr Karlsbild von der Realität unterscheiden?

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Johannes Fried lehrte bis bis zu seiner Emeritierung 2009 mittelalterliche Geschichte an der Universität in Frankfurt am Main. Sein Buch über Karl den Großen ist einfach großartig.

(Foto: picture alliance / dpa)

Johannes Fried: Die Realität ist für uns Historiker nicht mehr erfassbar, wir können sie nur rekonstruieren. Deshalb unterscheiden sich auch alle Versuche, Karls Wirken darzustellen, voneinander. Mit absoluter Sicherheit wissen wir nur die Basisdaten, etwa, dass er Vater und Mutter hatte, dass er nach Rom gezogen ist, dass er mit Papst Hadrian I. und mit Papst Leo III. zu tun hatte. Aber welches Verhältnis er zu seinen Eltern hatte, wie er zu Hadrian und Leo stand, das ist ganz schwer für uns zu erfassen.

Der Untertitel Ihres Buches, "Gewalt und Glaube", spielt darauf an, dass Karl der Große sowohl sehr religiös als auch durchaus grausam war. Im Jahr 782 hat er bei Verden an der Aller 4500 Sachsen töten lassen. Ist denkbar, dass Karls Religiosität nur machtpolitisch motiviert war?

Heute trennen wir zwischen persönlichem Glauben und staatlichen Belangen. Zur Zeit Karls des Großen war dies nicht so, da gingen beide Bereiche ineinander über. Mit Blick auf die Sachsen spielt eine wichtige Rolle, dass Karl der Große und sein Hof wohl keine rechte Vorstellung über die Art ihrer Organisation hatten. Die Sachsen waren kein homogenes Volk, sie bestanden aus mehreren Völkerschaften. Wenn man solche Dinge nicht weiß, dann kann es passieren, dass man mit einer Gruppe einen Vertrag schließt und die andere Gruppe sich daran nicht gebunden fühlt. Auf diese Weise entstand für Karl der Eindruck, die Sachsen geloben ihm, sich taufen zu lassen, überfallen dann aber Kirchen. Das dürfte 782 der Fall gewesen sein.

Heute würde man sagen, starke Religiosität gepaart mit rücksichtsloser Gewalt ist bigott.

Aus Karls Sicht war das keine Bigotterie. Die Sachsen waren noch nicht getauft, sie waren keine Christen. Insofern war es ein Kampf gegen Heiden, ein Kampf, der zu Karls Zeit als Defensivkrieg durchaus erlaubt war. Allerdings wissen wir nicht, wie er damit psychisch fertig geworden ist. Ich persönlich habe eine ganz eigene Meinung dazu: Im Jahr 810 befindet sich Karl wieder auf diesem Feld in der Nähe von Verden, dieses Mal, um einen Einfall der Dänen zurückzuschlagen. Er kann schlecht schlafen und lässt sich frühmorgens sein Pferd satteln, um allein aufs Feld zu reiten. Dort, berichtet er später, habe sein Pferd gescheut, weil ein Lichtstrahl von rechts nach links gekommen sei. Dabei könnte es sich um einen epileptischen Anfall gehandelt haben. Solche Anfälle können die Folge einer psychischen Belastung sein. Ich könnte mir also vorstellen, dass Karl an dieser Stelle doch noch Skrupel bekommen hat und erschrocken war über seine Tat.

Gibt es Hinweise auf Skrupel auch, was seine vielen Ehefrauen angeht?

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Der Königsthron im Aachener Dom wurde zu Karls Lebzeiten errichtet.

(Foto: picture alliance / dpa)

Nein. In Bezug auf seine Ehen und überhaupt auf sein Sexualverhalten gibt es nicht den geringsten Hinweis auf Skrupel. Seine Töchter hat er bei sich behalten, er hat sie nicht verheiratet. Sie bekamen dennoch Kinder, durften ihre Sexualität also offenbar ausleben. Er hatte einen Sohn, Karl, von dem wir wissen, dass er homosexuell war. Karl der Große hat seinen Sohn möglicherweise warnen lassen, dass er für Nachkommen sorgen müsse, aber er hat ihn bis zu dessen Tod immer als möglichen Nachfolger ins Auge gefasst und gut behandelt, sogar besser behandelt als seine anderen Söhne, obwohl diese schon Kinder hatten.

Eine Frage zur Krönung in Rom am Weihnachtstag des Jahres 800: Kann man sagen, dass Karl der Große sich bewusst in die Tradition der römischen Kaiser gestellt hat?

