Panorama

Suche nach der Wurzel des Übels Erste Sprossen-Proben ohne EHEC

Nach Einschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung handelt es sich bei den EHEC-Infektionen um den "größten bakteriellen Ausbruch" der Nachkriegszeit in Deutschland. Präsident Hensel äußert sich bei n-tv "nicht so optimistisch", dass die Quelle identifiziert werden kann. Derweil sind die ersten 23 Sprossen-Proben aus dem verdächtigen Betrieb in Niedersachsen EHEC-frei.

Erste Labortests von Sprossen aus einem niedersächsischen Saatgutbetrieb haben nach amtlichen Angaben noch keinen Nachweis von Erregern der lebensgefährlichen EHEC-Darminfektionen erbracht. Dennoch vermutet das Verbraucherministerium in Hannover weiter, dass Sprossen dieses Betriebes Auslöser der EHEC-Epidemie mit bislang mehr als 20 Toten sind. "Wir halten an dem Verdacht fest", sagte Ministeriumssprecher Gert Hahne nach Veröffentlichung der Untersuchungsergebnisse; die Untersuchungen seien noch nicht abgeschlossen.

Zuvor hatte schon die Hamburger Gesundheitsbehörde mitgeteilt, dass auf acht in der Hansestadt untersuchten Sprossen-Proben keine EHEC-Darmkeime entdeckt wurden. Fünf der Proben stammten aus dem inzwischen gesperrten Betrieb im niedersächsischen Bienenbüttel.

Der Gärtnerhof im Kreis Uelzen war nach einer Analyse von Lieferwegen als Ausgangspunkt des aggressiven Darmkeims ins Visier geraten. "Unsere Kausalkette ist wasserdicht und plausibel. Sie reißt nicht ab", begründete Hahne den auch nach den negativ ausgefallenen Laboruntersuchungen aufrecht gehaltenen Verdacht. Seinen Angaben zufolge wurden zahlreiche Proben aus dem Saatgut, dem Wasser, der Belüftung und von Arbeitstischen des betreffenden Betriebes genommen.

Die Sprossen waren direkt oder über Zwischenhändler an Gastronomiebetriebe in Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Hessen und Niedersachsen geliefert worden, wo es in den vergangenen Wochen gehäuft zu Infektionen kam. Betroffen waren unter anderem ein Golfhotel im Kreis Lüneburg, ein Restaurant in Lübeck sowie Kantinen in Darmstadt und Frankfurt am Main. Zudem litt eine Mitarbeiterin des Biohofs unter dem durch EHEC ausgelösten blutigen Durchfall, der in der schweren Form HUS Nierenversagen und Hirnstörungen nach sich ziehen kann.

Nach Angaben des Geschäftsführers wird auf dem Hof kein tierischer Dünger verwendet. Erkenntnisse erhoffen sich Experten nun von Bürgern, die noch verdächtige Sprossen-Mischungen zu Hause hatten. In Hamburg wird für Dienstag das Ergebnis einer solchen Probe erwartet.

Laut Ministerium ist "ein kurzfristiger Abschluss der Untersuchungen und der Kontaminationsabklärung" jedoch nicht zu erwarten. Die Behörden hatten sich von den Untersuchungen mehr Klarheit hinsichtlich der Quelle der EHEC-Epidemie erhofft, an der in Deutschland inzwischen mindestens 21 Menschen starben.

"Wir wissen, was wir zu tun haben"

Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), sprach bei n-tv vom "größten bakteriellen Ausbruch" in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Seinen Worten zufolge sind die Fachleute aber gut aufgestellt: "Es ist ja nicht so, dass wir nicht wissen, was wir zu tun haben. Wir haben im Jahr etwa eine Million Lebensmittelvergiftungen in Deutschland und die werden üblicherweise nachgesucht und wir werden auch in den allermeisten Fällen zumindest in der Lage sein, solche Infektionswege aufzuklären. Das dauert allerdings, das muss man sagen. Das dauert auch üblicherweise lange und nicht nur in Deutschland, sondern auch weltweit."

Laut Hensel werden trotz aller Untersuchungen bei bakteriellen Ausbrüchen in drei von vier Fällen die Erreger nicht gefunden. "Wir müssen glücklich sein, wenn wir vielleicht die Ausbruchsquelle in diesem Ausbruchsgeschehen identifizieren können. Aber ich wäre da grundsätzlich nicht so optimistisch."

Der Leiter des Nationalen Referenzlabors für Escherichia coli, Lothar Beutin, verwies auf einen EHEC-Ausbruch in Japan 1996 durch Rettichsprossen, bei dem sich rund 11.000 Menschen infiziert hätten. Damals konnten EHEC-Keime beim verdächtigen Unternehmen nicht nachgewiesen werden, sondern lediglich in Haushalten.

Nichts ist außer Verdacht

Die negativen Tests bedeuten nicht, dass die Sprossen außer Verdacht sind. "Solange der Verdacht nicht vollständig ausgeräumt ist" hält es Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) für richtig, an dem Verzehrhinweis festzuhalten.

