Panorama

Vulkanasche über Europa - Zehntausende Urlauber gestrandet Flughäfen bis 20.00 Uhr dicht

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Flugzeug mit abgedeckten Triebwerken auf dem Vorfeld des Flughafens Köln/Bonn.

(Foto: dpa)

Wohl noch nie hat eine Naturgewalt Mensch und Maschinen so in die Schranken gewiesen: Die Aschewolke des isländischen Vulkans macht das Fliegen über fast ganz Europa weiter unmöglich. Der deutsche Luftraum bleibt mindestens bis zum heutigen Sonntag 20.00 Uhr gesperrt. Wetterexperten rechnen mit einer anhaltenden Aschewolkebelastung in Europa. Derweil sind zehntausende Urlauber in ganz Europa gestrandet. Auch Bundeskanzlerin Merkel ist bei ihrer Rückreise aus den USA nach Deutschland vom Pech verfolgt.

Das Luftfahrt-Chaos wegen der Aschewolke über Europa hat sich deutlich ausgeweitet. Der Luftraum über Deutschland bleibt wegen der Asche-Wolke des isländischen Vulkans nun bis 20.00 Uhr gesperrt. Dies beschloss die Deutsche Flugsicherung nach Angaben einer Sprecherin.

Wegen der gigantischen Asche-Wolke ist der Flugverkehr in weiten Teilen Europas seit Tagen lahmgelegt. Zuletzt sollte der Luftraum über den 16 internationalen Flughäfen in Deutschland bis Sonntag 14.00 Uhr gesperrt bleiben.

Merkels Odyssee durch Europa

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Reifenwechsel am Bus von Merkels Delegation.

(Foto: dpa)

Bundeskanzlerin Angela Merkel wird auf dem Rückweg von ihrer USA-Reise regelrecht vom Pech verfolgt. Nachdem die Aschewolke des isländischen Vulkans über Europa einen direkten Rückflug nach Deutschland verhindert hatte, wurde Merkels Delegation am Samstagabend auf der Autobahn kurz vor Florenz durch eine Reifenpanne gestoppt.

Betroffen war ein Bus der Delegation. Da die Fahrzeuge im Konvoi - begleitet von Polizei mit Blaulicht - unterwegs waren, hielt auch Merkels gesicherte Limousine mit eingeschalteter Warnblinkanlage auf der rechten Fahrspur der Autobahn, die keinen Standstreifen hatte. Merkel wartete dann allerdings nicht ab, bis die Reifenpanne behoben war. Sie fuhr mit dem Wagen schon einmal vor in Richtung Bozen.

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Merkel begrüßt nach der Landung in Rom Mitarbeiter der deutschen Botschafter in Italien.

(Foto: dpa)

Die Kanzlerin war am Freitag zunächst in die portugiesische Hauptstadt Lissabon geflogen und hatte dort übernachtet. Ein Weiterflug nach Deutschland war nicht mehr möglich. Von Lissabon aus ging es am Samstag weiter nach Rom. Dort war der Luftraum nicht gesperrt. Auf dem Landweg wollten Merkel und ihre Delegation dann nach Bozen in Südtirol fahren und dort ein weiteres Mal übernachten. An diesem Sonntag soll dann die letzte, rund 900 Kilometer lange Etappe nach Berlin angetreten werden.

Wegen der aktuellen Vorkommnisse sagte Merkel ebenso wie US-Präsident Barack Obama ihre Reise am Sonntag zur Trauerfeier für Polens Präsident Lech Kaczynski nach Krakau ab.

Guttenberg nach Deutschland unterwegs

Derweil hat Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) nach dem erzwungenen Zwischenstopp in der Türkei Istanbul in Richtung Deutschland verlassen. Das teilte das Verteidigungsministerium in Berlin mit. Nähere Angaben wurden unter Hinweis auf die Sicherheit des Ministers nicht gemacht. So blieb offen, mit welchem Transportmittel Guttenberg unterwegs war.

Guttenberg hatte nach einem Truppenbesuch in Afghanistan mit seinem Flugzeug fünf verletzte Bundeswehrsoldaten nach Istanbul gebracht. Ein Direktflug nach Deutschland war wegen der Sperrung des Luftraums nicht möglich. Zwei schwer verletzte Soldaten sollten noch in Istanbul operiert werden. Die drei Leichtverletzten seien transportfähig und würden mit der nächsten Fluggelegenheit nach Deutschland gebracht, sagte Guttenberg vor seiner Abreise in Istanbul.

Zehntausende Touristen sitzen fest

Das Chaos im Luftverkehr stellt tausende Touristen in Spanien auf eine Geduldsprobe. Auf den Kanarischen Inseln hängen rund 20.000 Urlauber fest, wie die staatliche Flughafenbehörde AENA mitteilte. Allein auf Teneriffa warteten rund 13.000 Menschen vergeblich auf die Abreise. Insgesamt verbuchte die AENA bislang 275 ausgefallenen Starts und Landungen auf den Kanaren.

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Am Flughafen in München

(Foto: dpa)

Auf Mallorca und den übrigen Balearen-Inseln saßen ebenfalls tausende Touristen fest. Die gestrichenen Starts und Landungen trafen nach Angaben von AENA rund 35.000 Reisende. Auf dem Flughafen Son Sant Joan in Palma bildeten sich lange Schlangen vor den Schaltern. "Dieser Flughafen ist auf so große Wartezeiten nicht vorbereitet", sagte eine entnervte deutsche Urlauberin der Zeitung "Diario de Mallorca".

"Wir haben massenweise Stornierungen aus Großbritannien, Deutschland und Skandinavien erhalten", klagte ein Sprecher des balearischen Hotelverbandes. In Cala Millor, Cala D'Or und anderen Orten gebe es Hotels, die an diesem Wochenende erstmals nach der Winterpause wieder geöffnet hätten, aber letztlich keinen einzigen Urlauber empfangen würden.