Ja, und zwar so, wie er die römischen Kaiser durch das Vorbild Byzanz wahrnehmen musste. Seine Krönung folgte genau dem Schema, nach dem in Konstantinopel die oströmischen Kaiser erhoben und ins Amt geführt wurden. Zudem lässt sich Karl nicht nur "Imperator Augustus" und "rex Francorum atque Langobardorum" nennen, also Kaiser sowie König der Franken und Langobarden. In seinem Titel wird auch betont, dass er das römische Reich regiert: "Romanum gubernans imperium". Karl greift damit einen Kaisertitel auf, der aus dem 6. Jahrhundert in Ravenna überliefert ist. Es ist der einzige für ihn erkennbare Kaisertitel, der den Bezug auf das Imperium Romanum herstellt.

Sie würdigen Karls Bildungsreformen als wichtigen Anstoß. Warum hat Karl der Große eine Bildung gefördert, die sich auf nichtchristliche Gelehrte bezogen hat?

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Karls Reich ist bald zerfallen. Was bleibt, sind die Folgen der von ihm eingeleiteten Bildungsreformen.

(Foto: Wolpertinger / CC / Wikipedia)

Das war nicht sein eigentliches Ziel. Er hat gemerkt, dass das Latein seiner Mönche nicht mehr stimmte, und das wollte er verbessern. Dahinter stand möglicherweise eine geradezu magische Haltung: Fehlerhafte lateinische Formeln werden von der göttlichen Ordnung nicht richtig angenommen. Um die Sprache zu verbessern, mussten Lateinstudien betrieben werden. Die führten nicht nur zu den christlichen Autoren der Spätantike, sie führten auch zu den lateinischen Texten von Tacitus, Ovid, Vergil, Horaz und anderen. Zunächst wurden deren Texte nur abgeschrieben, um die Sprache zu schulen. Wenn man jedoch die Sprache beherrscht, erkennt man auch die Schönheit der antiken Texte, kann sich an ihnen erfreuen und sie in das Muster der eigenen literarischen Aktivitäten einbauen. Das schönste Beispiel ist die Karlsbiographie Einhards, die dem Muster des Sueton folgt, eines antiken Biographen der römischen Kaiser.

In den Lehrplänen für die Schulen in Deutschland spielt das Mittelalter nur eine höchst untergeordnete Rolle. Können Sie mir drei Gründe sagen, warum Karl der Große heute noch wichtig ist?

Karl der Große ist mit seinen Fernwirkungen bis heute präsent. Und man sollte seine Vergangenheit kennen, um sich in der Gegenwart angemessen einrichten zu können. Wir wissen über die Zukunft schlechthin nichts, alles, was wir über die Zukunft sagen können, sind Spekulationen auf der Grundlage von Rückblicken in die Vergangenheit. Zum Zweiten ist es nie verkehrt, sich an Vorbildern zu orientieren. Karl der Große war höchst erfolgreich, wobei ich nicht seine militärischen Erfolge meine. Das Reich, das er gebildet hat, ist ja relativ schnell nach dem Tod seines Sohnes zerfallen. Was geblieben ist, ist seine kulturelle Leistung. Das kann ein deutlicher Hinweis darauf sein, dass auch wir heute stärker auf unsere Kultur achten müssen. Drittens: Um die Bildung zu erneuern, holte Karl fremde Gelehrte an seinen Hof. Er holte Angelsachsen, Westgoten, Langobarden, er holte Sachsen und Baiern. "Er liebte die Fremden", sagt Einhard, sein Biograph. Das ist ungeheuer aktuell.

Warum ist uns Heutigen das Frühmittelalter so fremd?

1200 Jahre Geschichte gehen nicht spurlos an einer Kultur vorbei. Die intellektuelle Entwicklung ab 800 hat Europa grundlegend verändert: die Renaissance des Hochmittelalters im 12. und 13. Jahrhundert, der Humanismus und die große Renaissance, die sich von Italien aus über Europa verbreitete, die Zeit des Barock und die Aufklärung - all dies brachte Entwicklungen, die in der Zeit Karls des Großen noch nicht verfügbar waren, die sich aber konsequent herausentwickelt haben aus dem, was von Karl angestoßen wurde. Die Welt hat sich gewaltig verändert in den vergangenen 1200 Jahren. Ich würde aber sagen, dass sie auf dem Humus steht, den Karl der Große bereitet hat.

Mit Johannes Fried sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de