Panorama

Genießt das Leben Ein Brief von 1941 rührt Belgien

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Die Männer schrieben auf dem braunen Papier ihrer Abrechnungszettel.

(Foto: AG VESPA)

In Antwerpen ist bei der Sanierung der berühmten St.-Jakobskirche im Gewölbe eine alte Streichholzschachtel gefunden worden, die eine 79 Jahre alte Botschaft von vier Handwerkern enthielt. Sie rieten der Nachwelt: "Genießt das Leben in vollen Zügen."

Als 1940 die Feierlichkeiten zum 300. Todestag von Peter Paul Rubens (28. Juni 1577 bis 30. Mai 1640) anstanden, plante Antwerpen eine Fülle von Veranstaltungen und Ausstellungen. Auch die St.-Jakobskirche, in der sich das Grab des flämischen Barockmalers befindet, sollte dazu herausgeputzt werden. Ein massives Rollgerüst, das mit Pferden bewegt werden musste, wurde aufgebaut, Wände und Säulen restauriert. Nun war die Decke an der Reihe.

Inzwischen hatte die deutsche Wehrmacht Belgien überfallen und besetzt. Der Kirche ging das Geld aus, die Sanierungsarbeiten ruhten ein gutes Jahr. Die Stadt sollte finanziell einspringen. "Die Verhandlungen dauerten bis zum Mai 1941. Da waren die Rubens-Gedenkfeiern längst vorbei", berichtete der Historiker Werner Pottier vom Stadtarchiv Antwerpen ntv.de. Schließlich sagte die Kommune Hilfe zu, die Arbeiten konnten weitergehen.

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In diesem Schlussstein verbarg sich die Streichholzschachtel.

(Foto: AG VESPA)

Die Stadt stellte vier ihrer Beschäftigten ab: Jules Gijselinck, Jan Janssen, Louis Chantraine und Jan Juliaan Van Hemeldonck, drei Maler und ein Steinmetz. Sie machten sich daran, die Decke aufzuhübschen. Das Quartett verrichtete aber nicht nur sein Werk - es hinterließ auch ein ganz eigenes: Im Schlussstein eines Gewölbes - er bildet das Ende der Stelle, an der sich die tragenden Streben kreuzen - hinterließen die Handwerker der Nachwelt in einer Streichholzschachtel eine Botschaft. Sie wurde im Oktober - als schließe sich ein Kreis - bei der neuerlichen Restaurierung der Kirche entdeckt und bewegt nun ganz Belgien. Der Wissenschaftler nennt das Schriftstück "einen Edelstein im Schlussstein".

Rat an die Nachkommen

Auf zwei Papieren ihres Arbeitgebers schrieben die vier: "Im Jahr 1941 wurde die Kirchendecke im Auftrag der städtischen Gebäudeverwaltung mithilfe eines 26 Meter hohen beweglichen Gerüsts gestrichen. Wenn sie erneut renoviert wird, werden wir nicht mehr auf dieser Erde sein; wir müssen unseren Nachkommen sagen, dass wir kein vergnügliches Leben hatten. Wir haben zwei Kriege mitgemacht, einen 1914 und den anderen 1940, das ist allerhand!!!" Es folgte eine Klage: "Wir schuften hier für wenig zu beißen, sie beuten uns für das bisschen Essen bis auf den letzten Cent aus."

Der Verfasser wechselte danach kurz in die Ich-Form: "Ich gebe unseren Nachkommen den guten Rat, für den Fall eines weiteren Krieges zu Lebzeiten für einen guten Vorrat daheim zu sorgen. Dazu gehören Reis, Kaffee, Mehl, Weizen und Korn, um euch am Leben zu halten!!! Genießt das Leben in vollen Zügen, probiert das eine oder andere Liebchen aus. Den Verheirateten raten wir: Achtet auf euren Hausstand!!! Salut, Männer!!!" Der Text endet mit "Niedergelegt am 21. Juli des Jahres 1941 von den Malern der städtischen Gebäudeverwaltung." Unterzeichnet haben alle vier Handwerker. Die Schreibweise der Namen weicht teilweise von der heutigen ab.

