Keine Milde nach 225 JahrenHexenmord bleibt rechtens
Vor 225 wurde in der Schweiz die letzte Hexe in Europa hingerichtet. Obwohl nun ein Museum an den Fall erinnern soll, weigern sich Kirche und Behörden weiterhin, die Frau zu rehabilitieren.
Anna Göldi gilt als die letzte Hexe, die in Europa hingerichtet wurde. Vor 225 Jahren wurde die Dienstmagd in der Schweiz enthauptet. An diesem Samstag soll in Mollis im Kanton Glarus südlich von Zürich ihr zu Ehren ein Museum eröffnet werden.
Dass derartige Prozesse Unrecht waren, darüber sind sich heute alle einig. Doch Forderungen, Anna Göldi zu rehabilitieren - und damit auch ein Zeichen zu setzen für die vielen anderen, oft sozial unangepassten Frauen, die in Europa als Hexen verfolgt wurden - sind bislang ungehört geblieben.
Die Tochter des Liebhabers verhext
Der Fall: Die schöne Magd wird vom Hausherrn geschwängert. Der will sie loswerden, hat er doch als Richter und Amtsherr einen Ruf zu verlieren. So beschuldigt Johann Jakob Tschudi die Schwangere eines Verbrechens.
Sie soll seine achtjährige Tochter so verhext haben, dass das Kind Nadeln spie und sich zum Krüppel entwickelte. Mutig setzte sich Anna Göldi im Prozess zur Wehr. Doch unter schwerer Folter gab sie schließlich zu, mit dem Teufel im Bunde gestanden zu haben. Am 13. Juni 1782 wurde sie im Kanton Glarus enthauptet.
Bis heute weigern sich staatliche wie kirchliche Stellen, die Verurteilte zu rehabilitieren. Nun soll mit einem Museum die Geschichte, die bereits in verschiedenen Büchern und einem Film aufgegriffen wurde, aufgearbeitet und gleichzeitig auch ein Mahnmal gesetzt werden gegen Willkür und Machtmissbrauch.
Denn selbst dass ihr nachgesagt wird, die letzte Hexe gewesen zu sein, ist nicht ganz korrekt. Der Prozess wurde Anna Göldi wegen "Vergiftung und Verzauberung" gemacht, den Hexenwahn verschwiegen ihre Richter wohlweislich. Dann hätte man sie verbrennen müssen.
Die Kirche besteht bis heute auf das Urteil
"Es war schon sehr schlimm, was es damals an Klassenunterschieden gab", sagt die im Ortsmuseum von Mollis engagierte Marianne Nef. So habe die damalige Obrigkeit eine einfache Magd mit Folter zum Geständnis zwingen können. "Es musste alles verheimlicht werden, es war ein Machtspiel - und das gibt es heute auch noch", meint die kleine Frau. Für Nef ist deshalb die Eröffnung der Dauerausstellung auch hochaktuell und von großer Symbolkraft.
Im neuen Museum sieht man sowohl eine Kerkerzelle wie auch Folterwerkzeuge, ähnlich denen, mit denen Anna traktiert wurde. Originaldokumente existieren nicht – vermutlich, weil vieles verheimlicht werden sollte. Nicht einmal der Name Anna Göldis wurde nach der Hinrichtung der 48-Jährigen in das Totenregister aufgenommen.
Auch nach 225 Jahren kein Abschluss des Falls
Der in der Region beheimatete Journalist Walter Hauser hat ihr Schicksal in seinem in diesem Jahr erschienen Buch "Der Justizmord an Anna Göldi" anschaulich beschrieben. "Mir war sehr wichtig, die politischen und gesellschaftlichen Mechanismen jener Epoche aufzuzeigen. Sie könnten sich auch heute wiederholen", sagt der Jurist.
Der Kanton Glarus und auch die beteiligte evangelisch-reformierten Kirche lehnen es jedoch ab, die Magd zu rehabilitieren. In Glarus argumentiert man, die Bevölkerung habe Anna eh längst rehabilitiert, da man sie ja für unschuldig halte. Zur Forderung, der Fall müsse "mit der nötigen Würde abgeschlossen" werden, schrieb die Kantonsregierung von Glarus: "Das Schicksal der Anna Göldi wird nicht abgeschlossen werden können." Das sei auch richtig, heißt es in dem Schreiben weiter, bleibe damit doch die Mahnung bestehen.
Heinz-Peter Dietrich, dpa