Panorama

Flugzeugabsturz vor 40 Jahren Die Tragödie von Königs Wusterhausen

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Grabstein mit den Namen der Opfer der Flugzeugkatastrophe auf dem Waldfriedhof in Wildau-Hoherlehme.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der 14. August 1972 geht als schwarzer Tag in die Geschichte der deutschen Luftfahrt ein. Bei Königs Wusterhausen stürzt eine Interflug-Maschine des Typs IL-62 ab. Sie befindet sich auf dem Weg von Schönefeld nach Bulgarien. 156 Menschen verlieren ihr Leben. Es ist das folgenschwerste Flugzeugunglück auf deutschem Boden.

Es ist am 14. August 1972 in Königs Wusterhausen, am späten Nachmittag: ein heißer Tag und schwül. Wir genießen die in der DDR üblichen achtwöchigen Sommerferien. Erst am 1. September soll der Schulbetrieb wieder losgehen. Und für unsere Familie steht die schönste Zeit des Jahres noch bevor - am nächsten Tag soll es in den Urlaub an die Ostsee gehen.

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Flugzeugteile der abgestürzten Maschine.

(Foto: picture alliance / dpa)

Meine Eltern sind im üblichen Vorbereitungsstress, sie packen die Koffer und beladen unseren Trabant. Wir Kinder stehen dabei nur im Weg. Also spielen wir auf dem Wäscheplatz vor unserem dreistöckigen Mehrfamilienhaus Fußball. Die Frauen sehen das zwar nicht gerne, aber an diesem Tag tolerieren sie unser Treiben.

Im nahegelegenen Flughafen Schönefeld - zu DDR-Zeiten trägt er die Bezeichnung "Zentralflughafen Berlin-Schönefeld" - herrscht normaler Betrieb. Starts und Landungen, ganz normal. Wir sind die lauten Geräusche gewöhnt, die von den sowjetischen Maschinen, von den TU-134, IL-18 oder IL-62 ausgehen. Debatten über Flugrouten gibt es zu dieser Zeit nicht. Königs Wusterhausen, eine Kleinstadt im Bereich der Berliner S-Bahn und dem damaligen Bezirk Potsdam zugehörend, ist ohne Flugverkehr einfach nicht vorstellbar.

Und dann ist dieses merkwürdige Geräusch in der Luft, das uns hochschauen lässt. Vor unseren Augen spielt sich eine Tragödie ab. Eine IL-62 der Interflug zieht eine schwarze Rauchwolke hinter sich her. Sie verliert dramatisch an Höhe und stürzt zwischen Königs Wusterhausen und dem Ortsteil Neue Mühle in einem Waldstück ab. Ein unvorstellbares Ereignis vor den Augen eines Elfjährigen und seiner Freunde. Ein Nachbar lädt uns in sein Auto und fährt in Richtung Rauchwolke. Auf einer Brücke, die über den Nottekanal führt, liegt ein kleines Flugzeugteil. Hinter dem Bahnhof wird gerade die Verbindungsstraße in Richtung Neue Mühle abgesperrt. Nur Rettungskräfte kommen noch durch.

Also wieder zurück. Die Bewohner unseres Hauses, dort wohnen Ärzte und Krankenschwestern mit ihren Familien, eilen ins nahegelegene Kreiskrankenhaus. Nach ein paar Stunden, am späten Abend, kehren sie zurück. Es gibt keine Überlebenden. Kurz nach Schulbeginn erzählt mir eine Klassenkameradin, ihre Schwester, die als Stewardess bei der Interflug arbeitet, hätte großes Glück gehabt. Sie sei für diesen Flug eingeteilt gewesen, habe aber aus privaten Gründen nicht arbeiten können. Eine Kollegin wäre für sie eingesprungen.

Geheimniskrämerei um Unglücksursache

Das Flugzeugunglück vor 40 Jahren war das schwerste in der Geschichte der Interflug - sogar das folgenschwerste auf deutschem Gebiet. 148 Passagiere, die Urlaub machen wollten, befanden sich an Bord der Maschine, die auf dem Weg ins bulgarische Burgas war. Sie wollten erholsame Tage am Schwarzen Meer verbringen. Dazu kamen noch acht Besatzungsmitglieder. Keiner der 156 Menschen hatte eine Überlebenschance.

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Eine IL-62 der Interflug steht in Stölln im Havelland und dient als Museum und Standesamt.

(Foto: imago/PEMAX)

Den Rettungskräften bot sich am Unglücksort ein Bild des Schreckens. Die meisten Toten befanden sich im Rumpf des Flugzeuges und waren - noch angeschnallt - bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Andere waren aus dem Flugzeug herausgeschleudert worden. Die Besatzungsmitglieder befanden sich im Seitenteil. "Zwei von ihnen sahen aus, als würden sie schlafen", sagte ein ehemaliger Helfer in einem Zeitungsinterview. Da die Maschine in ein Waldstück abgestürzt war - in unmittelbarer Nähe des Königs Wusterhausener Wasserwerks - hingen Koffer und Kleidungsstücke in den Bäumen. 60 Opfer, die nicht identifiziert werden konnten, wurden am 21. August 1972 auf dem Waldfriedhof des Wildauer Ortsteils Hoherlehme beigesetzt. Ein Gedenkstein erinnert an die Toten.

Über die Unglücksursache herrschte jahrelang Unklarheit. In der Öffentlichkeit hielt sich hartnäckig das Gerücht, die IL-62, die erst 1970 in den Dienst gestellt worden war, sei beim Durchfliegen einer selbst verursachten Treibstoffwolke explodiert. Seitens des Staates wurde dies weder bestätigt noch dementiert - bei der in der DDR herrschenden "Informations"-Politik auch kein Wunder. Ein Streit mit dem sowjetischen Hersteller und damit mit dem "großen Bruder" in Moskau sollte unbedingt vermieden werden.

Dabei lag nach bereits 1973 ein Ergebnis der eingesetzten Untersuchungskommission vor, das der Öffentlichkeit vorenthalten wurde. Demnach hatte ein Konstruktionsfehler dazu geführt, dass es im Heck der Maschine zu einem Kurzschluss kam. Dort lagerte leicht entzündliches Enteisungsmittel, und es kam zu einem Brand. Dieser blieb allerdings unbemerkt - das Heck löste sich zusammen mit dem Höhenleitwerk vom Rumpf. Die Maschine war manövrierunfähig, eine Notlandung unmöglich. Erst nach der Wende in der DDR 1989/1990 kam die wahre Ursache der Katastrophe ans Licht.

In Folge dieser Erkenntnisse wurden an den Maschinen des Typs IL-62 einige technische Veränderungen vollzogen. So wurden zusätzliche Brandmelder und ein Sichtfenster in die Trennwand zum Heckraum eingebaut. Außerdem gab es sogenannte "Klimasonderkontrollen". Für die 156 Opfer von Königs Wusterhausen kamen diese Maßnahmen zu spät.

Quelle: ntv.de, mit dpa