Panorama

Vom Klecks zur RevolutionFüller feiert Geburtstag

12.02.2009, 09:17 Uhr

Ein Vertrag musste unterzeichnet werden. Die Feder tropfte. Der Deal platzte. Weil sich Lewis Edson Waterman darüber ärgerte, erfand er vor 125 Jahren den Füllfederhalter.

"Die Tinte macht uns wohl gelehrt, doch ärgert sie, wo sie nicht hingehört." Schon Johann Wolfgang von Goethe wusste gutes Schreibgerät zu schätzen. Der Amerikaner Lewis Edson Waterman hätte sich mit dem Genie aus Frankfurt sicher gut verstanden. Denn aus Ärger über einen Tintenklecks machte er sich 1883 an die Erfindung des Füllfederhalters. Dem Versicherungsmakler aus New York ging es allerdings nicht um die Niederschrift von Poesie - sondern schlicht ums Geld. Immerhin hätte ihn ein Tintenfleck beinahe den Job gekostet. Vor 125 Jahren, am 12. Februar 1884, meldete Waterman seinen Geistesblitz zum Patent an.

Es war eine Erfindung mit Umwegen: 1883 steht Waterman, wird berichtet, vor dem Versicherungsgeschäft seines Lebens. Ein ausgehandelter Vertrag muss nur noch mit einer Unterschrift besiegelt werden. Doch die Signatur wird zum Geschmier: Schwarze Tinte läuft über die Urkunde. Während Waterman einen neuen Vertrag besorgt, sucht sein Geschäftspartner das Weite. Der Deal platzt.

Kapillarprinzip bringt Durchbruch

Lewis Waterman ärgert sich gewaltig. Der Mittvierziger wünscht sich einen Füllfederhalter, der schreibt statt schmiert. In der Werkstatt seines Bruders beginnt er zu tüfteln. Ein Schreibgerät mit Metallfeder und Tintenreservoir gibt es schon, doch Waterman bohrt noch ein kleines Loch in die Feder: Nach dem sogenannten Kapillarprinzip sammelt sich hier die Tinte, um dann gleichmäßig über feine Kanäle auf das Papier zu fließen. Auf dieser "revolutionären" Idee beruhen auch heute noch alle Füllfederhalter, berichtet der Schweizer Schriftkundler Andreas Schenk.

Versicherungsmakler Waterman wechselt die Profession und gründet die "Waterman Pen Company". Anfangs verkauft er seine Füller mit Namen "Regular" noch aus dem Hinterzimmer eines kleinen Zigarrenladens. Trotz einer fünfjährigen Garantie kommt das Geschäft mit den Füllfederhaltern nicht richtig in Schwung. Doch Lewis Waterman glaubt an seinen Schreiber. Mit ausgiebiger Werbung gewinnt er mehr und mehr Kunden. 1888 baut der Erfinder schließlich eine Fabrik im kanadischen Montreal und entwirft zahlreiche neue Designs.

Weltweiten Erfolg nicht mehr erlebt

Den weltweiten Siegeszug seiner Erfindung erlebt Lewis Waterman nicht mehr. 1901 stirbt er, sein Neffe übernimmt die Füllerfabrik. Frank D. Waterman bringt den Schreiber nach Übersee und verkauft bald rund 350.000 "Regular" pro Jahr. Mit den Jahren verdrängt der Füller schließlich Feder und Tintenfass.

Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die Ära des Füllfederhalters. Der Versailler Vertrag wird mit einem goldenen Exemplar von Waterman unterzeichnet. Pelikan, Faber-Castell, Montblanc - immer mehr Firmen spezialisieren sich auf das beliebte Schreibgerät. Eine austauschbare Tintenpatrone aus Plastik macht das Produkt schließlich noch praktischer.

Dann kam in den 50er Jahren der Kugelschreiber, und der Füllfederhalter bekommt ernsthafte Konkurrenz. Auch Schreibmaschinen und später Computer setzen die Füllerfabrikanten unter Druck. Dennoch werden noch heute weltweit Millionen neuer Füllfederhalter verkauft. Allein die Firma Waterman, inzwischen nach Frankreich verkauft und dort ansässig, produziert jedes Jahr noch immer mehr als eine Millionen Schreibgeräte, der Großteil davon Füllfederhalter. Heute gehören edle Federhalter zu den Accessoires von Politikern, Spitzenbeamten, Chefs und Managern. Doch der Umgang will gelernt sein: Blaue Schülerfinger legen seit Generationen Zeugnis davon ab.

Nico Pointner, dpa