Panorama

Mehr als eine Laune?Dick ist wieder schick

12.05.2009, 10:38 Uhr

Der Erfolg der dicken US-Sängerin Beth Ditto und der kurvigen Stripperin Dita von Teese scheint Mager-Kritikern Recht zu geben: Dünn zu sein, ist inzwischen nicht mehr unbedingt schön.

Die Rubens-Figur steht vor einem Revival: Mollig und selbstbewusst statt dürr und wenig widerstandsfähig ist angesagt - der Hype um die füllige US-Sängerin Beth Ditto oder auch der Kult um die Theaterform New Burlesque sind Anhaltspunkte dafür. Die berühmteste Vertreterin dieser Tanzgattung, die kurvige Amerikanerin Dita von Teese, unterstützt am kommenden Wochenende sogar den deutschen Beitrag beim Eurovision Song Contest.

Der Regensburger Psychologe Dr. Martin Gründl erklärt auf der Internetseite beautycheck.de, eine weltweite Studie habe ergeben, dass in reichen Ländern eigentlich Schlankheit bevorzugt werde. Fett verliere, wenn es allen gut geht, "seinen Informationswert als Zeichen von Wohlstand". "In armen Ländern hingegen gelten tendenziell dickere Frauen als schön", sagt Gründl. Sind wir nun angesichts der Wirtschaftskrise schon so weit, dass auch in den Industrienationen Übergewicht attraktiver als Untergewicht wird?

Das Comeback der Burlesque, das zurzeit in Deutschland gefeiert wird, könnte in eine solche Theorie passen. Bei der Burlesque ziehen sich oft vollschlanke, gut gepolsterte Frauen erotisch aus. In Hamburg gibt es bereits einen Club, der sich dem humorvollen Strip widmet: die Bar "Queen Calavera".

"Schüttel Deinen Speck" statt Dicken-Schelte

Auch der Pop lobt wieder das Moppelige: Das Verhältnis zu Rundungen scheint entspannter geworden zu sein. Auf seinem Erfolgsalbum "Stadtaffe" singt Peter Fox geradezu begeistert von beleibten Frauen. Sein "Schüttel Deinen Speck" ist weit weniger aggressiv als Westernhagens Song "Dicke" aus den Wohlstands-70ern.

International gilt die 28-jährige Beth Ditto als Verkörperung des neuen Dick-Chics. Die - pardon - wirklich extrem dicke Frontfrau der Punk-Band The Gossip saß schon bei Modeschauen des dürren Modeschöpfers Karl Lagerfeld oder bei Stella McCartney und Jean Paul Gaultier in der ersten Reihe. Bei Fashionshows wurde sie gelobt für ihre offene Art, die ein Bekenntnis zu mangelnder Körperhygiene und lesbischer Liebe einschließt. Die selbstbewusste XXL-Sängerin zieht sich bei Konzerten gerne aus und zeigt stolz ihren Schwabbelbauch. Am 21. Mai tritt sie in Mannheim, am 22. in Berlin und am 23. in Köln auf.

Normalos feiern Erfolge

Der trendbewusste Cond-Nast-Verlag ("Vogue") nahm Ditto vor kurzem auf das Titelblatt der neuen Zeitschrift "Love", die er in Großbritannien lancierte. Katie Grand, die Chefredakteurin, gab als Begründung an: "Wer will in Zeiten, die nicht perfekt sind, noch mit der Vorstellung von Perfektion aus den guten Tagen behelligt werden?"

Gerade in Großbritannien - dort, wo Statistiken zufolge eine der dicksten Bevölkerungen überhaupt lebt - feiern Menschen mit "Normalo"-Körpern heutzutage Erfolge. In der Casting-Show "Britain's Got Talent" war erst der Amateur-Tenor Paul Potts erfolgreich und in diesem Jahr wurde die mollige Schottin Susan Boyle gefeiert - beides Typen, die jeweils mindestens drei Magermodels aufwiegen.

Vor übergehender Hype?

Doch gibt es in der Modebranche, die den Trend zum Dürrsein so forcierte, tatsächlich eine dauerhafte Abkehr von der Magersucht? Einige Experten glauben das nicht. Die Modejournalistin Anke Schipp ("Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung") sieht in dem derzeitigen "Dick-Chic" eher einen vorübergehenden Hype wie beim Heroin-Chic Ende der 90er: "Mehr als um eine neue Wahrnehmung des Körpers, die schon in der Vorkrisenzeit in Charlotte Roches Roman "Feuchtgebiete" propagiert wurde, dürfte es sich bei dem Phänomen um eine Modeerscheinung handeln in einer gelangweilten Branche, die alles ausgereizt und derzeit eine Menge zu verlieren hat - also auf sich aufmerksam machen muss", erklärte sie.

Trotzdem: Die extrem dünnen Size-Zero-Models haben immer öfter keine Aufträge. Seit der spektakulären Verbannung von Magermodels bei Modeschauen in Madrid 2006 setzt sich eine Abkehr von allzu Dünnen durch. Auf den Laufstegen der Modemetropolen führen wieder öfter Frauen mit Normalmaßen die Designerstücke vor. Und selbst wenn sich nicht alle Veranstalter zu einem Magermodel-Verbot durchringen konnten: Verharmloser wie Karl Lagerfeld, der einst behauptete "Natürlich gibt es Mädchen, die sehr dünn sind, aber man darf nicht vergessen, dass sich der Knochenbau geändert hat", scheinen die Definitionshoheit verloren zu haben.

Quelle: Gregor Tholl, dpa