Panorama

"Zukunft seit 1560" Dresdner Kunstsammlungen einzigartig

05.04.2010, 15:14 Uhr

Für den legendären Kurfürsten und Kunstmäzen August der Starke war es eine Lebensaufgabe: der Erhalt und Ausbau der Kunstsammlungen in Dresden. Ihr Ruhm ist seitdem ungebrochen.

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Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden beleuchten vom 18. April 2010 an unter dem Titel "Zukunft seit 1560" ihre 450-jährige Geschichte (Foto: dpa)

Gemälde und Grafiken, Marmorbüsten und Bronzen, Preziosen und Juwelen, Möbel und Kostüme, Waffen und Rüstungen, Tafelsilber und Porzellan, Volkskunst und Ethnografica: Mit insgesamt zwölf Museen und einem in die Millionen gehenden Bestand bieten die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden eine einzigartige thematische Vielfalt. Neben dem Pariser Louvre, dem Metropolitan Museum New York und der Eremitage in St. Petersburg zählen sie zu den bedeutendsten Museen der Welt. "Sie haben sich vom Besitz weniger Menschen zum Eigentum aller entwickelt", sagt Generaldirektor Martin Roth. Ihr Ursprung liegt in der Sammlung sächsischer Kurfürsten und Könige.

Nach Angaben von Kunsthistorikerin Karin Kolb ist die 1560 gegründete Kunstkammer der Nukleus der heutigen Sammlungen. Ihre Gründung durch Kurfürst August sei in der ersten gedruckten Beschreibung eines Kunstkämmerers von 1671 erwähnt. Gesammelt wurde schon davor: Landkarten, Gemälde, Möbel, Skulpturen, Kunsthandwerk, Jagdtrophäen, Mineralien sowie Wunderwerke der Technik bildeten den Schwerpunkt. "Von Anfang an war das Bemühen, das Bedeutendste, das technologisch Fortschrittlichste, State of the art also, zu besitzen, zu sammeln und die Bestände mit Blick auf die Zukunft zu formen", erzählt Kolb.

Von Anfang an offen für Besucher

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Der "Goldene Reiter" auf dem Neustädter Markt in Dresden zeigt August den Starken in römischer Rüstung in Richtung des polnischen Königreichs reitend. (Foto: picture-alliance/ dpa)

Mit dem Aufbau der Kunstkammer folgte der sächsische Kurfürst den Tendenzen seiner Zeit. "In den Sammlungen des 16. Jahrhunderts spiegelten sich die geistigen Strömungen der Zeit, Finanzkraft und Marktlage sowie die Neigungen der Besitzer wider." Der Bestand wurde beträchtlich vermehrt, 1615 füllten die "trefflich schönen Kunst-Stücke" bereits elf Räume. Im Gegensatz zu annähernd zeitgleich entstandenen Sammlungen war die Dresdner Kunstkammer von jeher auch Besuchern zugänglich, wenn auch anfangs nur mit Genehmigung des Kurfürsten. Verzeichnete das Besucherbuch 1642 nur 120 Gäste, so waren es 1684 bereits 800: Fürsten, Adlige, Diplomaten, Gelehrte, Studenten und Kaufleute.

Inzwischen besichtigen rund zwei Millionen Menschen pro Jahr die Schätze. Schon im Barock gab es mehrsprachige Sammlungsführer durch die bereits international bekannte Sammlung der herrschenden Wettiner. Das sogenannte Augusteische Zeitalter - die Regierungszeit August des Starken und seines Sohnes August III. - war die Blütezeit der Kunstsammlungen, ihr Ruhm ist seitdem ungebrochen. Kaum ein namhafter Künstler und Gelehrter kam um einen Besuch herum.

Adlige kauften weltweit auf Reisen ein

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Das Dresdner Kupferstich-Kabinett wurde von den deutschen Kunstkritikern zum "Museum des Jahres 2008" gewählt. (Foto: picture-alliance/ dpa)

Für den legendären Kurfürsten und leidenschaftlichen Sammler August der Starke (1670-1733) waren Erhaltung und Vermehrung des reichen musealen Erbes Lebensaufgabe. Mit fortschreitender Spezialisierung der Wissenschaft löste er Genres und Gattungen aus der Kunstkammer heraus, etablierte sie als Spezialsammlungen in Galerien und Kabinetten. In seinem Auftrag kauften Adlige auf Reisen in der ganzen Welt ein.

Sein Sohn Kurfürst August III. strebte später danach, die schönsten, besten und bedeutendsten Bilder zu ergattern. Im Schloss wurden Räume mit Gemälden und Skulpturen und die Schatzkammer eingerichtet, der Zwinger zum "Palais des sciences". Für das Porzellan sah August der Starke ein eigenes Palais vor und für die Gemälde einen extra Komplex am Zwinger.

Wie auch andere höfische Sammlungen wurden die Bestände auch mehrfach dezimiert: Verluste entstanden in und nach Kriegen, durch Verkäufe, Verpfändungen, Einschmelzung und anderweitige Nutzung mangels Wertschätzung, durch Diebstahl oder Beschlagnahmung. "Mitte des 19. Jahrhunderts wurden viele Gemälde versteigert, weil deren Künstler nicht mehr geschätzt waren", sagt Kolb. Nach dem Zweiten Weltkrieg brachten Trophäenkommissionen der Sowjetarmee tausende Schätze gen Osten, Jahre später kehrte das meiste davon zurück. "Für die Psyche der Dresdner war der Akt der Rückgabe lebensrettend und bestimmte wesentlich den Mythos Dresden", so Kolb.

Großteil erstrahlt in altem Glanz

Zwinger
Der Zwinger wurde unter Kurfürst August III. zum "Palais des sciences". (Foto: picture-alliance/ dpa)

Seit der Wende werden auch die einstigen Domizile der Museen mit Millionenaufwand rekonstruiert: Sempergalerie, Zwinger, Schloss und Albertinum. Die Flutkatastrophe 2002 sorgte für einen Rückschlag und Schäden von rund 20 Millionen Euro in den Museen. Die Kunst aber konnte gerettet und restauriert werden. Bis 2013 sollen noch die Rüstkammer mit mehreren Präsentationen ins Schloss zurückkehren und die einstigen Paraderäume August des Starken wiederentstehen. Das Albertinum als Ausstellungsgebäude der Galerie Neue Meister und der Skulpturensammlung mit einem hochwassersicheren Kunstdepot öffnet im Juni.

Baulich sind damit rund 80 Prozent wiederhergestellt. "Damit ist wiedererrichtet, was vor zwei Generationen zerstört wurde", sagt Generaldirektor Roth. Dafür kämpfen die Museen seit Jahren mit neuen Problemen: finanzielle Kürzungen, fehlende Ankaufsetats und die Auswirkungen der Wirtschaftskrise. So gibt es zwar modernste Werkstätten, aber festangestellte Experten fehlen. Bei den Wissenschaftlern sinkt die Stellenzahl seit Jahren. Viele Spezialisten arbeiten nur mit Zeitverträgen oder projektbezogen.

Quelle: Simona Block, dpa