"Kulturgut Kneipe gefährdet"Hessen rauchfrei
Gastwirte sehen ihre Existenz bedroht, Nichtraucher haben wieder Spaß am Ausgehen: Auch drei Monate nach seiner Einführung spaltet das Rauchverbot in Hessen die Gemüter.
Gastwirte sehen ihre Existenz bedroht, Nichtraucher blühen hingegen auf: Das Rauchverbot in Hessen spaltet drei Monate nach dem Start noch immer die Gemüter. "Das Kulturgut Kneipe ist extrem gefährdet", sagt der Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) Hessen, Clauss Tiemeyer.
"Das ist für die Raucher zwar unangenehm. Für die Mehrheit, die nicht raucht, ist es aber ein Segen, dass keiner mehr in Zügen, Bahnhöfen und der Gastronomie qualmt", sagt der Geschäftsführer der Landesstelle für Suchtfragen, Wolfgang Schmidt.
3300 tote Passivraucher jährlich
Nach Hessen, Baden-Württemberg und Niedersachsen ist von 2008 das Rauchen auch in acht anderen Bundesländern verboten. Mehr als 3300 Nichtraucher sterben dem Deutschen Krebsforschungszentrum zufolge jedes Jahr an den Folgen des Passivrauchens. Verbote schützten nicht nur die Nichtraucher, sondern animierten auch die Raucher, ihr Laster aufzugeben.
"Die nichtrauchenden Gäste kompensieren das Wegbleiben der rauchenden Gäste nicht", stellt Tiemeyer von der DEHOGA fest. "Viele Betriebe befürchten, die Wintermonate nicht überstehen zu können." Fünf sogenannte Eckkneipen hätten in Folge des Rauchverbots schon schließen müssen, oder stünden kurz davor.
Hohe Umsatzeinbußen in der Gastronomie
Eine Erhebung für ganz Hessen gebe es zwar noch nicht, eine Umfrage der IHK Kassel unter 1400 Gastronomen sei aber aufs Land übertragbar, sagt Tiemeyer. Danach fällt es jedem dritten Caf-, Restaurant- und Kneipenbesitzer schwer, die wirtschaftlichen Folgen des Rauchverbots zu kompensieren. 15 Prozent der Betriebe beziffern ihre Umsatzeinbußen auf mehr als 50 Prozent. Gut jeder zweite Befragte geht davon aus, dass sein Geschäft weiter einbricht, viele sehen ihr Lokal sogar vor dem Aus. "Die Mehrheit der Befragten ist nicht für die Abschaffung des Gesetzes, sondern fordert Nachbesserungen im Sinne einer Wahlfreiheit", stellt die IHK fest.
Dem Suchtexperten Schmidt wären dagegen gar keine Ausnahmen am liebsten, auch weil sie verhinderten, dass je nach lokaler und räumlicher Gegebenheit die einen davon profitieren und die anderen nicht. "Die Gastronomie - ob groß oder klein - muss rauchfrei sein."
Raucher sammeln Unterschriften
In Hessen gibt es eine Reihe lokaler Initiativen gegen das Rauchverbot: Frankfurter Wirte gehen immer wieder auf die Straße, andere sammeln Unterschriften oder schicken Ministerpräsident Roland Koch (CDU) Postkarten mit der Aufschrift "Wir wollen frei wählen können! Ihre Gastronomiegäste". Eine Kasseler Initiative will das Gesetz per Volksbegehren kippen.
Einige Wirte mussten bereits Bußgeld bezahlen: In Frankfurt wurden gegen ein Unternehmen mit drei Betrieben je 270 Euro Ordnungsgeld verhängt. "Die haben aber auch Schilder mit "Hier darf weiter geraucht werden" aufgehängt", sagt Klaus Diekmann vom Ordnungsamt. Bis zur Faschingssaison Anfang Februar werde noch eine Schonfrist gelten und vor allem an die Vernunft von Wirten und Gästen appelliert.
Keine einheitliche Umsetzung des Verbots
Die Kontrollen und die Verhängung von Sanktionen würden "total unterschiedlich gehandhabt", kritisiert Tiemeyer vom DEHOGA. In Taunusstein etwa sei eine Wirtin mit einem sehr niedrigen Tagesumsatz zehn Minuten nach Öffnung ihres Lokals mit einer Zigarette angetroffen und gleich zu 845 Euro Bußgeld verdonnert worden. Schmidt berichtet von Wirten, die das Gesetz ignorierten, die noch keine großen Sanktionen erfuhren.
Von Ira Schaible, dpa