Panorama
Das Fördergerüst aus Schacht 4 wird abgerissen.
Das Fördergerüst aus Schacht 4 wird abgerissen.(Foto: picture-alliance / dpa)
Mittwoch, 13. Oktober 2010

"Bin der Einzige, der noch lebt": Deutschlands schwerstes Grubenunglück

Am 20. Februar 1946 ereignet sich in Bergkamen bei Dortmund Deutschlands schwerstes Grubenunglück. 405 Bergleute kommen ums Leben, nur 64 können gerettet werden. Der einzige heute noch lebende Kumpel von damals erzählt von den Stunden der Angst.

"Die Bilder aus Chile von der Rettung der Bergleute und von den weinenden Frauen treffen mich tief ins Herz. Ich sehe mich dabei. Und meine Frau. Ich kann wieder riechen und spüren, wie es damals war und die eigenen Bilder kommen zurück in meinem Kopf." Die Bilder sind in schwarz-weiß und gehören zu Friedrich Hägerling, 88 Jahre alt, und der letzte Überlebende von Deutschlands schwerstem Bergwerksunglück. Hägerling arbeitete am 20. Februar 1946 in fast 1000 Meter Tiefe an der Kohle, als sich eine gewaltige Explosion ereignete.

Plakat zur Ausstellung Grubenuglücke. Ein Toter wird aus Schacht Grimberg 3/4 geborgen.
Plakat zur Ausstellung Grubenuglücke. Ein Toter wird aus Schacht Grimberg 3/4 geborgen.(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

"Da war dieser unglaublich laute Knall. Im nächsten Moment flog alles durch die Luft", erzählt Friedrich Hägerling im Gespräch mit n-tv.de. Eine riesige Druckwelle habe das Licht ausgeknipst. "Die Luft war voller Kohlenstaub und so schwarz, dass wir unsere Lampen nicht mehr sahen. Erst haben wir gar nicht begriffen, was da los war. Und diejenigen von uns, die noch laufen konnten, schleppten die Verletzten."

"Ich kannte mich ja nicht wirklich aus in der Grube. Du fährst zwar jeden Tag mit dem Korb runter, gehst an die Kohle und fährst wieder nach oben. Wo die Stollen und Nebenstollen verlaufen, weißt du aber nicht." Aber Hägerling wusste, dass er raus will. Spätestens nachdem sich der Staub gelegt hatte, war allen kar, dass sich unweit von ihnen ein schweres Unglück ereignet haben musste. Furcht, dass der Stollen einstürzen könnte, hatte er damals nicht. Allenfalls könnte die Luft knapp werden, durch das Feuer.

Was die Männer damals noch nicht wissen ist, dass viele von ihnen niemals geborgen werden können und sie ihr ewiges Grab in der Unglücksgrube von Bergkamen finden würden. Insgesamt kamen 405 Menschen ums Leben. Nur 64 der 466 Mann starken Frühschicht überlebten. Aufgrund der gewaltigen Druckwelle kam es sogar über Tage zu Opfern: Drei Arbeiter wurden von umherfliegenden Trümmerteilen erschlagen. Es gab damals kaum eine Familie, die nicht von dem Unglück betroffen war.

"Lasst mich nicht zurück"

"Wir müssen nach oben", ruft Hägerling seinen Kumpels zu, er spürt, dass dies die einzige Möglichkeit ist, um in Sicherheit zu gelangen. Einige wollen bleiben und auf dem Streb auf Rettung warten. Schließlich entscheiden sich Hägerling, sein Kumpel Erwin und der Steiger Georg, einen Weg zu suchen. "Über Leitern konnte man von einem Absatz zum anderen steigen, immer höher. Ich wollte an die Luft und hatte die Hoffnung, oben einen Weg zu finden, über den wir in die Freiheit gelangen könnten." Er ist von dem Ziel besessen, rauszukommen – bis ans Tageslicht. Stufe für Stufe tastet er sich nach oben, bis es nicht mehr weiter geht. Das Licht funzelt nur noch. Nur Erwin und Georg haben noch Lampen, und bestehen darauf, umzukehren. Friedrich Hägerling können sie von ihrem Vorhaben nicht überzeugen.

