Panorama

Fünf Jahre nach Winnenden Die Angst vor dem Amoklauf bleibt

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Kreidespuren zeigen den Umriss des Amokläufers vor einem Autohaus in Wendlingen.

(Foto: dpa)

Im März 2009 erschießt Tim Kretschmer 15 Menschen und richtet sich anschließend selbst. Der Schock sitzt tief, in der Gewaltprävention hat sich seitdem einiges getan. Doch an deutschen Schulen gehen immer noch durchschnittlich eineinhalb Amokdrohungen ein - pro Tag.

"Im Klassenzimmer war es still und kalt. Die getöteten Schülerinnen saßen in ihren Bankreihen. Eine hatte noch einen Füller in der Hand, als würde sie eine Klassenarbeit schreiben. Ihr Kopf war unwirklich auf die Seite gefallen. In ihrer Stirn klaffte ein Loch. In der hintersten Reihe war ein Junge an der Wand entlang gerutscht. Als ob er mit seinem Stuhl gegautscht hätte und dabei umgekippt wäre. An der Wand hatte er einen breiten Blutstreifen hinterlassen."

An einem Mittwochmorgen um 09:30 Uhr vor genau fünf Jahren betritt Tim Kretschmer mit einer Beretta 92 und 285 Patronen im Rucksack die Albertville-Realschule in Winnenden und beginnt zu töten. Dreieinhalb Stunden dauert der Amoklauf des 17-Jährigen, der erst an seiner ehemaligen Schule wütet und sich nach einer Verfolgungsjagd bis ins 100 Kilometer entfernte Wendlingen selbst richtet. 15 Menschen finden bis dorthin durch seine Hand den Tod, die meisten von ihnen Schüler.

Das Blut in den Klassenzimmern ist noch nicht getrocknet, als der damalige baden-württembergische Innenminister eintrifft, um sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen. Als Heribert Rech wenig später zusammen mit dem zuständigen Polizeichef vor die Fernsehkameras tritt, brechen beide in Tränen aus. Es sind diese Bilder von gestandenen Männern, hilflos im Angesicht des Grauens, die sich ins kollektive Gedächtnis einbrennen.

Amokläufe sind so alt wie die Menschheit

Allein Rechs Beschreibung der Szenerie, wie eingangs aus einem Gespräch mit der "Bild"-Zeitung zitiert, lässt einem Außenstehenden das Blut in den Adern gefrieren - und kann dennoch die unvorstellbare Dimension des Grauens, dem alle Beteiligten bei so einer Bluttat ausgesetzt sind, nicht einmal ansatzweise verständlich machen. Die einhellige Meinung nach dem Amoklauf: Nie wieder Winnenden. Aber ist eine hundertprozentige Prävention überhaupt möglich?

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Einschusslöcher an einem Autohaus in Wendlingen: Über hundert Patronen verfeuerte der Täter während seines Amoklaufs.

(Foto: dpa)

"Nein", lautet das ernüchternde Urteil der allermeisten Experten. Um das zu erkennen, reicht ein Blick in die Geschichtsbücher: Schon 1913 richtete ein geistig verwirrter Lehrer an einer Bremer Schule ein Blutbad an - und das ist nur der bekannteste Amokla uf in einer ganzen Reihe von blutigen Vorfällen rund um die Jahrhundertwende. An elektronische "Killerspiele", in den vergangenen Debatten stets als Hauptschuldige ausgemacht, dachten da noch nicht einmal die kühnsten Erfinder.

Es gibt eben keine einfache Erklärung dafür, wann ein Mensch austickt und seine Wut auf die Welt an den Menschen um ihn herum auslässt. Es mag eine harte Erkenntnis sein, aber Fakt ist, dass diese Abgründe in manchen von uns schlummern. Auch deshalb lassen sich Amokläufe nicht ganz verhindern. Aber man kann die Opfer der Gesellschaft erkennen, bevor sie zu Tätern werden - denn genau das sind sie fast immer, bevor sie mit dem Töten anfangen.

Organisationen wie das "Aktionsbündnis Amok" fordern als ersten Schritt ein Verbot großkalibriger Waffen. Der Vorsitzende Hardy Schober, dessen Tochter im Kugelhagel von Winnenden starb, betont: "In Emsdetten hat der Schütze ein abgesägtes Kleinkalibergewehr verwendet, alle Angeschossenen haben überlebt." Und auch wenn die Politik das Waffenrecht als Konsequenz auf Winnenden etwas verschärft hat, kursieren allein in Baden-Württemberg immer noch rund 700.000 Pistolen und Gewehre in privaten Händen.

Damit anderen Eltern so ein Verlust erspart bleibt

Viel wichtiger als verschärfte Gesetze ist aber ohnehin die persönliche Prävention. Kein Mensch wird als Amokläufer geboren, fast immer waren die späteren Täter lange im Vorfeld verhaltensauffällig. Nicht umsonst gehen laut dem soeben erschienen Buch "Amokdrohungen und School-Shootings" täglich im Schnitt eineinhalb Amokdrohungen an deutschen Schulen ein. Auch wenn davon glücklicherweise die allerwenigsten in die Tat umgesetzt werden, sie alle sind ein stummer Schrei nach Aufmerksamkeit und Hilfe.

In Baden-Württemberg hat man sich des Problems angenommen: "Bei der Gewaltprävention hat sich eine ganze Menge getan", bilanziert Gisela Mayer vom "Aktionsbündnis Amok". "Grün-Rot hat die Zahl der Schulsozialarbeiter im Land deutlich erhöht. In diesem Jahr soll sie auf 1500 ansteigen. Auch Schulpsychologen gibt es deutlich mehr als noch zur Zeit vor dem Amoklauf", sagt Mayer, die ebenfalls eine Tochter beim Winnender Amoklauf verlor.

Mittel- und langfristige Prävention statt aktionistischer Kurzschlusshandlungen: Das Bündnis hofft, dass dieser Pionierweg auch bundesweit Anklang findet. Denn unsinnige Verbote und zu Festungen ausgebaute Schulen können Amokläufe nicht verhindern, findet auch Christoph Palm. Der Vorsitzende des damals eingerichteten Landtags-Sonderausschusses zum Amoklauf von Winnenden ist überzeugt: "Durch Hinschauen kann man die Wahrscheinlichkeit eines Amoklaufes zwar nicht auf null reduzieren, aber wenigstens minimieren."

Natürlich wird keines der 15 Opfer von Winnenden durch die neue öffentliche Wahrnehmung wieder lebendig. Aber dafür kämpfen Hinterbliebene wie Mayer und Schober auch gar nicht: Alles, was sie wollen, ist anderen Eltern einen Verlust wie den ihren zu ersparen.

Quelle: ntv.de

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