Panorama
Samstag, 24. Juli 2010

Chaotische Zustände in Duisburg: Der Weg in die Katastrophe

Die Massenpanik in einem Tunnel vor dem Loveparade-Gelände wirft Fragen zu den Sicherheitsvorkehrungen und der Eignung des Veranstaltungsgeländes auf. Ein erster Überblick.

Loveparade 2010: Das Veranstaltungsgelände aus der Luft, Blickrichtung Süden.
Loveparade 2010: Das Veranstaltungsgelände aus der Luft, Blickrichtung Süden.(Foto: picture alliance / dpa)

Die Loveparade gilt sei Jahren als Besuchermagnet. Im Gegensatz zu früheren Veranstaltungen dieser Art fand die Tanzveranstaltung in diesem Jahr erstmals auf einem eingezäunten Arreal mit beschränkten Zugängen statt. Im Vorjahr war die Veranstaltung in Bochum unter Hinweis auf das unzureichende Fassungsvermögen des Bochumer Hauptbahnhofs abgesagt worden.

Ort der diesjährigen Veranstaltung ist das Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs südlich des Duisburger Stadtzentrums, der Hauptbahnhof befindet sich nur wenige Gehminuten entfernt. Im Westen begrenzt die Stadtautobahn 59 das Gelände, den östlichen Rand bilden die viel befahrenen Gleistrecken der Bahn.

Der Weg auf das Gelände: Der Hauptbahnhof befindet sich im Norden.
Der Weg auf das Gelände: Der Hauptbahnhof befindet sich im Norden.(Foto: www.duisburg.de)

Einzelnen Berichten zufolge soll das Gelände auf dem alten Güterbahnhof in Duisburg nur für maximal 500.000 Besucher ausgelegt gewesen sein. In Berichten lokaler Medien wurde die Zahl der Feierenden nach Beginn der Veranstaltung um 14.00 Uhr mit bis zu 1,4 Millionen angeben.

Vor allem der Zustrom der Feierenden am Eingang vor dem Gelände führte offenbar schnell zu Problemen. Als besonders kritisch erwies sich, dass der Hauptzugang durch einen mehrere hundert Meter langen Tunnel unter der Bahntrasse führte. Die Einlasskontrollen fanden offenbar erst nach dem Tunnel statt. Zeitweise soll der Zutritt aufgrund des übergroßen Andrangs gesperrt worden sein.

Vor Beginn der sogenannten Abschlusskundgebung um 18.00 Uhr kam es zur Katastrophe. Als immer mehr Besucher versuchten, rechtzeitig zur angekündigten Bühnenshow auf das Gelände zu gelangen, habe sich an dem Tunnelauslass in der Mitte zwischen den Gleisen ein Rückstau gebildet. Dann seien die ersten Personen gestürzt.

Im Zentrum der Aufnahme: Die Unterführung mit dem Auslass zum Veranstaltungsgelände auf dem ehemaligen Güterbahnhof.
Im Zentrum der Aufnahme: Die Unterführung mit dem Auslass zum Veranstaltungsgelände auf dem ehemaligen Güterbahnhof.(Foto: picture alliance / dpa)

Augenzeugen wollen die Polizei bereits frühzeitig vor der Gefahr gewarnt haben. Gegenüber n-tv.de gab ein Teilnehmer sogar an, den Veranstalter bereits gegen 15.00 Uhr über problematische Zustände am Eingangsbereich informiert zu haben. Gegen 15.30 Uhr habe er auch Polizei und Feuerwehrkräfte vor Ort von dem bedrohlichen Gedränge gewarnt.

Berichten zufolge hatten die Sicherheitskräften vor der Massenpanik noch versucht, die Lage zu entspannen. Bereits am Nachmittag habe die Polizei die Besucher in einer Unterführung zurückhalten müssen, damit der Druck der Menschenmassen vor dem Einlass nicht zu groß würde, zitierten örtliche Medien einen Polizeisprecher vor der Katastrophe. "Wir haben ein kontrolliertes Massenproblem", hieß es zu diesem Zeitpunkt noch.

