Panorama

Keine zweite Welle im Epizentrum Hat China das Virus bereits besiegt?

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In Peking gehören Masken zum Stadtbild - mittlerweile sind sogar wieder größere Veranstaltungen erlaubt. Auch ohne Abstandsregeln.

(Foto: imago images/ITAR-TASS)

In China begann alles - mit Schrecken sah die Welt Anfang des Jahres mit an, wie das Coronavirus die Millionenstadt Wuhan lahmlegte. Die Pandemie war noch keine und erschien weit weg. Doch das Blatt hat sich gewendet: Während Europa unter der zweiten Welle ächzt, ist China auf dem Weg zurück zur Normalität. Wie kann das sein?

Zu Beginn der Corona-Pandemie blickte die ganze Welt voller Sorge auf China. Bilder von überfüllten Krankenhäusern und verzweifelten Menschen in Wuhan gingen um die Welt. Doch die Zeiten haben sich geändert. Während in ganz Europa zuletzt fast 200.000 neue Sars-CoV-2 Infektionen pro Tag gemeldet wurden, sind es in China nur eine Handvoll, in der Regel aus dem Ausland importierte Fälle. So jedenfalls die offiziellen Angaben. "In China lacht man über europäische Staaten, in denen die Corona-Welle zurückkommt", hatte der chinesische Künstler Ai Weiwei Ende September im ZDF gesagt. Hat China die Pandemie tatsächlich hinter sich?

Eine Probe aufs Exempel gab es Anfang Oktober: Zur "goldenen Woche" hatten sich hunderte Million Chinesen auf Reisen zu Sehenswürdigkeiten im ganzen Land begeben. Schließlich gab es acht freie Tage anlässlich des Nationalfeiertags. Gleichzeitig ein wichtiger Test, denn die Reisebeschränkung nach dem Corona-Ausbruch in Wuhan hatte nach Meinung von Experten mutmaßlich dazu beigetragen, das Virus im Land einzudämmen. Doch auch nach der "goldenen Woche" gab es keinen erneuten Corona-Ausbruch. Lediglich in der Stadt Qingdao traten 13 Neuinfektionen auf.

Die Reaktion der chinesischen Behörden: Innerhalb von vier Tagen wurde in Qingdao ein Massentest an zehn Millionen Menschen durchgeführt. Das Ergebnis war, nach allem was bekannt ist, negativ. Doch das Vorgehen steht stellvertretend für die Vorgehensweise Chinas im Kampf gegen das Virus. "Das totalitäre Regime funktioniert eher wie das Militär", erklärte Ai Weiwei. "Man nimmt das Ziel ins Visier und versucht es, mit welchen Mitteln auch immer zu bekämpfen. Da werden Opfer gebracht, auch menschliche Opfer."

76-Tage-Lockdown

Nachdem es den chinesischen Behörden Anfang des Jahres nicht mehr gelang, das Ausmaß der neuen Krankheit zu vertuschen oder kleinzureden, griffen sie hart durch. Über das Epizentrum des Ausbruchs, die Millionenstadt Wuhan, wurde ein Lockdown verhängt, der am Ende 76 Tage andauerte. Die Einwohner durften ihre Häuser nur zum Einkaufen oder für absolut notwendige Erledigungen verlassen. Menschen aus Wohnblöcken mit vielen Infektionen blieb selbst das meist verwehrt. Aus der Stadt wurde nur gelassen, der die nötigen Papiere und Stempel vorweisen konnte, die seine Gesundheit bestätigten. Zudem mussten Ziel und Grund für die Reise angegeben werden.

*Datenschutz

Doch nach und nach lockerten die chinesischen Behörden die Sperre über Wuhan und Teile der Provinz Hubei. Anfang April war Wuhan wieder frei. Seitdem machte sich China Schritt für Schritt auf den Weg zurück in die neue Normalität. Allerdings eine Normalität, in der die Furcht vor einem erneuten Ausbruch allgegenwärtig ist. So wurden im Juni nach einem Ausbruch in einem Pekinger Lebensmittelmarkt wieder eine halbe Million Bewohner der Stadt in den Lockdown geschickt.

China bleibt also wachsam: Einreisende müssen sich bei ihrer Ankunft immer noch für zwei Wochen in überwachte Hotel-Quarantäne begeben. Normale Visa wurden Anfang Oktober immer noch nicht wieder vergeben, auch internationale Flüge waren weiter stark beschränkt. Aus Großstädten wie Peking berichten Reporter, dass immer noch die meisten Menschen Gesichtsmasken tragen. Auch wird an Eingängen zu Geschäften, Restaurants oder Wohngebieten noch immer Fieber gemessen.