Hägerling glaubt sich derweil im Dunkel auf der Leiter in die Höhe zu tasten, doch tatsächlich sind es die schmalen Schellbänder der Versorgungsleitungen. Und nicht er steigt weiter in die Höhe, es sind seine Begleiter, die ihn verlassen, bis das Licht immer schwächer wird. "Ich habe geflucht, ich habe gejammert und gerufen 'Lasst mich nicht im Stich. Ich habe kein Licht. Lasst mich nicht zurück. Hier ist doch frische Luft, lasst uns hier bleiben'. Dann war ich ganz allein. Um mich herum war es nur schwarz." Hägerling wird seine Begleiter nie mehr wiedersehen.

An der Halde "Großes Holz" in Bergkamen.
An der Halde "Großes Holz" in Bergkamen.(Foto: picture-alliance/ dpa)

An einem Querbalken geklammert, in einer Höhe, die er nicht einmal ahnen kann, schwebt er über einem dunklen Abgrund und ist in diesem Moment der verlassenste Mensch der Welt. Schreckliche Angst ergreift ihn, auch Verzweiflung und Wut. An einen Abstieg ist im Dunkeln nicht mehr zu denken. "Nach einer endlos langen Zeit des Wartens hatte ich abgeschlossen mit dem Leben. Ich wusste, hier komme ich nicht mehr raus. Alle Namen, die mir einfielen, sagte ich laut vor mir her, um mich von den Personen zu verabschieden. Auch von meinen Lieben zu Hause."

Rettung naht

Währenddessen beginnen die Rettungsarbeiten. Sie sind ein Wettlauf mit der Zeit. Die Helfer müssen mit Nachexplosionen rechnen, überall liegen zum Teil verstümmelte Leichen. Immer wieder breiten sich Brände aus. Grubenwehren aus den umliegenden Städten rücken an und können über den Schacht Kiwitt zu den Eingeschlossenen vordringen.

Zu dieser Zeit betet Hägerling zu Gott und fleht, er möge gerettet werden. Viele weitere Stunden vergehen. Er ist bereits von Sinnen, als er glaubt, eine Stimme zu hören. "Ich dachte, jetzt ist aus mit mir, ich höre schon die Engel singen. Aber dann werde ich wach und höre tatsächlich jemanden rufen: 'Ist hier noch einer?' 'Ja, der Hägerling', gab ich zurück. 'Bist du es Fritz?' Das war der andere Steiger, der König. 'Du bist gerettet', gab er mir zur Antwort und von da an weiß ich nichts mehr." Das ist die 30. Stunde nach der Explosion.

Friedrich Hägerling fällt in diesem Moment in Ohnmacht und erwacht erst Stunden später, als er gewaschen wird. An seine ersten Gedanken nach der Rettung kann er sich nicht mehr erinnern. Von knapp hundert Kumpeln auf seinem Streb ist er der einzige, der die Katastrophe überlebt. Erwin stürzt beim Abstieg in den Tod. Hägerling glaubt sich später an dessen Todesschrei erinnern zu können. Von Georg wird nur noch der verkohlte Leichnam gefunden. Er kann anhand seiner Steigerausrüstung identifiziert werden. Auch Hägerlings Onkel Karl, der nur wenige Meter neben ihm schuftet, wird nur noch tot geborgen.

Rechtfertigung fürs Überleben

Dass Hägerling der Einzige von seiner Truppe ist, der überlebt, ruft die damalige britische Militärverwaltung auf den Plan. Diese hat ohnehin mit der als "gering" eingeschätzten Arbeitsleistung der Bergleute zu tun. Die Ermittler gehen zunächst davon aus, Hägerling habe sich vor der Arbeit gedrückt, habe sich im Schacht versteckt und sei deshalb nicht wie die anderen Kumpels ums Leben gekommen. Seine detaillierte Zeugenaussage führt schließlich zu einem Freispruch; die Ermittler lassen ihre Anschuldigungen fallen. Schon zwei Wochen später fährt Friedrich Hägerling wieder in den Schacht. Sein neuer Arbeitsort ist die Zeche Monopol.

"Ich habe so viel Glück gehabt im Leben", erzählt der letzte Überlebende des größten Grubenunglücks in der deutschen Geschichte, "dass ich es gerne auf viele weitere Leben aufgeteilt hätte. Doch das liegt nicht in meiner Hand."

An die Katastrophe am Unglücksschacht Grimberg 3/4 erinnert heute ein Denkmal auf dem Waldfriedhof Bergkamen.

Bilderserie
Video

Quelle: n-tv.de