Umweltkatastrophe in EuropaGiftschlamm erreicht die Donau

Nach dem Unfall in einem ungarischen Aluminiumwerk erreicht der ausgeströmte Giftschlamm die Donau. Das Ökosystem des zweitlängsten Flusses Europas ist gefährdet. In kleineren Zuflüssen wird bereits ein Fischsterben beobachtet. Ein weiteres Problem ist der Schlamm vor Ort, der bereits trocknet und dessen Staub die giftigen Schwermetalle enthält.
Ungarn hat sich eine Umweltkatastrophe ereignet, deren Ausmaß noch völlig unklar ist. Hintergrund ist der Chemieunfall in einem Aluminumwerk. Der ausgelaufene Giftschlamm hat unterdessen die Donau erreicht. Bei Messungen am Zusammenfluss von Raab und Donau wurde ein erhöhter Laugengehalt. Nach Angaben der Wasserbehörde ist das Ökosystem des zweitlängsten Flusses Europas gefährdet.
Ein Sprecher des ungarischen Katastrophenschutzes sagte, die Einsatzkräfte versuchen derzeit, durch die Zugabe von Gips den überhöhten Alkali-Gehalt des Wassers zu senken. Im Fluss Marcal, in den der giftige Schlamm zuerst gespült worden war, sei bereits ein Fischsterben zu beobachten, teilte die Behörde weiter mit.
Bernd Schaudinnus, der für Greenpeace Österreich die Aktionen der Umweltschutzorganisation in zentral- und Osteuropa koordiniert, weist im Gespräch mit n-tv darauf hin, dass der "große Schwapp, der jetzt noch unterwegs ist, erst noch in der Donau erwartet wird". Zunächst habe es in Ungarn Pläne gegeben, dass man einen Auffangdamm bauen könnte, damit das Wasser nicht in die Raab fließt. Aber das sei mit Hinweis auf den Verlauf der Katastrophe verworfen worden.
Wenn der Schlamm zu Staub wird
Schaudinnus weist auch auf das Grundproblem mit dem Giftschlamm hin: "Der Schlamm ist ja nicht wie Wasser, das einfach verdunstet. Das Material wird in den Häusern und Gärten bleiben, es wird trocknen und zu Staub werden. Und dieser Staub enthält die Gifte Schwermetalle." Dies sei nach Ansicht Schaudinnus' das große Problem der Zukunft.
Am Montag war aus einem Auffangbecken in einer Aluminiumfabrik in Ajka, 165 Kilometer westlich der Hauptstadt Budapest, hochgiftiger roter Schlamm ausgelaufen, ein Abfallprodukt der Aluminiumproduktion. Etwa 1,1 Millionen Kubikmeter Giftschlamm breiteten sich in den umliegenden Dörfern aus. Vier Menschen kamen ums Leben, darunter ein Kleinkind, mehr als 120 weitere wurden verletzt. Drei Menschen werden noch immer vermisst. Die ungarische Regierung geht davon aus, dass die Reinigungsarbeiten bis zu einem Jahr dauern könnten.
"Extrem starke Lauge"
"Wir haben hier vor Ort, wo die Leute arbeiten, einen pH-Wert von 14 gemessen", so Schaudinnus. "Das heißt, das ist eine extrem starke Lauge, die, wenn man hineingreift, ja nicht sofort wirkt, sondern erst später anfängt zu wirken." Schaudinnus kritisierte, dass die Menschen vor Ort nicht ausreichend informiert seien, "ansonsten würden die nicht mit diesen primitiven Mitteln, mit denen sie hier arbeiten, versuchen, den Schlamm aus den Häusern zu bekommen".
Der Greenpeace-Mann erhob schwere Vorwürfe gegen die ungarischen Behörden. Es sei klar, dass der gebrochene Damm "dieser Belastung einfach nicht standgehalten hat". In der Vergangenheit habe es mehrfach Hinweise aus der Bevölkerung gegeben, "dass der Damm aufweicht und undicht ist".
Sieben Dörfer betroffen
Der bis zu zwei Meter hohe Schlamm begrub in sieben Dörfern Autos unter sich, überschwemmte Wohnungen in mehr als hundert Häusern und machte Straßen unpassierbar. Entlang der Schlammlawine wurde außer Bäumen jede Vegetation zerstört.
"Die Menschen vor Ort seien "nicht nur verängstigt, sie sind auch wütend", sagte Schaudinnus. Ein Einwohner habe zu ihm gesagt: "'Das hier ist schlimmer als Tschernobyl'. Das ist ihr persönliches Empfinden und ich kann es gut verstehen."
Ungarische Kommentatoren kritisierten, dass die Abfälle der in den 90er-Jahren privatisierten ungarischen Aluminiumindustrie nahezu bedenkenlos unter freiem Himmel gelagert werden könnten. Die Politik habe es versäumt, strengere Vorschriften zu erlassen und - wie etwa in der Schweiz, Österreich oder Großbritannien - eine Deponiesteuer einzuführen, bemängelte die Tageszeitung "Nepszabadsag".