"German Angst"Ein umstrittenes Phänomen
Schwer erklärliche emotionale Verhaltensweisen Deutscher werden häufig als eine Nachwirkung der NS-Zeit, zum Teil auch als Einfluss der Medien gedeutet.
Schwer erklärliche emotionale Verhaltensweisen Deutscher werden häufig als eine Nachwirkung der NS-Zeit, zum Teil auch als Einfluss der Medien gedeutet. Ein Beispiel ist immer wieder ein Phänomen, das erstmals in den achtziger Jahren Briten und Amerikaner "German Angst" und Franzosen "l'angst" nannten. Es ging damals vor allem um die in Deutschland grassierende Furcht vor dem Atomtod und dem "Waldsterben", sogar vor maschinenlesbaren Personalausweisen und Hormonkälbern. Ihr folgten die vor der Rinderseuche BSE und der Vogelgrippe, vor kriminellen Ausländern und Jugendlichen.
Der Professor für Allgemeine Soziologie an der Universität Marburg, Dirk Kaesler, hält "die ewige Wiederkehr" von Berichten über eine spezifisch deutsche Angst allerdings für eine "Mär" - "vor allem von den Medien lustvoll immer wieder neu aufgewärmt", wie er der Deutschen Presse-Agentur dpa sagte. Er vermutet, dass Angst in allen modernen Gesellschaften gleich häufig verteilt ist. Er räumt ein, dass im Unterschied dazu ganz alltägliche, normale "Sorgen" möglicherweise hierzulande häufiger seien, was nach seiner Auffassung auch mit spezifischen deutschen kollektiven Erfahrungen in der Vergangenheit zu tun hat. Die "Beschwörung" einer "German Angst" diene wohl mehr "der Besänftigung der Sorgen von Redaktionen um die Umsätze", meint Kaesler.
Eine Autorin der evangelischen Zeitschrift "Zeitzeichen" (Berlin) hat in eigenen Erlebnissen jedoch Bestätigungen für eine besondere deutsche Angst gefunden. Überschrift ihres Beitrags: "German Angst - Kollektive Ängste lähmen die Zukunftsfähigkeit unseres Landes". Sabine Bode, die 2004 ein Buch über die Kriegskinder, "Die vergessene Generation", veröffentlichte, macht einen wesentlichen Faktor in den "Schatten der Vergangenheit" aus: Sie behinderten einen unerschrockenen Blick in die Zukunft. Bode sieht in kollektiven Ängsten "tief sitzende Verlustängste" aus einer Epoche, in welcher der größte Teil unserer Bevölkerung noch nicht auf der Welt war.
Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz (TU Berlin) sagte kürzlich in der täglichen "Die Frage"-Rubrik der "Süddeutschen Zeitung" zur Frage "Neigen die deutschen zur Panikmache?", dass wegen der im internationalen Vergleich besonderen Ängstlichkeit der Deutschen "auch die Angstindustrie hier wesentlich besser" funktioniere. "Die Medien schüren Ängste vor dem Ungreifbaren, wie etwa Strahlungen, irgendwelche Erreger und Infektionskrankheiten oder die Unvorhersehbarkeit eines Terroranschlags."
Der Hamburger Soziologieprofessor Rolf von Lüde verweist auf die wissenschaftliche Vorstellung einer "emotionalen Konstruktion der Wirklichkeit", die durch Erfahrung im Umgang mit Menschen und Situationen erlernt und ausgebildet wird. Sie hilft, schwierige Situationen emotional zu "rahmen", wie er der dpa sagte, indem wir etwa mit Freude oder Angst reagieren.
Auch unbewusst erlernte emotionale Verhaltensweisen seien auf den Einfluss der sozialen Umwelt zurückzuführen. "Erst dadurch wird plausibel, dass es auch kollektive oder gar nationale Formen des emotionalen Verhaltens gibt, und erst dadurch wird überhaupt erklärbar, wie Phänomene wie die "German Angst" entstehen und transgenerativ von einer Generation zur anderen weitergegeben werden."
Die Forschung zeigt, dass Emotionen durch Einschätzungen und Bewertungen entstehen. Angst entsteht beispielsweise dann, wenn wir Ereignisse erwarten, die vermutlich unerwünschte Folgen für uns haben. Im Laufe der Sozialisation lernen und übernehmen wir, wie Rolf von Lüde hierzu ausführt, eine Reihe von Verhaltensweisen und auch bestimmte Muster von Einschätzungen. "Neigen Eltern und andere Bezugspersonen dazu, unsichere Zukunftserwartungen, bestimmte Lebensumstände oder gesellschaftliche Entwicklungen generell negativ einzuschätzen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auch die Kinder diese Einschätzungsmuster übernehmen und mit diffusen Angstgefühlen reagieren."
Die Menschen in den relativ jungen Staaten USA und Australien gelten als verhältnismäßig wenig zu Angstgefühlen neigend. Hauptgründe werden in einer vorherrschenden positiven Zukunftsorientierung und einem Machbarkeitsdenken gesehen.
Von Rudolf Grimm, dpa