Panorama

Schicksal der Vorkriegseinwohner Gdynia forscht per Internet

Die nordpolnische Hafenstadt Gdynia sucht in einer bisher einzigartigen Aktion per Internet Informationen über das Schicksal ihrer 120.000 Vorkriegseinwohner. Die meisten von ihnen wurden von den deutschen Besatzern, die Gdynia in "Gotenhafen" umbenannten, vertrieben oder getötet. "Ziel des Programms ist zu erfahren, was aus den Einwohnern unserer Stadt aus der Vorkriegszeit geworden ist, Name für Name", erklärt Projektchef Ryszard Toczek.

Nach bisherigen Schätzungen vertrieben die Deutschen direkt nach der Einnahme der Stadt schon im Oktober 1939 rund 50.000 Polen. 12.000 bis 13.000 Einwohner - vor allem Führungskräfte, Lehrer und Priester - wurden denselben Schätzungen zufolge in den umliegenden Wäldern erschossen. 1944 öffneten die Nazis die Massengräber wieder und verbrannten die Leichenreste, um alle Spuren zu verwischen.

Erste Zeugen haben sich gemeldet

"Wir verfügen nur über eine Liste von 3000 Toten. Wir haben keine zuverlässigen und vollständigen Daten, das ist der Grund für dieses Projekt", erläutert Toczek. "Diesen Daten sind unentbehrlich, um den Deutschen nicht zu viel oder umgekehrt zu wenig Verbrechen zuzuschreiben. Wir können uns nicht auf Schätzungen verlassen, die unter- oder übertrieben sind." Auf der Website www.2wojna.gdynia.pl hat die Stadt eine erste Liste mit Namen aus dem Telefonbuch von 1937 veröffentlicht. Das Projekt startete am 1. September, dem Jahrestag des Überfalls Deutschlands auf Polen 1939, mit dem der Zweite Weltkrieg begann.

"Es ist der letzte Moment, diese Studie zu machen", betont Toczek. "Von Jahr zu Jahr gibt es weniger Zeitzeugen dieser Geschichtsperiode." Erste Zeugen haben sich bereits gemeldet. Bekannt ist jetzt zum Beispiel das Schicksal einer Einwohnerin von Gdynia, die es im Krieg nach Frankreich verschlug. "Maria Jaszunska, die 1939 in Nummer 89 der Straße Swietojanska wohnte, konnte aus Gdynia fliehen", schrieb ein Internet-Nutzer. "Als junge Angestellte einer französischen Gesellschaft für Seetransporte, die in diesem Haupthafen Polens eine Niederlassung hatte, erhält sie von ihrem Arbeitgeber, der seine Koffer packt, das Angebot, mit den anderen Mitgliedern des französischen und polnischen Personals nach Frankreich zu gehen. Sie wird weiter für diese Gesellschaft in Paris arbeiten, wo sie Anfang der 1970er Jahre stirbt."

Keine Rechnung aufmachen

Auch das Schicksal Einwohner deutscher Abstammung würde Toczek gerne klären. Während der deutschen Besatzung hätten "mehrere zehntausend" Einheimische in Gdynia die deutschen Volkslisten unterschrieben, darunter viele Kaschuben mit einem oder mehreren deutschen Vorfahren. Einige von ihnen seien zur Wehrmacht eingezogen worden, hätten an der Front gekämpft. "Was ist aus ihnen geworden? Wir möchten auch das Schicksal dieser Menschen erfahren", sagt Toczek.

Der Hafen und die Stadt Gdynia wurden erst in den 1920er Jahren gebaut, kurz nachdem Polen seine Unabhängigkeit wiedergewonnen hatte. Das freie Polen hatte nach Ende des Ersten Weltkriegs 1918 nur einen sehr kleinen Zugang zur Ostsee erhalten. Die Hafenstadt Danzig mit mehrheitlich deutscher Bevölkerung gehörte in der Zwischenkriegszeit zwar nicht mehr zu Deutschland, war aber Freistadt unter Aufsicht des Völkerbundes. Das unabhängige Polen beschloss, Gdynia als eigenen polnischen Hafen zu bauen, der wirtschaftliche Unabhängigkeit sichern sollte.

Als die Deutschen Polen besetzen, benannten sie die Stadt um und verleibten sie dem Deutschen Reich ein. Um die 1918 an Polen verlorene Region wieder zu germanisieren, vertrieben die Nazis die polnische Bevölkerung und siedelten Deutsche aus den baltischen Ländern an. In den Hafenanlagen von Gdynia, die damals zu den modernsten an der Ostsee gehörten, bauten die Deutschen einen Militärhafen.

"Wir wollen keine Rechnungen aufmachen wie die Städte Warschau und Posen, die beziffert haben, wie hoch ihr von den Deutschen verursachter finanzieller Verlust war", sagt Toczek. "Unser Ziel ist einfach, unsere Geschichte zu kennen."

Quelle: n-tv.de, Maja Czarnecka, AFP

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