Panorama

Frankreichs abgelaufene WarenEssen aus zweiter Hand

14.03.2009, 11:09 Uhr

In Frankreich können Waren mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum verkauft werden. In Krisenzeiten nehmen die Franzosen dieses Angebot dankend an.

Die Wirtschaftsflaute zwingt auch das Land der Haute Cuisine und Spitzenköche zum Sparen am Essen: In Frankreich haben derzeit Lebensmittelläden Konjunktur, die fast oder vollständig abgelaufene Ware zu Schnäppchenpreisen anbieten. Die Märkte sprießen wie Pilze aus dem Boden, die Restposten-Kette Noz umfasst bereits 160 Märkte und eröffnet derzeit pro Monat zwei neue Filialen. Angst um ihre Gesundheit haben die Franzosen dabei kaum - was zählt, ist das gesparte Geld.

Ein Viererpack Markenjoghurt für 1,69 Euro und fast abgelaufenes Fleisch zum halben Preis. "Solange es keine Eier sind, schaue ich gar nicht auf das Datum", sagt Fatima Mslla, die in einem Schnäppchenmarkt in einem Vorort von Paris gerade für hundert Euro Lebensmittel für zwei Wochen eingekauft hat. "Jetzt in der Krise haben wir nun mal keine andere Wahl." Auch Familienvater Sad Benamida kauft in dem Markt in Argenteuil nördlich von Paris ein. "Mit einem Lohn von rund 1000 Euro im Monat muss ich aufpassen", sagt Benamida und räumt die erstandenen Billigprodukte in seinen Kofferraum.

Abgelaufene Mindesthaltbarkeit erlaubt

In Frankreich dürfen Lebensmittel nach dem Ende des Mindesthaltbarkeitsdatums noch verkauft werden. Ist dieses Datum überschritten, können die Lebensmittel an Qualität und Geschmack verlieren, sind jedoch nicht automatisch gesundheitsgefährdend. Die meisten Supermärkte nehmen die Ware jedoch kurz vor Ablauf der Mindesthaltbarkeit trotzdem aus dem Sortiment - davon profitieren nun die Schnäppchenmärkte. Anders ist es beim Verfallsdatum, das auf Frischwaren wie Fleisch oder Milchprodukten vermerkt ist. Ist dieses abgelaufen, dürfen die Waren nicht mehr abgegeben werden.

Viele Franzosen sparen in Zeiten von Arbeitslosigkeit und Rezession am Essen, um bei anderen Verpflichtungen nicht kürzertreten zu müssen. So will die Familie Medjaoui dem ältesten Sohn weiterhin das Studium finanzieren. "Dafür schränken wir uns bei anderen Sachen ein", sagt die Mutter und ihre 19-jährige Tochter ergänzt: "Natürlich laufen die Sachen hier bald ab, aber wir essen sie ja schnell."

Manche Geschäfte gehen sogar noch weiter und verkaufen Waren, deren Mindesthaltbarkeitsdatum nicht nur in einigen Tagen abläuft, sondern lange überschritten ist. So verkauft ein Markt in Troyes rund 200 Kilometer östlich von Paris Nudeln, Kekse oder Getränke, deren Mindesthaltbarkeitsangabe seit Monaten abgelaufen ist - dafür kosten die Waren teils nur ein Drittel der in normalen Supermärkten üblichen Preise. "In mein Geschäft kommen vor allem Rentner und Menschen, die zwar zu viel verdienen, um staatliche Unterstützung zu bekommen, aber trotzdem aufpassen müssen", sagt die Inhaberin.

Nachfrage steigt in Krisenzeiten

Die Märkte werden von der Verbraucherschutzbehörde DGCCRF beaufsichtigt und regelmäßig kontrolliert. "Wir arbeiten mit der Behörde zusammen", sagt Rmy Adrion, Chef der Kette Noz. "Sie informieren uns, wenn es Probleme gibt oder sagen uns, was wir verkaufen dürfen und was nicht."

Die Nachfrage nach solchen Angeboten steigt stetig und in Internetforen tauschen die Nutzer emsig Adressen der Märkte aus. Raphal Berger vom Forschungszentrum Credoc sieht in den Märkten indes nur ein vorübergehendes Phänomen: "Diese Läden profitieren in diesen wirtschaftlich rauen Zeiten von der Jagd nach den niedrigsten Preisen - sie sind noch billiger als Discountmärkte", sagt Berger. "Nichts spricht dafür, dass sie noch so häufig besucht werden, wenn sich die Wirtschaft wieder etwas erholt hat."