Lufthansa auf Sichtflug

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Die Lufthansa überführt einen Teil ihrer Flotte nach Frankfurt.

(Foto: dpa)

Die Lufthansa schickte nach dem erfolgreichen Sichtflug eines Langstreckenfliegers in Süddeutschland weitere neun Maschinen ohne Passagiere auf die Reise. Bei dem Flieger, der aus München kommend in Frankfurt gelandet sei, seien nach eingehender Prüfung keine Schäden festgestellt worden, sagte ein Lufthansa-Sprecher. Im Drei- bis Fünfminutentakt starteten anschließend weitere neun Maschinen des Typs Boeing 747 und Airbus A340 in München.

Die Fluggesellschaft verlegte die Flugzeuge nach Frankfurt, um sie bei einer Freigabe des gesperrten deutschen Luftraums am richtigen Ort zu haben. Die Maschinen flogen in etwa drei Kilometer Höhe auf Sicht und ohne Passagiere und brauchten daher keine Genehmigung der Flugsicherheit. Die Flüge seien aber mit den Behörden abgestimmt gewesen, sagte der Sprecher weiter.

Nachflugverbot sollte fallen

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(Foto: dpa)

Der Bundesverband der Deutschen Fluggesellschaften (BDF) bat um die Aufhebung der Nachtflugbeschränkung für eine Woche, sobald die Flugsicherung den Luftraum wieder freigegeben habe. Um zehntausende festsitzende Passagiere so schnell wie möglich an ihre Ziele zu bringen, zähle dann "jede Stunde, die wir fliegen dürfen - auch nachts", erklärte BDF-Geschäftsführer Michael Engel. Die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV) ging davon aus, dass es nach einer Freigabe des Luftraums "einige Tage" dauern wird, bis der Flugbetrieb wieder normal läuft.

Nichts geht mehr in Frankreich

Nahezu chaotische Zustände wurden aus Frankreich gemeldet. Dort bleiben alle nordfranzösischen Flughäfen bis mindestens Montag früh geschlossen. Davon betroffen seien auch die beiden Pariser Großflughäfen, teilte das französische Luftfahrtamt mit. Die zuvor ausgenommenen bretonischen Flughäfen sowie Basel-Mülhausen stellten ebenfalls den Verkehr ein. Auch in Bordeaux und Grenoble geht nichts mehr. Die Probleme im Luftverkehr verstärkten das zum Pariser Ferienbeginn übliche Verkehrschaos auf den Fernstraßen. Ein Ausweichen auf die Bahn war für viele Reisende nicht möglich, weil die Staatsbahn SNCF den elften Tag in Folge bestreikt wurde und viele Züge ausfielen.

Volle Züge in Deutschland

Wegen der weitgehenden Sperrung des europäischen Luftraums sind die meisten Reisenden auf die Bahn umgestiegen. Diese stellt mehr Züge als sonst bereit. "Es rollt alles, was rollen kann", sagte ein Sprecher. "Wir beobachten die Situation genau und werden unsere Angebote anpassen." Auch werde mehr Personal eingesetzt. Volle Züge gebe es vor allem auf den ICE-Verbindungen zwischen den großen deutschen Flughäfen Frankfurt/Main, München, Hamburg, Düsseldorf und Berlin sowie Richtung Wien.

Am Berliner Hauptbahnhof suchten hunderte Menschen Alternativen für ihren gebuchten Flug. Vor den Informationsschaltern bildeten sich lange Schlagen. Das Service-Center war völlig überfüllt, die Schlange reichte rund hundert Meter weit.

Enormer Andrang auf Fähren

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Zahlreiche Passagiere versuchen von Calais aus über den Ärmelkanal England zu erreichen.

(Foto: AP)

Nicht nur Auto und Zug sind für viele an Flughäfen gestrandete Reisende eine Hoffnung. Fährbetreiber von und nach England können sich derzeit auch vor Fußgängern kaum retten. Am Freitag habe man 6000 als Fußgänger angemeldete Passagiere über den Ärmelkanal gebracht, an einem regulären Freitag im April seien es 100 bis 200, teilte das Unternehmen P&O Ferries am Samstag mit. P&O verkehrt unter anderem zwischen englischen Häfen und Frankreich, Spanien und den Niederlanden. Derzeit gingen pro Stunde bis zu 1600 Anrufe mit Buchungsanfragen ein, sagte ein Sprecher.

Lage entspannt sich nicht

Der isländische Wetterdienst rechnet mit einer anhaltenden Aschewolkebelastung in Europa. Bei den Höhenwinden werde es vorerst "mehr oder weniger das gleiche" bleiben, sagte ein Mitarbeiter des Meteorologischen Instituts in Reykjavik. Die Asche aus dem isländischen Vulkan Eyjafjallajökull werde weiter Richtung Großbritannien und Skandinavien ziehen. Dies werde "sicher noch Tage, vielleicht aber auch Wochen oder Monate so weitergehen", fügte eine Sprecherin des Institutes im Rundfunk hinzu. Die Rauchsäule erreiche eine Höhe von etwa acht Kilometern, ehe sie sich ausbreitet. Der Wind treibt die für Flugzeuge gefährliche Wolke nach wie vor in südliche Richtung auf den europäischen Kontinent zu.

In der östlichen Umgebung des Vulkans sorgt die massiv niederfallende Asche für immer mehr Dunkelheit auch am Tag. Nach Angaben des Außenministeriums bestehen weder für die Anwohner noch sonst auf Island eine gesundheitliche Gefahren durch den Ausbruch .

Quelle: ntv.de, ppo/dpa/rts

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