App weiß fast alles über Menschen

Allgegenwärtig sind auch die Corona-Apps auf dem Handy: Mit ihnen müssen sich Menschen etwa vor dem Besuch eines Einkaufszentrums registrieren. Anders als in der deutschen Version sind in China etwa auch Passdaten in der App gespeichert. Beim Scannen erhält der Besucher entweder grünes Licht, was bedeutet, dass er sich nicht an den falschen Orten aufgehalten hat und kein Gesundheitsrisiko darstellt. Leuchtet die App rot, muss sich der Betroffene sofort zwei Wochen in Quarantäne begeben. Wie genau die Daten dafür zustande kommen, verraten weder Behörden noch die Hersteller der Apps.

Menschenrechtler kritisieren, dass Peking mit den Apps die Kontrolle über die Bevölkerung ausweitet - und womöglich auch nach Ende der Pandemie aufrechterhalten will. Allerdings tragen diese aus europäischer Sicht rigiden Maßnahmen auch dazu bei, dass das öffentliche Leben wieder zum Zustand vor der Pandemie zurückkehrt. Inzwischen sind sogar wieder Clubs geöffnet und Konzerte erlaubt, Abstandsregeln gehören mancherorts bereits der Vergangenheit an. Für Deutschland und Europa scheint Derartiges noch in ferner Zukunft zu liegen.

Auch für die chinesische Wirtschaft hat sich das harte Durchgreifen der Behörden gelohnt. Im Spätsommer hatte sie sich weiter kräftig vom Corona-Schock erholt: Das Bruttoinlandsprodukt stieg von Juli bis September um fast fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Im ersten Quartal war es offiziellen Zahlen zufolge noch um fast sieben Prozent im Vorjahresvergleich eingebrochen. Doch während noch im zweiten Quartal in anderen Ländern der Welt die Konjunktur einbrach, konnte Chinas Wirtschaft schon um mehr als drei Prozent zulegen.

China sieht sich schon als Retter

In der Volksrepublik sieht man sich mittlerweile sogar in der Rolle des Retters vor dem Virus: Anfang September hatte Staats- und Parteichef Xi Jinping den Beitrag seines Landes zur weltweiten Bekämpfung der Corona-Pandemie hervorgehoben. "China hat mit seinen praktischen Maßnahmen geholfen, das Leben von Dutzenden Millionen Menschen auf der Welt zu retten", sagte Xi bei einer Rede in Peking. Nicht zu leugnen ist: China lieferte tonnenweise medizinische Hilfsgüter wie Masken an Länder in aller Welt - auch nach Deutschland.

Doch ist das Virus in China tatsächlich besiegt? Sicher scheint: Bei einer Bevölkerung von fast 1,4 Milliarden Menschen und bisher nur 90.000 Infizierten könnte dem Land ohne anhaltende Maßnahmen rasch eine neue Welle des hochansteckenden Erregers Sars-CoV-2 drohen. Denn noch immer wird der Erreger von außen ins Land eingeschleppt, solange er im Rest der Welt noch wütet. Den einzigen wirklichen Ausweg aus der Pandemie sehen Experten in einem wirksamen Impfstoff.

Und auch dabei ist man in China schon weiter: Nach offiziellen Angaben wurde bereits hunderttausenden von Hafenarbeitern, medizinischem Personal und weiteren Risikogruppen ein experimenteller Impfstoff verabreicht. Unerwünschte Reaktionen soll es laut den Behörden keine gegeben haben. Einen zugelassenen Impfstoff gibt es in China zwar noch nicht, doch die Regierung in Peking gibt sich zuversichtlich, diesen noch vor Jahresende einführen zu können. Elf chinesische Impfstoffe werden derzeit in klinischen Studien getestet, vier davon befinden sich in der dritten und letzten Testphase.

Während in Europa die Corona-Zukunft also noch ungewiss ist, blickt man in China schon voller Zuversicht nach vorne. Das Coronavirus scheint in der Volksrepublik bereits ein Teil der Vergangenheit zu sein, so jedenfalls soll es den Anschein haben. Anfang August wurde im Pekinger Nationalmuseum eine Ausstellung mit dem Namen "Einheit ist Stärke - eine Kunstausstellung über den Kampf gegen Covid-19" eröffnet. Die Botschaft ist klar: Unter der Führung der Kommunistischen Partei hat China das Virus besiegt.

Quelle: ntv.de