Nachdem einzelne Personen gegen 16.30 Uhr versucht hatten, den Zugangstunnel über die Gleise zu umgehen, musste die  Bahn den kompletten Zugverkehr von und nach Duisburg einstellen. Die A59 war bereits zuvor wie vorgesehen komplett gesperrt worden.

"Duisburg ist vom Rest des Landes abgekoppelt", sagte ein Bahn-Sprecher der WAZ-Gruppe. "Es fährt kein Zug mehr nach Duisburg." "Es sind einfach zu viele Menschen auf den Gleisen", hieß es nur Stunden vor der Katstrophe. Die Bundespolizei sei vor Ort. Um 16.29 Uhr sie die Sperrung wieder aufgehoben worden.

Bahn stoppt alle Züge

Doch kurz nach der Massenpanik, nachdem das Ausmaß des Unglücks bekannt geworden war, musste die Bahn erneut in ihren Betriebsablauf eingreifen und den auch Duisburger Hauptbahnhof komplett sperren. Bahnsprecher Udo Kampschulte sagte, durch die Panik seien viele Leute auf die Gleise in der Nähe des Loveparade-Geländes ausgewichen.

"Sämtliche Gleise sind jetzt gesperrt", erklärte Kampschulte. Zugverkehr in Richtung Süden gebe es seit kurz nach 18.00 Uhr nicht mehr. Mittlerweile würden sich die Menschen vor dem Hauptbahnhof stauen. "Wir wollen versuchen, die Leute in Richtung Norden rauszubekommen". Neben der Bahnsicherheit sei auch die Bundespolizei im Einsatz.

Der Andrang war bekannt

"Auf den Zu- und Abwegen zum Veranstaltungsgelände und auf dem Veranstaltungsgelände selbst wird ein dichtes Netz aus weithin gut sichtbaren Sanitätsstationen vorhanden sein", hatte die Stadt Duisburg im Vorfeld der Veranstaltung angekündigt. Rund 1.500 Einsatzkräfte der Hilfsorganisationen Malteser Hilfsdienst, Deutsches Rotes Kreuz, Johanniter-Unfall-Hilfe und Arbeiter-Samariter-Bund aus dem gesamten Bundesgebiet seien im Einsatz.

Schon vor der Veranstaltung hatte Stadt darauf hingewiesen, dass es auf dem Veranstaltungsgelände "auf Grund der Lautstärke in bestimmten Bereichen" mit "Problemen bei der Sprachübermittlung des Notrufes über die Nummer 112" kommen könne. Besucher sollten sich in diesem Fall an das Ordnungspersonal oder "direkt an eine der zahlreichen Sanitätsstationen am Rande des Geländes" wenden, hieß es. Hinzu kam dann, dass die Mobilfunknetze bei Großveranstalungen schon allein durch die Zahl der Teilnehmer schnell überlastet sind.

Nach dem Unglück richtete die Stadt Duisburg umgehend einen Krisenstab ein. Um eine mögliche weitere Panik zu vermeiden, wird die Veranstaltung nicht abgebrochen. "Der Krisenstab der Stadt Duisburg hat sich entschlossen, aus Sicherheitsgründen die Veranstaltung zurzeit nicht zu beenden", erklärte ein Sprecher der Stadt. Die Notausgänge des Geländes wurden aber inzwischen geöffnet. Zahlreiche Besucher nutzen bereits die Gelegenheit. Offenbar wurde auch die zuvor bereits abgesperrte Autobahn als Fluchtweg geöffnet.

Nach der Massenpanik hat die Polizei Duisburg eine Telefonnummer geschaltet, unter der sich Angehörige von Opfern informieren können: Polizei-Hotline 0203 - 94 000.

Die Stadt Duisburg hatte im Rahmen der Vorbereitungen auf die Veranstaltung bereits eine allgemeine Personenauskunftsstelle eingerichtet, die nach den ursprünglichen Planungen bis zum 25 Juli 09:00 Uhr besetzt bleiben soll. Personen, die nach Angehörigen oder Freunden suchen, können ihre Suchanfrage unter folgender Telefonnummer erfassen lassen: 0203 - 283-2000.

Bilderserie
Video

Quelle: n-tv.de