Ebenso bleibt die Warnung des Berliner Robert-Koch-Instituts vor dem Verzehr roher Blattsalate, Tomaten und Gurken bestehen. Derzeit sei kein Nachweis erbracht, dass es sich bei Sprossen um die einzig wahrscheinliche Quelle für Erkrankungen durch den lebensgefährlichen Darmkeim handele, hatte zuvor Aigners Ministerium in Berlin betont.

Niedersachsens Landwirtschaftsminister Gert Lindemann (CDU) hatte am Sonntag die Öffentlichkeit informiert, dass Sprossengemüse des Biohofs möglicherweise mit dem aggressiven Darmkeim verseucht sein könnte. Dabei stützte er sich auf Indizien. Der Hof vertreibt teils über Zwischenhändler 18 verschiedene Sprossenmischungen an Reformhäuser, Einzelkunden und Großhändler, die Restaurants und Kantinen beliefern.

Stuhlproben ohne Befund

Einer der Abnehmer des Biohofs ist das Lübecker Restaurant "Kartoffelkeller", von dessen Gästen 17 an Durchfall erkrankt waren. Wie Restaurant-Betreiber Joachim Berger sagt, wurden inzwischen alle Sprossenvorräte versiegelt oder vernichtet.  Das Gesundheitsamt Lübeck nahm außerdem eine Lebensmittelprobe.

Die Stuhlproben der Restaurant-Mitarbeiter sind ohne EHEC-Befund. "Die Proben der elf Mitarbeiter in der Küche, die direkten Kontakt mit den Lebensmitteln haben, sind negativ", so Berger.

"Ein bisschen unglücklich"

Verbraucherschützer übten unterdessen Kritik an der niedersächsischen Informationspolitik. "Es ist ein bisschen unglücklich, wenn einzelne Landesminister dann vorpreschen mit Befunden", sagte der Leiter des Fachbereichs Gesundheit und Ernährung beim Verbraucherzentrale Bundesverband, Stefan Etgeton, dem Deutschlandfunk.

"Ich hätte mir gewünscht, die Information wäre vom Robert-Koch-Institut ausgegangen", sagte Etgeton. In solchen Fällen sei es wichtig, dass die Dinge gemeinsam kommuniziert und auch eingeordnet würden. "Ich hätte mir gewünscht, dass die Kommunikation möglichst von einer legitimierten Organisation auf Bundesebene ausgeht."

Bereits zuvor habe es Unklarheiten und Unstimmigkeiten bei Verzehrwarnungen gegeben, kritisierte Etgeton. Als Grund nannte er untere anderem, dass die Lebensmittelüberwachung in Deutschland sehr zersplittert sei. Sie sei teils auf regionaler Ebene unterschiedlich organisiert. "Da gibt es einiges, was man besser machen kann." Auch Grüne und SPD hatten das Krisenmanagement scharf kritisiert. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) sagte dagegen, er sehe "derzeit keinen Hinweis darauf, dass die Systeme und Regeln, die wir haben, nicht funktionieren".

Etgeton forderte, einige Kompetenzen auf Landes- oder Bundesebene anzusiedeln. Die Imbissbude um die Ecke oder den Bauer von Ämtern vor Ort untersuchen zu lassen, sei gut. Er stellte aber infrage, ob es sinnvoll ist, etwa den Frankfurter Flughafen oder Großhändler von örtlichen Behörden kontrollieren zu lassen.

EHEC-Scheitelpunkt noch nicht erreicht

Derzeit sind bundesweit mehr als 2700 EHEC-Fälle und -Verdachtsfälle registriert sowie mehr als 650 HUS-Fälle und Verdachtsfälle. Unterdessen steigen die Infektionszahlen weiter an. In Niedersachsen wurden am Montag 503 EHEC-Fälle und -Verdachtsfälle gezählt, 45 mehr als am Samstag. "Der Scheitelpunkt ist leider noch nicht erreicht", sagte der Sprecher des niedersächsischen Gesundheitsministeriums, Thomas Spieker.

Die ebenfalls schwer betroffenen Länder Hamburg und Schleswig-Holstein meldeten eine leichte Entspannung, weil die Zahl der EHEC-Erkrankungen nun zumindest langsamer als noch in der vergangenen Woche steigt. In Hamburg wurden bis Montagvormittag 849 EHEC-Fälle oder -Verdachtsfälle gemeldet, 79 mehr als vor zwei Tagen. Schleswig-Holstein meldete 554 bestätigte EHEC-Infektionen bis Sonntagabend, 37 mehr als am Donnerstag. Das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) berichtete, erstmals seit dem Beginn der EHEC-Welle seien mehr Patienten nach Hause entlassen worden als neue aufgenommen wurden.

Aigner: Das ist ein europäisches Problem

Außerhalb Deutschlands gibt es in Europa bisher rund 100 nachgewiesene EHEC- und HUS-Fälle in elf Ländern - in allen Fällen bis auf einen gibt es nach Informationen des Europabüros der Weltgesundheitsorganisation Verbindungen nach Deutschland. Verbraucherschutzministerin Aigner forderte eine europoaweite Lösung, "weil wir ein europaweites Problem haben".

Quelle: ntv.de, dpa/rts

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