Kinder von SamenspendernHalb-Geschwister finden sich

Samenspender bleiben in der Regel anonym - doch ihre Kinder haben einen Weg gefunden, sich zu finden. Möglicherweise keine schlechte Entwicklung: So kann ungewollter Inzest verhindert werden. Denn angesichts von hunderten verdeckter Halbgeschwister ist diese Gefahr absolut real.
Für den ewigen Junggesellen David ist es ein Schock: Nachdem er sich jahrelang als Samenspender etwas dazuverdiente, erfährt der 42-Jährige plötzlich, dass er der Vater von 533 Kindern ist - die sich nun organisieren und bei der Befruchtungsklinik Nachforschungen über ihren Erzeuger anstellen. David ist die Hauptfigur der kanadischen Komödie "Starbuck", die im kommenden Jahr auch in Deutschland in die Kinos kommen soll. Sein Schicksal ist auch in der Wirklichkeit durchaus denkbar: Die Beliebtheit einiger Samenspender führt zu verdeckten Familien-Clans mit dutzenden oder gar mehr als einhundert unverhofften Halb-Geschwistern.
Bei einem unerfüllten Kinderwunsch können Frauen oder Paare das ideale Profil des biologischen Vaters zusammenstellen. Die Informationen in den Katalogen reichen von der Augenfarbe bis zum Bildungsabschluss. Anders als in vielen europäischen Ländern existieren in Nordamerika keine gesetzlichen Vorschriften, um die Anzahl der Kinder pro Samenspender zu begrenzen. Die meisten Samenbanken hätten allerdings ihre eigenen Regeln, sagt Simon Phillips, Leiter einer Klinik für künstliche Befruchtung im kanadischen Montréal. Der internationale Standard liege bei zwanzig Schwangerschaften pro Spender.
150 Kinder mit derselben Nummer
Doch längst nicht alle Kliniken scheinen sich daran zu halten, nicht zuletzt weil einige Samenspender von den Kunden wegen ihrer vermeintlich besseren genetischen Voraussetzungen bevorzugt werden. Die Internetseite "Donor Sibling Registry" hat sich zum Treffpunkt für künstlich gezeugte Kinder auf der Suche nach ihrem biologischen Vater entwickelt. Zwar bleiben Spender anonym, jeder von ihnen hat aber eine Identifikationsnummer - und über die können sich Halb-Geschwister gegenseitig erkennen.
"Wir haben eine Gruppe, der fast 150 Kinder eines einzigen Spenders angehören. Und die Zahl wächst immer weiter", sagt Wendy Kramer, die die Webseite im Jahr 2000 gründete und ebenfalls Mutter eines künstlich gezeugten Kindes ist. "Donor Sibling Registry" hat nach eigenen Angaben bereits mehr als 8700 Halb-Geschwistern geholfen, miteinander in Kontakt zu treten.
Gefahr von ungewolltem Inzest ist real
Experten sehen die massive Verwendung der Samen einzelner Spender kritisch. Sie verweisen auf die Gefahr von ungewolltem Inzest und das gesteigerte Risiko der Übertragung von Erbkrankheiten. Laut Juliet Guichon, Professorin für Bioethik an der Universität Calgary, treffen die Kinder von Samenspendern häufiger aufeinander als gedacht. "Die Leute, die künstliche Befruchtungen in Anspruch nehmen, stammen oft aus den gleichen gesellschaftlichen Milieus", sagt sie. "Sie kennen sich, empfehlen sich gegenseitig Ärzte, leben in den gleichen Vierteln."
Guichon plädiert daher für eine Begrenzung der Kinder pro Samenspender. "Die Samenspenden sind ein Markt. Und bisher wird er von Marktgesetzen regiert und nicht vom Interesse des Kindes", sagt sie. Die Wissenschaftlerin spricht sich auch für die Aufhebung der Spenderanonymität aus, weil dies für eine größere Transparenz und eine bessere Kontrolle der Samenspenden sorgen würde.
Dokumentarfilmer sucht Verwandte
Der in Großbritannien geborene Dokumentarfilmer Barry Stevens ist der Sohn eines Samenspenders und auf der Suche nach seinem biologischen Vater. Bisher hat der 59-Jährige dutzende Halbbrüder und Halbschwestern ausfindig gemacht. Seine verdeckte Verwandtschaft schätzt er auf 500 bis 1000 Menschen weltweit.
"Wir können die Möglichkeit nicht ausschließen, dass sich die Kinder eines Samenspenders treffen, Sex und sogar Kinder haben, ohne zu wissen, dass sie Bruder und Schwester sind", mahnt Stevens. Anders als die Kinokomödie um den Junggesellen David könnte sich diese Geschichte im echten Leben als eine Tragödie erweisen.