Das Datum ist kein Zufall. Es ist der Nationalfeiertag, an dem die Belgier jedes Jahr der Vereidigung ihres ersten Königs, Leopold I., am 21. Juli 1831 gedenken. "Die deutschen Besatzer verboten das Feiern des Nationalfeiertags", berichtet Pottier, der die Hintergründe der Botschaft erforscht hat. "Auch für die Männer in der St.-Jakobskirche gab es keine Party, die Arbeit ging einfach weiter", meinte der Historiker. "Als die Männer ihre Nachricht schrieben, war Antwerpen schon mehr als ein Jahr besetzt, die Versorgung mit Lebensmitteln ins Stocken geraten und die Preise auf dem Schwarzmarkt gestiegen." Pottier zufolge standen die Belgier oft vor der Frage, entweder zu hungern oder viel Geld für wenig Essen auszugeben.

Der Archivar bezeichnete es als "recht einfach", das Quartett ausfindig zu machen. "Da die vier Männer Angestellte der Stadt waren, konnte ich sie über die Personalakten unseres Archivs identifizieren", erklärte Pottier. Über Vergleiche von Schriftproben aus alten Dokumenten "lässt sich der Schluss ziehen, dass wahrscheinlich Van Hemeldonck den Brief geschrieben hat". Gijselinck arbeitete ab 1920 in Antwerpen als Klempner. Neun Jahre später ließ er sich zum Steinmetz ausbilden. Den Beruf übte er jedoch nicht lange aus, weil er, wie aus einem Dokument hervorgeht, in Schul-Toiletten Kalkstein reinigen musste, "in den die Pisse zu tief eingedrungen ist". Er wurde wieder Klempner und später Maler.

Verblasste Erinnerungen

Die Äußerungen der Männer zum Krieg nannte Pottier einen Euphemismus, also beschönigend. "Jul Gijselinck und Louis Chantraine wussten, worüber sie reden." Der Wissenschaftler fand nach eigenen Angaben heraus, dass Gijselinck - 1941 mit 44 Jahren der Älteste der vier Handwerker - wohl zu den 32.000 Belgiern gehörte, die sich zu Beginn des Ersten Weltkrieges freiwillig zum Militär meldeten. "Mit 17 Jahren kam er an die Front, wo er die gesamte Kriegszeit verbrachte". Der Vater von Chantraine starb seinen Recherchen zufolge im November 1915 in Kriegsgefangenschaft, als Louis zweieinhalb Jahre alt war.

Der Satz "Wenn sie (die Kirche) erneut renoviert wird, werden wir nicht mehr auf dieser Erde sein" sollte sich bewahrheiten. Allerdings: "Alle überlebten den Zweiten Weltkrieg und wurden zwischen 1962 und 1978, meistens im Alter von 65 Jahren, in den Ruhestand versetzt", erzählte Pottier. Womöglich verrieten sie niemandem von der Botschaft und nahmen das Geheimnis mit ins Grab. "Wir haben keine Informationen darüber, dass Personen von dem Brief wussten und das Versteck kannten. Die einzige Verwandte, die wir bisher fanden, ist eine Enkelin von Louis Chantraine." Deren Erinnerungen an den Großvater seien verblasst, von dem Schreiben unter der Kirchendecke habe sie nichts gewusst.

Der Brief hat die Öffentlichkeit im hart von der Corona-Pandemie getroffenen Belgien gerührt, weil er ebenfalls aus schweren Zeiten stammt. "Es ist doch was Besonderes, eine Botschaft zu finden, die einen Bezug zu der Zeit hat, in der wir heute leben", sagte Birgit Van de Leest, die Leiterin der laufenden Restaurierungsarbeiten in der St.-Jakobskirche. So hätten es viele Leute empfunden. Sie betont aber: "Es wäre stark übertrieben, die deutsche Besatzung mit den gegenwärtigen Umständen zu vergleichen." Eine Parallele sieht sie allerdings "bei der Art und Weise, wie Menschen versuchen, mit Unsicherheiten umzugehen".

Der Pfarrer des Gotteshauses, Bischofsvikar Bruno Aerts, zog einen Vergleich zu heute mittels Fragen. "Wann kehrt die Normalität zurück? Wo ist Hoffnung? Mit diesem Zustand müssen wir leben." Das zeithistorische Dokument wird nach Angaben von Van de Leest Teil einer Ausstellung im Jahr 2022 und kommt danach ins Stadtarchiv. Die Handwerker sollen eine Kopie des alten Schreibens sowie einen neuen Brief im Deckenbereich hinterlassen. Van de Leest sagte: "Das neue Versteck bleibt ebenso geheim wie der Inhalt des Briefes von 2020."

Quelle: ntv.de