Panorama

"Rad weg? Klau dir eins zurück" In Holland ist kein Fahrrad sicher

Nirgendwo gibt es pro Einwohner so viele Fahrräder wie in Holland. Und nirgendwo werden so viele gestohlen. Wie es scheint, ist dagegen kein Kraut gewachsen.

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Egal ob Bügel- oder Ringschloss, Stahlkabel oder Eisenkette - die Diebe knacken sie alle.

(Foto: dpa)

Piet Hein Donner gehört seit Jahren zu Hollands Spitzenpolitikern. Doch in einer Hinsicht ist der mehrfache Minister ein ganz durchschnittlicher Niederländer: Zur Arbeit fährt er mit dem Rad. Und schon zweimal wurde ihm eins gestohlen. Zuletzt aus einer schwer bewachten Garage der Regierung. Keinen Holländer erstaunte das. "Fiets jatten" - das Fahrradklauen - ist trotz aller Bemühungen von Polizei und Verbänden immer noch Landplage und heimlicher Volkssport zugleich.

Weltweit ist Holland als Radlerparadies mit mehr Fahrrädern (18 Millionen) als Einwohnern (16,6 Millionen) bekannt. Vorbildlich sind die tausende Kilometer ausgebauter Radwege. Hier sind Pedalritter so sicher wie in keinem anderen Land. Nur die Räder sind es nicht: 2009 wurden nach Angaben des niederländischen Radlerbundes (Fietsersbond) fast 900.000 gestohlen. "Es werden einfach nirgendwo auf der Welt so viele Fahrräder geklaut wie bei uns", konstatierte die Zeitung "de Volkskrant".

Klauen als Selbstverständlichkeit

Die Gründe sind recht unterschiedlich. "Das ist fast wie eine Sucht", sagt ein junger Amsterdamer mit dem "Künstlernamen" Jan de Kampioen. Ein Champion ist er im Knacken von Fahrradschlössern, vornehmlich Made in Germany. "Prima Qualität, aber sie protzen in der Werbung, diebstahlsicher und so Zeugs - eine echte Herausforderung." Ob Bügel- oder Ringschloss, Stahlkabel oder Eisenkette - Spezialisten wie Jan beteuern, dass sie sich durch nichts stoppen lassen.

Etliche Tricks erfährt man in Chatforen. Wer mitliest, staunt, was alles möglich ist. Vor allem jedoch über die Selbstverständlichkeit, mit der die Klaumotive allgemein akzeptiert werden. "Hallo, Leute. Gerade wieder ein Rad losgeworden", schreibt jemand mit dem Benutzernamen "MVC". "Muss mir eins zurückklauen, habt ihr Tipps?" Vor Ratschlägen kann er/sie sich kaum retten. "Bei uns", sagt eine Psychologie-Studentin in Amsterdam, "herrscht die Auffassung vor, dass Räder irgendwie doch allen gehören sollten. Vielleicht ein Erbe der guten alten Hausbesetzerzeiten."

"Da ist ja mein Fahrrad!"

Immer wieder gibt es Initiativen gegen den Fahrradklau. Manche wirken gelegentlich. Zumindest in überschaubaren Kleinstädten hat die Polizei mit Überwachungskameras Erfolge - sofern wirklich Beamte eingesetzt werden, die sie im Blick behalten. Viele Käufer teurer Räder lassen ihre Edelbikes inzwischen mit kaum entfernbaren Codes markieren und in Internetregistern eintragen. Bei Kontrollen auf Wochenmärkten oder in Second-Hand-Läden kann dadurch so manch geklautes "Fiets" beschlagnahmt werden.

Doch wenn es nicht um Luxusräder geht, ist den meisten ein solcher Aufwand zu groß. "Dein Rad ist weg? Klau dir eins zurück", lautet oft die Reaktion von Freunden. Gelegentlich wird dann noch der Kalauer über "die absolut billigste Methode der Radbeschaffung in Holland" nachgeschoben. Ein wenig Courage ist dafür erforderlich, denn an Frechheit übertrifft sie gewöhnlichen Diebstahl: Man gehe energisch auf eine Gruppe Studenten mit Rädern zu, strecke die Hand aus und rufe empört: "Da ist ja mein Fahrrad!". Mindestens einer werde vor Schreck seinen Drahtesel fallenlassen und wegrennen. Rad aufheben, zufrieden wegradeln, so einfach geht das.

Quelle: ntv.de, Thomas Burmeister, dpa